urian,
m. ,
eigenname und appellativum. herr Urian
erscheint bei Christian Rose (1648)
in der schriftsprache, das appellativum etwa um die gleiche zeit bei Lauremberg (
s. u. 3).
da u.
den oberdeutschen mundarten wie dem nl. und dem mnd. gänzlich fehlt, musz das wort doch wohl aus der schriftspr., aus der es auch Schupp, Grimmelshausen, Stranitzky, Bräker, Göthe
kennen, in die mundarten (
nd., obers., schles., rhein., nass., fränk.)
gekommen sein. aus dem nd. ist es ins dän. gedrungen. der gebrauch des wortes ist bes. gegen ende des 18.
jhs. häufig (Serz
idiotismen 164
a),
und zwar nicht nur, wie Adelung
sagt, in den gemeinen sprecharten; dann wird schriftsprachlicher gebrauch seltener. erfolglose erklärungsversuche haben sich auf bed. 4
beschränkt. J. H. Vosz
glaubte (
anm. zu knecht Robert, sämtl. ged. 4, 317)
in -ian
den namen Johannes
zu finden und erklärte mit unmöglicher beziehung auf 1ur u.
als einen kerl in roher wildheit, einen wildemann. Jac. Grimm (
mythologie 3
4, 293)
sah in u.
den urhans
als bezeichnung des teufels; W. Wackernagel (
kl. schr. 3, 142)
und Lucae (
preusz. jahrb. 31, 534
mit schiefer anführung von uralt
und urgemütlich)
erläutern u.
als '
haupthans'.
beides scheitert daran, dasz in Hans kein begriff vorhanden ist, der sich mit ur-
steigern liesze. andere deutungen sollen hier übergangen werden. schon Adelung
schlug vor, u.
als personennamen zu fassen, worauf ja auch die verbindungen herr, musche, squire, meister, Hans U.
weisen, und hielt anekdotische entstehung für möglich. der seltene taufname U. (Fischer 6, 297),
auf den '
obskuren' (Nied
heiligenverehrung und namengebung 84)
h. Urianus
zurückgehend, war geeignet, einen quidam zu bezeichnen, aus dessen abgewerteter bed. sich die weitere begriffsentwicklung ergibt. einen acc. Urianan
bildet schles. ma. (Rother
schles. sprichw. 107
b).
durch kreuzung mit urach (
s. d.)
ergibt sich urak = urian (Weise
mundarten 104);
vgl. obers. uuricaan Müller - Fraureuth 2, 602
b.
pflanzennamen wie bixa orellana, Stephanulrich (
aus Urucu)
schlagen in u.
um (Holl 270
a; Pritzel-Jessen 60). auerhahn
der Faustsage ist der volksetymologisch umgedeutete Urian (Pniower
in Zedlers Göthehb. 3, 461).
den formen Urjan, Urjahn, Uhrjahn, Urgan, Uhrgan
kommt nur lautliche oder orthographische bedeutung zu. plur.: ihre herren Urianen
mägdelob 60; einen dieser uriane Bräker 1, 206. 11) U.
als heiligen-, tauf- und familienname. 'S. Urianus
ist unbekannt; er gab seinen namen einer pfarrkirche des bistums Evreux' Stadler
heiligenlex. 5, 612. Nied
heiligenverehrung u. namengebung 84
bezeichnet ihn als den obskuren St. Urian;
doch ist U.
als seltener taufname im schwäb. nachgewiesen (Fischer 6, 297).
vornehmere leute gaben ihren kindern freilich solche namen nicht; im 14.
jh. kommt er für einen servus vor. puella sagt zur gattin des Pilatus: vrauwe, ist ez uwer wille, so rufen ich her vil stille uwern knehte Urian, vil wol er daz gesagen kann
St. Galler passion bei Mone
schausp. d. ma. 1, 115, 1012;
puella ad nuncium: Urjan, gudes kneppelin, lauf balde zuo dem herren din!
ebda 1020. Urianus
ein britannischer könig Zedler 51/52, 7; Lappenberg
zu Lauremberg 1, 237; Lloyd
history of Wales 1, 165. 22)
aus dem seltsamen namen, bes. wenn er im spott gebraucht wurde, der sich im volksmunde an solche namen zu heften pflegt, ist U.
zur bezeichnung eines quidam geworden, ausdruck qualitativer unbestimmtheit; so bezeichnet U.
einen menschen, den man nicht zu nennen braucht, nicht nennen will, kann, darf, dessen name und nähere verhältnisse nicht angegeben werden, oft nur ein er,
ein bewuszter (W. Wackernagel
kl. schr. 3, 142),
ein patron, kerl
u. dgl., hauptsächlich von untergeordneten leuten gebraucht; liegt doch auch in der neuern entwicklung des quidam in den roman. sprachen (
z. b. im franz., wonach Göthe: ein quidam sagt: ich bin von keiner schule)
ein starker zug der abwerthung. mit vorgesetztem herr, musge, musche, squire
wird dann in familiär gutmütigem scherze die abwerthung wieder aufgebessert. 'U.,
ein in den gemeinen sprecharten als ein eigenthümlicher nahme übliches wort, welches man mit dem ehrenworte herr
als eine art scherzhaften schimpfwortes von einem manne braucht, vor welchem man wenig achtung an den tag legen will, bes. wenn man seiner in einem falle gedenkt, wo man ihn nicht erwartete' Adelung; Kindleben
studentenlex. 202. U.
ist, seinem schriftsprachlichen ursprung entsprechend, gewählter als Matz (
s. d. 1),
das ähnliche entwicklung aufweist; vgl. Hans 1 c.
die vorgeschichte dieses gebrauchs bleibt noch zu untersuchen. der erste hier zu gebote stehende beleg ist von Christian Rose,
der in seinem drama Holofern (1648) herr Urian
als des königes Nebucadnezar kurzweiligen rath
einführt (25, abbildung der personen), soldatisch, jedoch possirlich angethan (25),
der possen und gaukelspiel treibt (42; 166)
und insbesondre in den zwischenspielen für grobe komik zu sorgen hat (97; 159; 198);
er gibt sich aus als ein angenommener capitein unter dem regimente des obersten Vitzlibutzabi (97).
nach der mitte des 17.
jhs. wird herr U.
gewöhnlich: ich dachte alsobald an meinen herrn U. (
einen vorher erwähnten) Schupp
bei W. Wackernagel
kl. schr. 3, 143; so haben ein theil weiber ohne das nicht gern, wann herr U. lang über den büchern oder andern geschäften sitzt Grimmelshausen
ebda; führten den herrn U. in diebsturn
vogelnest 2, 95
Tittmann; als ein baum wenig äpfel trug und der bauer darauf stieg solche abzuschütteln, sagt er im zorn: 'wiltu nicht äpfel tragen, so trage schelm und diebe', und mein herr U. war selbst darauf
wendunmuth oder erneuerter fünffacher Hans Guckindiewelt oder merks Matths 15; nit so grob, herr U.! sagte ich hierauf
franz. Simpliciss. (1683) 2, 252.
der (
verkleidete)
liebhaber: der engel Uriel hätte schier gesagt: ihr liebhabender herr Urjan Grimmelshausen
vogelnest 4, 613
Keller; polit. freyersmann (1686) 179; sie (
d. mägde) werden bezüchtigt, dasz sie ihre hn. Urianen unter der predigt auf die sonntäge bestellen
mägdelob (1688) 60. J. G. Gressel
Musophili vergnügter poet. zeitvertreib (1718) 188; Sylvanus
das verwöhnte muttersöhngen (1728) 195;
obers. wb. 2, 602
b; ein herr Urjahn kam herein, mich sah die kröte J. T. Hermes
bei Babucke
nd. korrespondenzbl. 15, 72;
vgl.'Urjaon
scherzhaftes schimpfwort, um zu bezeichnen, dasz man einem nicht trauet' Danneil 233
b; die würden den mosge Uhrgan nach der schwierigkeit auf den beutel geklopft haben K.
F. W. Hertzberg
Till Eulenspiegel (1774) 1, 181; Urians reise um die welt
von M. Claudius (1786)
mit dem refrain: verzähl er doch (nicht) weiter, herr Urian! da sasz der herr U. und muszte so lange schwitzen, als er es ausdauern konnte J. Chr. Fr. Dietz
lebensbeschr. 90; von squire U. bis zu Hans Hagel herab J. H. Vosz
briefe 1 (1829) 305
A. Vosz; als wir uns am besten über ihn lustig machten, trat herr U. herein; jetzt erblickte ich den herrn U., den ich suchte; mein U. ist noch nicht da Adelung; was will denn der herr U. hier?; man machte mit dem herrn U. wenig umstände Campe; monsieur, musch U. Fr. Reuter
lex. 148
Müller. '
wer sich eines vergehens schuldig geben musz', dar stund herr U. Dähnert 512. 33)
als appellativum bezeichnet u.
den einfachen, schlichten mann und abgewerthet den schlechten, bösen, wilden, groben, unzuverlässigen, spitzbübischen, naseweisen, dummen: woll simpel bey der rede wil krupen, de krigt wedr tho freten noch tho supen, he werd nicht vele prospereren, in keinem ansehn seyn by groten heren, van em werd men dat ordeel fellen, dat isz einer van den slichten gesellen ..., uth sinen oldfrenkisken kledern kan man verstahn, dat idt werd syn ein slicht uriaen (
als fremdwort mit sog. lat. buchstaben ausgezeichnet) Lauremberg
scherzged. 4, 1146
Schr.; hier machte mein u. vor entzücken ordentliche purzelsprünge Bräker (1789
ff.) 1, 162; mei u. '
das in frage stehende subjekt' Müller-Fraureuth 2, 602
b (
vgl. 2); einst sprach ich einen dieser uriane (
es sind falsche freunde gemeint) um ein halb dutzend dublonen auf einen monat an Bräker 1, 206; halt, dacht ich in meinem sinn, den u. wirst du doch ertappen E. Th. A. Hoffmann 10, 331
Gr.; 'urjan
hört man zuweilen statt naseweis' Hupel
id. d. d. spr. in Lief- u. Ehstland (1795) 246; 'u.
böser mensch'; ik were mir den u. schon langen Brendicke
Berlin 187
b; mit so en uriahne infamigten will ich mich nich rumbatalchen G. Schumann
Bliemchen in London (1888)
8 28 (
vgl. oben urak, uuricaan); mei u.!
bei drohung, bestrafung obers. wb. 2, 602
b; der u. muszte bei einem taschenspieler durch die schule gegangen sein Langbein 30, 96; es ist ein u. Wander 4, 1496; '
im fränk. lande, am Rhein und an der Lahn ist der u.
ein gottloser und raffinirter mensch' K. Braun
ebda; Pansner
schimpfwb. 74
b. 44) Urian, u.,
wie dieser und der, dieser und jener (Schulz
in d. zschr. f. d. wortf. 10, 160
ff.),
als euphemistische bezeichnung des teufels. vgl. Hans 2
und oben 2: für meinen part, mit groszen herrn und meister Urian äsz ich wohl keine kirschen gern Bürger 24
a B.; schon wetzte meister Urian auf diesen braten seinen zahn 24
b; ein paktum mit dem u. machen J. G. Müller
Siegfried v. Lindenberg (1779) 344 (
d. nationallit. 57); sich vom u. den sack füllen lassen
kom. romane 1
2 (1786) 376; dann flieg ich im lauf wie Urians wilde jagd J. H. Vosz
sämtl. ged. 4, 202; durch blenderleuchtung der scheinvernunft legt Urian höllische that an 6, 57;
vgl. 2, 152; 156; die hexen zu dem Brocken ziehn ..., dort sammelt sich der grosze hauf, herr Urian sitzt oben auf Göthe
Faust 3959; K. G. Prätzel
feldherrnränke 5; Grabbe 1, 438
Bl.; denn mit dem glockenschlag begann ein poltern und gesause, als nähme meister Urian besitz vom ganzen hause Langbein 6, 196; G. Schilling 37, 164;
obers. wb. 2, 602
b; Danneil 233; musch Urian, musch düvel Wossidlo
nd. korrespondenzbl. 15, 27, 44; monsieur, musch U. C.
F. Müller
Fr. Reuterlex. 148
a. 55)
mit dem gleichen euphemismus wird auch der tod bei Langbein
ged. (1841) 2, 148 herr U.
genannt. 66)
ebenso das männliche glied: desz königs in Persien diener schändete ein mägdlein. der könig gab ordre, man solt dem diener das haupt abschlagen. der diener aber schnitte seinen herr U. selber ab, präsentirte denselben dem könig, sagte: der, und nicht der kopf hätte gesündiget J. Peter de Memel
lustige gesellschaft (1656) 134. 77)
übertragen auf thiere: schwein, rehbock, dachs Sanders
erg. wb. 586
c,
den hund Kosegartens Kosegarten
rhaps. 2 (1794) 350
anm., den uhu: denn die dummen krächzer (
krähen) meinen, weil kein jäger will erscheinen, hab das leid hier angethan unten (
vor der krähenhütte) der Hans Urian W. Bornemann
humor. jagdged. (1835) 48. 88)
wie oben erwähnt, der gemeine orleanbaum, bixa orellana L., achiolt, anotta ... stephanulrich, urian Holl
wb. d. d. pflanzenn. (1833) 270
a; Pritzel-Jessen 60
a. 99)
als bezeichnung für den gebrannten alaun, alumen ustum, das ätzmittel; vielleicht mit beziehung auf bed. 4: Müller-Fraureuth 2, 602
b. 1010)
wenn endlich als schles. redensart für trinken angegeben wird U. anrufen (a hod Urianan agerufft Rother
schles. sprichw. 107
b),
so kann lautnachahmung des glucksenden tones beim trinken vorliegen, ähnlich wie Hans Ulrich rufen (
th. 4, 2, 461)
den würgenden laut beim erbrechen wiedergibt; schwäb. dem Uriorum rufen, der h. Uriorum,
dieses weiterbildung der kurzform Ure,
die für Ulrich
und Urian
gilt (Fischer
schwäb. wb. 6, 297).