ungeistlich,
adj. adv.,
gth. von geistlich;
mhd. ungeistlich;
mnl. ongeestelijc.
vgl. ungeistig, aber-, übergeistlich;
mhd. nihtgeistlîche
adv. wie geistlich 1
inspiritualis im kirchlichen sinne: dinen ungeistlichen fúralteten menschen ... vernuwen Tauler
pred. 123, 32
V.; (1508) 85
b; ain verkerter, ungehorsamer oder ungaistlicher mensche Keisersberg
pred. (1508) 65
c; es ist ein grosze torheyt ... das man vermaynt, eeliche gehorsam mache yn ungeystlich Eberlin v. Günzburg 2, 25
neudr.; es ist die natur der sache, dasz die ungeistlichen menschen nicht selig werden Zinzendorf
sonderb. gespräche 5
neudr.; der ungaistleichen gelúste
mönch v. Heilsbronn 66.
veraltet. Herder 6, 306 (
s. o. ungeistig)
wählt als gegensatz zu geistlich, spirituell
nicht ungeistlich,
sondern ungeistig. geistlich 3
entsprechend, in älterer zeit noch vielfach in unlösbarem zusammenhang mit der bei geistlich 1
entwickelten kirchlichen hauptvorstellung; in wortspielender verbindung mit geistlich, geist
u. dgl.; in weiter, regelmäszig miszbilligender bedeutung (
irreligiosus, ongodsdienstig mnl. wb. 5, 548; unheilig, ungeistlich, ruchlosz Sperander 1727, 515
b): dasz enphieng er unwertlich und meind, es were ungeistlich Suso
d. schr. 253, 21
B.; es ist eitel unreine, ungeistliche und unheilige predigt Luther 23, 577, 8
Weim.; 8, 296; die grossen lerer gehn mit merlin umb, da die allten vetteln hynder dem offen von klaffen, und ist ungeweyhett, ungeystlich, unheylig geschwetz 10, 2, 80, 5
Weim.; allgem. d. bibl. 3, 79; der ungeistlichen aber und altvettelschen Fabeln (
βεβήλους καὶ γραώδεις μύθους;
βέβηλος =
ἀνόσιος Ebeling
wb. 73
a) entschlahe dich
1 Tim. 4, 7; Schupp
schriften (1663) 825; Schütze
herrenhuthianismus (1749) 2, 59; Miller
pred. 3, 226; schelliger und ungeistlicher wort Murner
adel 26
neudr.; leben Wackernagel
kirchenl. 3, 425; grobe und ungeistliche gedancken Harsdörffer
secr. 2, 87. nachdem sich die gaistligkait ... in iren cleidungen ganz ungaistlich, seltzam und unzuchtig hielten Fries
Würzb. chr. 354
c;
also nicht in dem engeren heutigen sinne; von personen: aber disze unchristliche, ungeystliche geyster haben szo mancherley synn und weysze alsz farben Luther 11, 383, 4
Weim.; dem ... ergerlichen leben der ungeistlichen geistlichen Hutten 2, 136; zuo lessten tagen ... werden ... menschen aufsteen, die .. seinn .. undanckbar, lessterlich, ungeystlich,
[] unfridlich, frAevennlich B. v. Chiemsee 107; das du unsere kriegsvolck widerzAem und ungeistlich nennest Pinicianus
Scanderberg (1561) 258
b; für einen unchristen und ungeistlichen mann J. Böhme 6, 253; ungeistlicher geistlicher
pol. maulaffe vorr. ix
b;
th. 4, 1, 2, 2784, 3 d;
bei Riemer
schon in die heute herrschende standesbed. übergehend. ungeistlich-kluger geist Weckherlin 2, 187, 3
F. geistliche dinge (
heilswahrheiten) ungeistlich (
s. geistlich 1 d) beurtheilen Gottsched
d. neueste 639.
substantiviert: den unheiligen und ungeistlichen (
contaminatis)
1 Tim. 1, 9. ein ungelaszner, ungleubiger, ungeistlicher Franck
G. chr. (1531) 255
b. der ungeistlichen predigten sind elend, verwirret zeug Dippel
orthodoxia orth. 1, 84; während er mir recht giebt, dasz ein echter geistlicher ehelos leben sollte, unterschreibt er täglich die erlaubniszscheine zu den heirathen der unechten, abtrünnigen, sinnlichen ungeistlichen (
unechten g.) Arnim 10, 85.
polemisch wie geistlos 2 b: unser ungeistlichen rumpffen die nasen daruber, wenn man den ehestand lobet Luther 16, 489, 35
Weim. während diese weitere bed. veraltete (Adelung
liesz das wort nur noch in der theologischen schreibart gelten: '
fertigkeit besitzend, sich nach sinnlichen eindrücken zum nachtheile des geistes, d. i. vernünftiger vorstellungen zu bestimmen, und darin gegründet, sinnlich'
; wir würden dafür eher ungeistig
sagen),
setzte sich in der neueren spr. der einseitige bezug auf den geistlichen stand durch. weltlich, vgl. geistlich 3 a: ongeystlicke stede, personen of saken,
prophanus Teuth. mnl. wb. 5, 549; bei geistlich- als ungeistlichem wesen A. U. v. Braunschweig
Oct. 3, 95;
zur formel sp. 26, 3; der ungeistlichen souverainité Arnold
ketzerhist. 8
a; dieser ungeistliche ornat J. Paul 4, 69; in dieser ungeistlichen,
nichtgeistlichen, lyrik Gervinus
gesch. d. d. dicht. 1, 299.
nichtgeistliche, laien: da war ein zabeln, lauffen und lOeschen von geistlichen und ungeistlichen Fischart
binenk. 22
b; geistliche und ungeistliche personen Campe; ein ungeistlicher hielt eine rede Krünitz 196, 268.
wenig üblich. besonders von personen, gesinnung, sachen, handlungen, zuständen u. s. w., die dem geiste und den erfordernissen des geistlichen standes nicht entsprechen: wenn man einen ungeistlichen geistlichen vorstellen wolte, dörffte man nichts thun, als sein (
des Chrestophilus) curriculum vitae drucken lassen Thomasius
ged. u. er. 3, 60; doch der leser mag selbst das urtheil fällen, ob ein ungeistlicher geistlicher besser auf die canzel oder unter dieselbe gehöre Triller
betr. 4, 596; J.
M. v. Loen
w. rel. 273; mit hintansetzung der klosterwohnungen lebt man in privathäusern üppig und gar zu u. Schmidt
g. d. Deutschen 2, 450; ein ungeistliches leben führen
vivre selon le monde Schwan (1784); allen eigennutz und geiz haszt' er als ein häszliches ungeistliches laster Kortum
Jobs. 3, 17;
Knox hielt die regungen des ehrgeizes für u.
schr. d. Götheges. 7, 287; sehr ungeistliche verwünschungen Zschokke 28, 140; ungeistlicherweise 10, 134; eine durchaus ungeistliche sinnesweise Ranke 37, 156; nach einem thronwechsel wurden sie (
die germ. königstöchter) ... ohne jede rücksicht auf ihre ungeistlichen neigungen in ein kloster gesteckt Freytag 17, 197.
ein schwacher nachklang der früheren umfassenderen bed. mag zugestanden werden; vgl. ungeistlichkeit
bei Gutzkow
unten. —