verfällen,
verb. zu falle bringen, fallen machen, mhd. vervellen,
transitiv zu verfallen.
zusammensetzung mit fällen (
theil 3, 1284),
dessen bedeutung nicht wesentlich geändert wird, aber während einfaches fällen
besonders die sinnliche bedeutung entwickelt hat, wird verfällen
vor allem für die abstraction verwandt. 11)
zu falle bringen, umstürzen; mit sächlichem objecte: mhd. ouch vielent die berge zuosamene und verfelletent stette und dörfer,
städtechron. 9, 862, 13; dô sprâchen die mernêre: herre, herre sîn ist zît, wirf der vrouwen âʒ besît, daʒ uns icht ungelucke hie durch ir willen drucke, und virvelle in den grunt.
passional 379, 62
Hahn; nhd. wann man den schreiber liest, so unter Titus hand gefangen worden ist, der in ein raues feld und steine liesz verfellen die stadt Jerusalem mit ihren schönen wällen. Opitz
Hugo Grotius 352;
mit persönlichem objecte selten, so verfällen einen vornehmen übelthäter,
ihn mit verbundenen augen auf ein überschnellendes brett führen, und so in eine grube oder einen brunnen werfen, ehemals vorkommende todesstrafe. Schm. 1, 706
Fromm.; sonst ist verfällen
nur in der bildlichen bedeutung: ein junckvrowe verfellen,
deflorare. Dief. 170 (15.
jh.); ein jungkfrauw oder dochter verfellen, schwechen,
vitiare, comprimere virginem. Maaler 418
b; ein weibsbild beschlafen und schwechen oder verfellen,
stuprare. Calepinus
dict. septem ling. (1570) 1471;
wie ja auch schon beim worte fall (
th. 3, 1272
f.)
gleiche bedeutung vorkommt: mhd. die pfaffen solten kiuscher dan die leien wesen: an welen buochen hânt si daʒ erlesen, daʒ sich sô maniger flîʒet wâ er ein schœneʒ wîp vervelle? Walther 34, 3
Lachmann; nhd. Dina .. wart verfelt von Sichem. Keisersberg
narrensch. 67
a; da verfelt und schandt Amon sein eigne schwester Thamar. 75
b; Danae .. wart verfelt um gelts willen. 131
b; aber bald kummend sy darnach herfür, habend kinder by basen gmacht, eebrochen, jungfrowen verfällt. Zwingli 1, 46; er hat im seine dochter verfellt, ein jungfraw. Bolz
Terentii com. verteutscht (1540) 133
b; du hast ein jungfrau verfellt, welche zu berühren du doch weder fug noch recht hattest. 141
a; ein grose dochter .. klagt ein jung gesellen umb den bluomen an, er het sie verfelt und notzwungen. Pauli
schimpf 24
Österl.; vor zeiten war es gar ein grose sach wan einer ein junckfraw verfelt.
ebenda; bei Frisch 1, 245
noch als veraltet aufgeführt. 22)
durch fällen unbrauchbar, unzugänglich machen: die wäld und höltzer zu verfellen und verhauwen. Fronsperger
kriegsb. 1, 77
a; zudem so seindt an vielen orten die wälde dermaszen mit bäumen verfellet und mit jungen ästen und dornhecken verflochten. 3, 142
a;
von andern dingen gebraucht: etwan der arszdarm verfellet (
verstopft) wird, und also mangels halben der natürlich auszgang von dem wust verlegt wird. Paracelsus (1616) 1, 479
c;
hierzu das reflexive sich verfällen,
sich durch verhaue schützen: do was och ain grosz mechtig huff buren by ainander .. ob Kempten hattend sich ferfellt in aim wald. Hugs
Villinger chronik 142
Roder. 33)
auf geistige thätigkeit übertragen, mit persönlichem object. wir haben oben bei verfallen 8
gesehen, dasz eine krankheit, ein unglück oder auch eine strafe gern einer grube verglichen wird, in die man hineinfällt, verfällt; so sagt man denn auch einen in eine strafe verfällen
oder kürzer einen verfällen,
d. h. verurtheilen, heute noch mundartlich, vgl. Stalder 1, 352. Hunziker
Aarg. mundart 79: ich musz ihm (
meinem advokaten) nicht blos unter vier augen .. nachsagen, dasz er .. alles so weit führte und durchtrieb, dasz mein prozesz wirklich recht bald entschieden und ich sowohl in die halben kosten, als zum verluste des ganzen prozesses verfället wurde. J. Paul 16, 272; auf eine probe, die kein mann besteht, die tugend eines mannes stellen, und wenn sie, wie natürlich, sich vergeht, in schwere strafe sie verfällen, das nenn ich — edle frau verzeiht — beleidigung der menschlichkeit. Wieland 18, 107. 44)
mit sächlichem objecte, fortfallen machen, machen, dasz etwas in andern besitz übergeht; im lehenswesen: wollen das solche 1830 gulden vor allen gedingen, gerichten undt rechten fur manlehen guet geachtet, geschaczet, gehalten undt erkennet, auch also vorerbet undt vorfellet werden.
weimar. staatsarchiv 1597;
mit näherer bestimmung: wann dann ... nach absterben viel gemeltes meines lieben swehers seligen beruhrte lehenstücke uff dessen nachgelassene söhne .. verfellet werden.
ebenda 1598; die bekennung der lehen an des verstorbenen Wolff Albrecht von Stein gehabten dritten theil des guths Weltbitz betreffend, so durch dessen absterben auf sie (
die söhne) verfellet sein soll. 1641; die mannlehengütere ... so wohl die gesambte handt an dem andern uf meines unmündigen vettern son .. verfelleten antheil. 1644; ew. fürstl. durchlaucht ist gnädigst bewust, welcher gestaldt
N. von Quingenberg zu Wenigen Auma verstorben und bemeltetes ritterguth samt andern deszen pertinentien auff mich als nechsten mitbelehnten verfället. 1670; zu Wogau ist das dortige mannlehen ritterguth auf die drei gebrüder von Schauroth .. verfället worden. 1796; über den nach absterben seines vaters auf ihme verfälten und zu Winzerle gelegenen weinberg. 1685.