verstauben,
verstäuben,
verb. beide sind nicht reinlich zu scheiden, und in enger beziehung zu ihnen steht verstieben
und verstöbern (
s. d.).
im mhd. liegt neben verstieben
nur ein causatives verstöuben
vor, während das simplex umlautlos ist mhd. wb. 2, 2, 648
a, 649
a; Lexer
hdwb. 3, 252, 253. Stieler 2124
verzeichnet ein intrans. versteuben = zersteuben; Maaler 432
c, Dentzler 313
a, Kirsch 2, 313
b ein trans. verstöuben, verstäuben; Kramer
it. dict. 2, 916
c, 917
a,
hoch-niderteutsch. dict. 247
c kennt verstäuben
in beiden functionen und scheidet es nicht von verstieben, verstöbern.
mit Frisch 2, 322
b beginnt die unterscheidung eines intrans., umlautlosen verstauben
von einem trans., umgelauteten verstäuben,
wie sie Adelung, Campe
und die grammatiker festhalten. aber in der literatur selbst des 19.
jhs. werden die formen vermischt gebraucht, so dasz für die darstellung mit Heyne 3, 1255
und th. 1, 1658
die gemeinsame behandlung sich empfiehlt. an den literarischen belegen läszt sich beobachten, dasz verstäuben
in trans. function durchaus, in intrans. im allgemeinen überwiegt, in der reflex. allein herrscht. verstäuben
wie verstauben
sind als causativbildungen zu verstieben
anzusehen, die zum theil ihrerseits wieder intrans. bedeutung angenommen haben. dasz daneben noch in jüngerer zeit eine zustandsbildung in unmittelbarer anlehnung an das subst. staub
erfolgt ist, läszt sich nach beispielen wie verdreckt, verschmutzt
wohl annehmen; vgl. th. 10, 2, 1097, 1099, 1102.
der bedeutung nach ist jedenfalls ein intrans., seit dem 18.
jh. belegtes verstauben II '
sich mit staub überziehen'
davon zu trennen; am üblichsten in der form des part. prät. Paul
wb.2 521.
lexicalisch gebucht ist es schon bei Kramer
it. dict. 2, 917
a als verstäuben,
während es bei Frisch, Adelung, Campe
fehlt. II. verstäuben, verstauben
in dem sinne von verstieben. I@AA.
intrans.: versteuben
et zersteuben,
evanescere, exolescere, quasi in cinerem vanescere Stieler 2124; versteuben,
evanescere Dentzler 313
b; verstäuben, zerstäuben, verstieben, zerstieben, verstöbern, zerstöbern,
dispergersi, guastarsi, corrompersi di sito e di polvere, dissiparsi in aria come la polvere Kramer
it. dict. 2, 916
c; verstauben,
ut pulvis surgere et dissipari Frisch 2, 322
b;
in staub oder in gestalt des staubes verfliegen Adelung, Campe;
als staub umhergeschleudert werden Unger-Khull
steir. wb. 227
b. I@A@11)
in einzelnen bestandtheilen auseinanderstieben, wie mehl, staub, spreu, asche, tropfen: in den mühlen verstaubet viel mehl Adelung; bei dieser art zu pudern verstaubet viel puder Campe; wenn drei säcke in die mühle kommen, so verstauben sie bis auf zwei Riehl
deutsche arbeit 127; dann was einer unrecht gewind, das versteübt wie spreüer im wind Ayrer
dramen 2828
Keller; wie rauch verstäubet durch den wind, wie wachs das eine flamm' empfindt zerschmiltzt und wird zu nichte Opitz
psalmen (1637) 178; kein ungelegter schnee verstäubt und schmiltzt so leicht .. als schönheit der gestalt aus unsern augen weicht Ziegler
Banise (1689) 586; dis, sag' ich, solt auch mit des leibes aschen verbrenn't, vertilg't, verstäub't seyn Lohenstein
Agrippina (1685) 87; und bald ist auch dein staub verstaubt Rückert 4, 233; (
siegespalmen und olivenzweige) welche mit ihrer rühmenswürdigen asche nimmermehr verstäuben können
Amaranthes (1715)
vorr. 6
a; das gewitter verstäubte Jean Paul
Titan 1, 51. I@A@22)
von festen körpern, die sich in ihre bestandtheile auflösen: er ist, der beide schuf und erneuet, vor dem die himmel fliehn und die erde ins unermeszliche verstäubet Herder 11, 257; so bald mein blitz dein gläsern haupt zerschellt, verstäubt Persepolis bisz auff kaum vierzig säulen Lohenstein
Sophonisbe 5, 656 (
s. 98); Cimberus silber-haar verstäubet, weil der cronerb wird verschart Gryphius
trauerspiele 396
Palm (
Stuardus 2, 550); ein jedes ding verstäubt; der anfang zeugt das ende Opitz
teutsche poemata 64
neudr.; sol denn mein fleisch, der würmer spott, ohn lebens-trost verstäuben? S.
Dach ged. 182; bin ich ewig? oder verstäub' ich? erstand er? verwest er? Klopstock
Messias 15, 228; dies leben verstäubt nicht in der luft? J. G. Jacobi 3, 11; seines herzens glocke hat ausgetönt, und sein gebein ist längst verstaubt
moderne dichtercharakt. 61
Arent-Conradi-Henckell. I@A@33)
in übertragenem sinne: die zeitlichen güter verstäuben ... alle, wie der schnee und regen im winde Kramer
it. dict. 2, 917
a; alleine diese schmach versteubt wie nebel für der sonn' Lohenstein
geistl. gedancken (1680) 91; schätze, die niemals verstäuben Schubart
ged. 1, 128; wohl mir, ich fühle wer ich sei; wie leicht verstäuben meine sorgen!
F. L. Stolberg 2, 102; so grosz und ungeheuer dasz aller fabeln graus dabey verstäubt Gottsched
beyträge z. crit. historie 1, 103; die proben, die dieser verdienstvolle mann gegeben, liegen in ihrer entwickelung da, und wie verstäuben gegen sie die schlacken eines Claudians! Herder 3, 249.
ungewöhnlich: einer von uns beiden soll hier verstauben (
auf dem kampfplatze bleiben) Novalis 1, 272. I@A@44)
subst. infinitiv. zu A 1: die durch .. bearbeitung (verstauben) der verpflegungsvorräte entstehenden gewichtsverluste Alten
hdb. für heer u. flotte 1, 22;
zu A 2: ich ... gedacht' .. des verstäubens und verwesens alles irdischen Zschokke 16, 116;
zu A 3: nur so kann .. vermieden werden jenes so häufig vorkommende und so zerstörende verstäuben (
des auszergewöhnlichen menschen) ins unermeszliche Grillparzer 15, 64. I@A@55)
attributiv gebrauchtes part. präs.; zu A 1: ihre verstäubenden sämchen sind von befestigter dauer, die nicht die flut auflöset Bodmer
Noah 218 (7, 394); die nectarien und ihre sich loslösenden tropfen kündigen sich an als höchst bedeutend und den verstäubenden organen verwandt Göthe II 6, 195
Weim.; an den sorgen so hoher menschen, wo man mit einem blicke ihre verstäubende asche und ihr ewiges wesenhaftes fortleben auf der oberwelt umfaszt Immermann 20, 87; die verstäubenden tropfen strahlten von der sonne beglänzt Gaudy 13, 29.
zu A 2: als wollt' er gleichsam in irgend einem kirchenstuhl oder in dem beichtstuhl den verstäubenden lehrer seiner jugend und dieser gemeinde suchen, der drauszen unter dem weiszen grabesstein .. die hülle seines frommen herzens ablegte Jean Paul 3, 124; denn den verstäubenden schatz altspanischer schriften und lieder ...... trug er zu sichten mir an Geibel 5, 99.
prädicativ, zu A 2: und verstäubend himmelan will die erde steigen Rückert 2, 461. I@A@66)
part. prät.; zu A 3: wie krümmen alsden der tugenden höchste sich ins kleine! wie fliegt ihr wesen verstäubt in die luft aus Klopstock
bei Campe (
allg. d. bibl. 107, 420).
mit wortspiel: der könig, der in banden war des grafen von Schwerin, das war der könig Waldemar, verstäubt sein hermelin (
verstoben seine herrschaft) D. v. Liliencron
3 7, 26; uns aber wäre der festtag verstäubt, wenn wir den stolzen (
landgrafen im turnier) vor seinem schlosse in den staub legten Freytag 10, 7. I@BB.
trans.: verstöuben, hinwäg treyben, oder verjagen,
absterrere de frumento anseres, dispellere, protelare Maaler 432
c; verstäuben,
fugere, propellere Dentzler 313
a;
pulverare, in pulverem dissolvere Kirsch 2, 313
b;
facere, ut surgat quid in aerem et dissipetur Frisch 2, 322
b;
verstauben machen, in staub davon fliegen lassen Adelung, Campe. I@B@11) der wind verstäubt den regen, den schnee, den sand Kramer
it. dict. 2, 917
a; vieles mehl verstäuben Adelung; viel puder Campe; ich hab mein feinstes und reinstes mehl verstaubet in der welt Zinkgref-Weidner
apophthegmata (1653) 3, 92; die erziehung der meisten ist nur ein system von regeln .. höchstens wöchentlich einige male ihm (
dem kinde) unter dem sturmwinde des zornes so viel mehl der lehren zuzumessen, als er verstäuben kann Jean Paul (1827) 36, XXVII; der wind sauste über die ... ebne, schnob in die kohlen der bivouacfeuer ... und verstäubte die weithin sprühenden funken Gaudy 18, 90.
die asche: der menschen leiber, so da .. vom windt hin und wieder verwehet, .. durch den windt von etlichen kirchhöffen verstaubet .. sind worden Schaller
theolog. heroldt (1604) 178; seit diese verschwunden ist von der oberfläche der erde, verstäubt in aschen und funken, — was ist denn da noch gut genug, .. als ihr totenopfer Fouqué
bildersaal 2, 371.
im allgemeinen spricht man jetzt häufiger vom ausstäuben
als vom verstäuben
der antheren, wenn diese den blüthenstaub heraustreten lassen. in der form des subst. infinitivs: die dem verstäuben des pollens vorausgehenden veränderungen sind ... von der witterung abhängig Kerner v. Marilaun
pflanzenleben 2, 127; staubblätter, .. vor dem verstäuben purpurrot, zuletzt schwärzlich Schlechtendal
flora von Deutschland 5 10, 35.
übertragen: und das seufzen, das wir treiben, hilft der leichte wind verstäuben Fleming
ged. 1, 363, 12. I@B@22)
von der verwesung: gleich des feldes blumen werde alles fleisch verstäubt Voss
ged. 4, 84; ob ihn gleich der tod nicht getödtet, nicht hatte verstäubt die verwesung Klopstock
Messias 10, 660. I@B@33)
uneigentlich, gleich einem staube nach allen seiten auseinander treiben Campe; die einander halsend, mit geschrey verstöuben, und von einanderen treyben,
amplexus clamore dissipare; ein versambleten radt verstöuben,
confringere consilia Maaler 432
c; ich wil sie zustoszen wie staub auff der erden, wie kot auff der gassen wil ich sie versteuben und zustreuen
2 Sam. 22, 43; diser zeit hat die pestilentz das cammergericht zu Speyr versteubt: ward gen Eszlingen gelegt Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 121
b. I@B@44) Campe
bucht ohne belege '
durch stäuben verbrauchen'. I@CC.
reflex. sich verstäuben,
in staub, in kleine feine theile gleich einem staube sich vertheilen, verfliegen Campe; (
die pflanze) verstäubt sich selbst im blühen nicht genug Göthe II 6, 190
Weim.; sie liegt, diese wolke, über dem weiten grabe der menschen, in das sich wie ein wasserfall, der herabziehende menschenstrom verstäubt Jean Paul
bei Campe.
mhd. in übertragenem sinne, '
sich verflüchtigen': uf daʒ von unser chrancheit sich aller zwivelunge leit vertribe unde hin versteube
passional 116, 2
Hahn. das ganze verstäuben I
zeigt grosze ähnlichkeit mit versprühen (
sp. 1504
ff.). IIII. verstauben '
sich mit staub überziehen, durch staub verdorben werden',
wie verhageln, verregnen
gebildet. zur erklärung der bedeutung ist auch das mnld. verstuven
heranzuziehen, door zandverstuiving onbruikbaar worden Verdam
hdwb. 639
a.
da es sich zuerst bei Kramer
in umgelauteter form findet, ungeschieden von verstauben I,
bis die in der mehrzahl nicht umgelauteten belege mit Göthe
einsetzen, scheint es sich aus jenem entwickelt zu haben. dann liegt der begriff der zersetzung, der verderbnis zu grunde. II@AA.
den zusammenhang mit I
bezeugen verschiedene stellen dieser art bis in die jüngste zeit hinein, wo der begriff der auflösung mit dem des einstaubens verbunden erscheint: denn die erd' ist zerrüttet und in den trümmern der erde liegen sie alle verstäubt die beglänzten altäre, von denen mir anbetungen schollen Klopstock
Messias 18, 687; an unsern nackten stirnen klebt ein verstäubter kranz Platen 1, 43; so sind doch so viel vergessene namen, so viel nun bereits verstäubte werke darin namhaft gemacht
allg. d. bibliothek 3
1, 105; so hoffnungslos verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand (
die alte jungfer) Th. Mann
Buddenbrooks 2, 433; der mann sah ein wenig verstaubt aus: dreiszig jahre in Grabenhagen schulmeister Polenz
Grabenhäger 1, 6. II@BB.
intrans. gebrauch. II@B@11)
mit staub bedeckt, durch staub verdorben werden: möbel, bücher verstauben Heyne;
schwäb. steir. verstauben,
staubig werden Fischer 2, 1355; Unger-Khull 227
b; es verstäubt alles in meinem zimmer,
ogni cosa si guasta di sito e di polvere nella mia stanza; er läst seine bücher lieber verstäuben, als dasz er darinnen studire Kramer
it. dict. 2, 917
a; die optischen apparate, welche das jahr über verstauben und verblinden Göthe II 5
1, 330
Weim.; altes und neues .. hat sein .. sammelgeist an sich gezogen um es theils zu verwahren .. oder auch, wie es fällt, manches verstauben, verrosten und vermodern zu lassen IV 19, 48. II@B@22)
subst. infinitiv: um das verstauben zu verhüten Karmarsch-Heeren
techn. wb. 1, 248. II@B@33)
part. präs. in prädicativem gebrauch: saalanbau, der, verstaubend und verfallend, längst .. den kapellencharakter abgestreift hatte Fontane 1, 21. II@B@44)
part. prät.: lothring. verstaibt,
mit staub bedeckt Follmann 154
a.
ins dän. aus dem deutschen übernommen: vorstøvet,
bestaubt, staubig Helms
wb. 123
b. II@B@4@aa)
attributiv gebraucht: (
sie) griefen nach ihren verstaubten bibeln und gebethbüchern Schubart
schwäb. chronik (1791) 118; er ... legte die ganze unterredung und ein dickes, verstäubtes actenbündel .. vor seinem minister nieder Freytag 7, 38; beide männer hatten .. unter dem verstaubten regal .. platz genommen Fontane 1, 331; zuletzt war er in die thürme gestiegen und hatte die ruhigen, verstaubten glocken hängen sehen Stifter 3, 356; ich durchwanderte die verstaubten ... räume Seidel
vorstadtgesch. 106; (
er) verwunderte sich nicht wenig, da er den verstaubten wandersmann erkannte Eichendorff 3, 310. II@B@4@bb)
prädicativ gebraucht: naturalien-kabinet, .. das .. schöne sachen enthält, leidlich geordnet aber verstaubt Göthe III 8, 283
Weim.; wenn ich den kaffee dann gar in dem herrlichen grottenwerk reichte, das nun freylich verstaubt und halb verfallen mir dasteht 50, 211 (
Hermann u. Dorothea 3); waffen waren rings aufgestellt, zerstreut auch hin und wieder, verschüttet und verstaubt von vielen jahren Chamisso 4, 35; jetzt freilich sind die goldnen lettern allzu verbräunt und verstaubt Gaudy 4, 64; nein, kind, das gehört nicht da herein .. das sieht verstaubt aus Schnitzler
liebelei 105; reiter, erhitzt und verstaubt, voll gerüstet, .. zieht wie ein wildes wetter auf Schönherr
glaube u. heimat 68. II@B@4@cc)
in übertragener verwendung: dasz er die tage, die verstaubten, des alten ohmes klopfte rein Immermann 13, 85; die leute holten ihr biszchen verstaubte menschenkenntnis hervor Th. Mann
Buddenbrooks 2, 370. II@CC.
trans. selten, '
staubig machen': wird man in der stadt so verstäubt und von allen seiten gestoszen? das ist traurig Freytag 6, 231; es ist ein land, wo die philister thronen, die krämer fahren und das grün verstauben Eichendorff 1, 351.
übertragen: ist ein wissen dir gegeben, liebes herz, sorge, dasz es nicht verstaube deine lust! Rückert 1, 586.