unwesentlich,
adj. adv.,
nicht wesentlich (
s. d.).
merkwürdigerweise erst seit Campe
regelmäszig verzeichnet. mhd. unwesenlich, -weselich, -weslich;
mnd. unweselik;
mnl. onweselijc, -like;
nl. onwezenlik, -wezig;
dän. uvæsentlig;
schwed. oväsendtlig.
das t
tritt bei u.
im 15.
jahrh. auf. vgl. unwesenhaft. a)
nicht wesenhaft, wesenlos, unwirklich, imaginär; mnl. wb. 5, 1573, 1;
nl. wb. 10, 2214: so heisz ich unweslich, dem daz lieht der tugent in entlenter ... wise lúhtet H. Seuse
d. schr. 174, 22
B.; als vil ain ding die sel habend übertrift ain ding der sel mangelnde, und ain wares, wesenlich dinge übertrift ain unwesenlichs, und ain lebend ain tǒtes
N. v. Wyle
transl. 116, 29
K.; in im selbs ist es (
das nichding) unvolkomen, ungeordent, unwesenlich, unbeständig B. v. Chiemsee 139; welches hauchen das ewige wort der ungründlichen gottheit ist als ein aussprechen ... des unwesentlichen in ein wesentliches Jac. Böhme 4, 10; von da sind sie ein nichts, unwesentlich wie schatten, die bey der sonn entstehen Dusch (1754) 74; der unwesentlich (
unessential) schrecklichen nacht Zachariä 6, 153 (
Milton 2, 439); Bürde
verl. paradies 1, 78; Macbeth (
zum geist Banquos): fort! unwesentliches blendwerk H. L. Wagner
theaterstücke (1779)
Macbeth 387; auf den waldhügeln lags mattschimmernd wie der flügelstaub eines nachtfalters, und doch u., traumweich Kolbenheyer
Montsalvasch 2.
imaginär: die unwesentliche zauberey aller dieser blendwerke Wieland
Agathon 1, 124; leichte träum unwesentlicher lust 9, 309
Gr.; jeder behagliche mensch verschafft sich alsdann (
beim zeitunglesen) wie bei einer wette ein willkürliches interesse, unwesentlichen gewinn und verlust Göthe 29, 66
W. b)
unsre hauptbed. '
nicht zum eigentlichen wesen gehörig, nicht das wesen berührend, accessorisch, secundär, hors d'æuvre, nebensächlich, unbeträchtlich, nicht ausschlaggebend, untergeordnet'
u. dgl. erscheint erst gegen ende des 18.
jahrh., wohl beeinfluszt von engl. unessential, unsubstantial (
fürs nl. abgelehnt, wb. 10, 2214).
attributiv: keinen unwesentlichen umstand Herder 5, 212
S., ding, farbe, sache, theil, bedingung, beiwerk, flitter, ursache, episode, verschlechterung
u. s. f. Herder 18, 413
S.; Göthe II 4, 196
W.; schr. d. Götheges. 21, 168; J. J. Engel 1, 180; Brinckmann
filos. ansichten 283; Gaudy 13, 38; Grabbe 4, 223
Bl.; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 2, 26; 1, 347;
bgb. 487, 2; die ganze Griechenkunst in ihren wesentlichen vorzügen und in ihren unwesentlichen mängeln aufzeigen Justi
Winckelmann 1, 371;
seltener von concretis: unwesentliche gemengteile (
im basalt) Lueger 2, 29. u. für: die Berliner akademie, eine im vorigen jahrhundert für die entwicklung unserer deutschen zustände so unwesentliche anstalt Gutzkow (1872
ff.) 12, 99; ein für die entscheidung unwesentlicher gesichtspunkt, einwand
u. dgl. steigerungsformen: neuere, noch unwesentlichere streitigkeiten haben dem christenthum ... nicht geschadet Herder 19, 252
S.; die neue lage hat ihre unausbleiblichen schwierigkeiten ...; ein neues cabinet dürfte wohl eines ihrer unwesentlichsten opfer (
auf die es am wenigsten ankommt) werden Gutzkow (1872
ff.) 7, 339.
prädicativ: details, wovon die meisten sehr u. sind
F. Schlegel
d. museum 1, 232; unwesentlicher ist es, dasz die trompeten häufiger gebraucht werden O. Jahn
Mozart 1, 301; bei
V. H. sind die stoffe ... als solche ihm u. Gutzkow (1872
ff.) 8, 434; es ist u. zu fragen: wie entstand die natur? 12, 202; diese entscheidung gilt als u. Fr. A. Lange
gesch. d. materialismus 28; D. Fr. Strausz 6, 117; natürlich ist aber dieser punkt ein ziemlich unwesentlicher Boltzmann
populäre schr. 139; u. für: das für die absicht ... ganz u. ist Ayrenhoff 2, 102; einiges, was für den glauben u. sei Ranke
s. w. 4, 73;
selten u. zu: da sie (
details) zur entwicklung der geschichte durchaus u. sind Herwegh
br. 153.
substantiviert: das unwesentliche zu schreiben und das wesentliche auszulassen Herder 5, 13
S.; 15, 388
S.; das wesentliche von dem unwesentlichen zu unterscheiden Adelung
magazin 2, 1, 134 (
im wb. hat er u.
nicht verzeichnet); Göthe
gespr. 7, 73
B.; mehrere im unwesentlichen verschiedene vorstellungen Schopenhauer 1, 80
Gr.; nur das unwesentlichere W. v. Humboldt
ges. schr. 5, 366; das sei ja das tiefsinnige in so vielen götter- und menschensagen, dasz ... das wesenhafte sich aus dem staube des unwesentlichen habe befreien müssen G. Keller 2, 224. c)
die bed. b geht unmerklich in die bed. '
unbedeutend, bedeutungslos'
über: ist denn das leben ein traum, ein bloszer traum, so eitel, so u., so unbedeutend als ein traum? Wieland
Agathon 1, 31; nach einer kurzen, unwesentlichen konversation Bode
Thomas Jones 5, 44; freundschaft war ein zu unwesentliches, ein totes gefühl für sie Heinse 3, 399
Sch.; zwischentritt des ganz unwesentlichen h Jac. Grimm
kl. schr. 7, 220; abgesehen von vielen unwesentlichen bemerkungen über spaziergänge, kirchenbesuche ..., finden sich daselbst auch ...
jb. d. Grillparzerges. 4, 157; B. entschuldigt sich in einem sonst unwesentlichen briefe
schr. d. Götheges. 5, 26;
bes. in verbindung mit der negation: ein nicht unwesentlicher vortheil
F. Schlegel
Europa 2, 96; eine nicht unwesentliche rolle Mommsen
röm. gesch. 5, 184; die besorgnis einer nicht unwesentlichen verminderung der zolleinnahmen Bismarck
polit. reden 4, 58; keine unwesentliche fortschritte H. Brunn
kl. schr. 3, 67;
gern als adv.: sie (
d. operation der analogen ausdehnung) dürfte ... nicht u. an klarheit ... gewonnen haben Jhering
geist d. röm. rechts 2, 2, 369; die bewohner unterscheiden sich nur u. von den insassen der benachbarten oldenburgischen marschen Allmers
marschenb. 1, 2, 389; sodann wirkt auch chemisch das meerwasser als ein agens, wenn auch unwesentlicher (
in geringerem grade) 1, 2, 6. d)
als t. t. im gs. zu wesentlichen salzen, ölen, '
welche den geschmack, geruch u. s. f. der körper behalten, aus denen sie gezogen sind' Adelung,
der aber wieder u.
nicht gibt: bey dem kapitel von wesentlichen salzen erklärt derselbe ..., dasz es keine unwesentlichen gebe
allg. d. bibl. 109, 474.
die folg. bedd. sind veraltet und mundartlich. e)
inartificialiter, unwerklich, unkünstlich, unartlich, unwäsenlich Frisius 669
a;
gs. wesentlich
affabre, concinne, composite, ordinate Schmeller-Fr. 2, 1022;
vgl. 1019; Vilmar 450; weselig
artig, niedlich Seiler
Basel 314
a; Stalder 2, 436, 2. f)
untüchtig, ungehörig, unordentlich, ungebührlich u. dgl., gs. zu weselig Fischer
schwäb. wb. 6, 726; Sanders
erg. wb. 633
b;
pravus, corruptus, confusus Haltaus 1971;
mnd. wb. 5, 98
b;
mnl. wb. 5, 1574.
von personen: Agrippina ward ainem laidlichen, schwärmütigen, unwesenlichen menschen ... ze wyb gegeben Steinhöwel
ber. frauen 276
Dr.; die lychtvertigen und unwesenlichen personen
quelle (1498)
bei Fischer
schwäb. wb. 6, 276; dieweil man untugent unweszelich(er) frawen billich straffen mus
Erfurter concordata (1587) E 1
a;
dazu das adv.: weil sich H. so unwesentlich halte
quelle (1486)
bei Fischer
a. a. o.; do hant sich die zyt die regenten ... gar übel und ungebürlich gehalten, unwesenlich, unerberlich, unredlich in irem regiment Keisersberg
post. 2, 46
b; Schlusser
peurisch krieg (1573) 51.
von nichtpersönlichem; Haltaus 1971 (1429): zerstörliches und unwesenliches regiment
quelle (1498)
bei Fischer
a. a. o.; Carbach
Livius 32
a. g)
das adv. u.,
gs. zu mhd. wesentlîche,
frühnhd. wesen(t)lich (Lexer 3, 802; Schmeller-Fr. 2, 1022),
bedeutete '
ohne ansässig zu sein, sich ständig aufzuhalten': alle die, die ireu erbrecht unwesenlich halten und nicht wesenlich besitzen
weisth. 6, 111; so ain erbman sein erbgut ungepewen oder sonst zu dorf oder veld unpeulich und unwesentlich hielte ...
Nürnberger reform. 141; Haltaus 1971; Fischer
a. a. o. Westenrieder 606
setzt an '
nicht bewohnt oder benützt oder nicht brauchbar'.
das adj. von vernachlässigtem, unordentlichen zustande: das ... weg und steg unwesentlich und unpeurlich
quelle (1495)
bei Fischer
a. a. o.; die unwesentlich haushaltung
zimmer. chron. 3, 101, 14
B. —