umschweifen,
vb. 11)
trennbar. 1@aa)
umher-, herumschweifen, -streichen, sich herumtreiben. 1@a@aα)
vagari umbschweiffen Diefenbach 605
a;
errabundus umbschweiffend, der hin und här fart, landstreycher Frisius (1556) 481
b;
parlari hin und her schweiffen, umbschweiffen Calepinus
XI ling. (1598) 1016
a; im lande umschweiffen, herumschweiffen, hin und herschweiffen
vagare, errare ... Kramer 2 (1702) 707
b: ein umbschwaifendes volk (1488)
städtechron. 3, 49; spilleut in weibskleidern umschweifen Gengenbach 428
Göd.; als ein ochs vor im gelegt hett das ioch und uff der weyd umbschweyffet in müssiggang
Cyrillus spiegel der wyszheit (1520) 56
b; gar übel stat einer witwen, also müszig von einem husz offenlich in das ander umbschweiffen L. Jud
Erasmus episteln (1521) ggg 1
b; gwaltige leut hatt sy vertriben und sy in frömden landen machen umbschweyffen
Züricher bibel (1531) 1, 281
a; das er bleib inn seym vatterland ... und nicht umbschwaiff fürwitzigklich H. Sachs 3, 400
K.; durch welche (
schiffe) der ... feindt erstmals ersucht, zu scharmützeln ausz- und anzureitzen oder umbzuschweifen Fronsperger
kriegsbuch (1578) 1 e 3
a; damit der junge schwarm im stock nicht hin und her umschweyffe Sebiz
feldbau (1579) 302; ein umschweifender, so von einer stadt in die andre wandert und im rechten vagabundus genennet wird
Breslauer gerichtsordnung von 1591, 18; anno 930 sah man ... etliche heerzüge am himmel umbschweiffen Binhardus
thüring. chronica (1613) 64; wenn das schaaff auszerm stall umbschweifft, so ists den wölffen preisz Lehman
floril. polit. (1662) 1, 83; einer jungfrawen ists verweiszlich, viel unnötiger weisz ausz dem hausse zu spatzieren und umbzuschweifen
ebda 3, 138;
von beweglichen dingen: wenn auff den ... spitzen des bergs etliche dicke wolcken umbschweiffen Sebiz
feldbau (1579) 41; die Araber (
hatten) auff diesem meer als ein unreiner schaum umbzuschweiffen angefangen
theatrum amoris (1626) 412;
von einer kreisbewegung: (
der kreis) worin um unsre welt des monds fast gleiches rund in ungehemmtem lauf veränderlich umschweiffet Heräus
gedichte (1721) 179; umschweifend
so viel wie '
ringsherum gehend, geschlossen'
: cyclas ein langer umbschweiffender rock Corvinus
fons lat. (1646) 197. 1@a@bβ)
uneigentlich; der ursprünglichen bedeutung am nächsten steht die anwendung auf das auge, den blick: daz sie iere ougen nit lychtfertiglich lassen umbschwaiffen Steinhöwel
de claris mulieribus 136
lit. ver.; (
sie) beyd sich andern männern feil mit ihrem umbschweiffenten gsicht Ayrer
dramen 4, 2673
Keller; die ... schöne und seltzamkeit beunruhigte stets meine umschweiffende augen Harsdörffer
frauenzimmergesprächsp. (1641) 7, )( )( 8
b; (
bei der arbeit) kein umschweifender blick L. v. François
Reckenburgerin (1871) 1, 55; ihre blicke in den dunklen fernen der romansagen, abenteuer mehr lesend als ausführend umschweifen zu lassen Gervinus
gesch. der deutschen dicht.4 2, 265;
vom denken und fühlen: memoria rimosa et perfluens ein umbschweifend gedechtnis, dasz nit bei dem preposito bleibt Alberus (1540) a 3
b; umschweiffende, herumschweiffende gedancken
pensieri vagabondi, erranti Kramer 2 (1702) 707
c: wan ckel, umbschweiffend, kindische sinn H. Sachs 20, 555
G.; das hertz aber heraus umbschweifft, in gdancken nach grosz gütern leufft Eyering
proverb. copia (1601) 2, 332; das umschweiffende, unruhige gemüthe Butschky
Pathmos (1677) 486; weil ... ihre vorige umschweifende zuneigungen nunmehr gleichsam in einen mittelpunct zusammen drang Lohenstein
Arminius (1689) 1, 407
a; hatte Bertalda sich allerhand seltsam umschweifenden gedanken überlassen Fouqué
jahreszeiten (1811) 1, 158. 1@bb)
úmgehen, einen umweg machen, auch um jemandem aus dem wege zu gehen, in jüngerer zeit nicht mehr gebräuchlich, s. Adelung 4, 817: (
Brutus) sucht eyn umbschweifenden weg, domit er im (
dem könig) nit begegnet Carbach
Livius (1551) 23
a; minder gefahrlich auff freyem feldt ein tagreysz oder zwo umbschweyfen, wie das sprüchwort der Teutschen lehret: ein gut weg umb mach kein krümb Kirchhof
militaris disciplina (1602) 101; wer wenig irren wil, er thu gleich, was er thu, der schweiffe weit nicht umb, er geh gerade zu Logau
sinngedichte 203
Eitner; umschweifend '
gewunden, krumm': inwendig hette es (
die festung) nit einen geraden weg, sondern umbschweiffende gänge
eselkönig 21;
übertragen: auf eine umschweifende und verzögernde weise begehen ... selbstmord ... diejenigen, die (
durch schlechten lebenswandel) ihr eigen leben abkürzen
quelle von 1691
bei Staub - Tobler
schweiz. 9, 1762. 1@cc)
von b
aus auf die rede übertragen im sinne von '
breit, umständlich reden',
auch mit dem nebensinn '
den wichtigsten punkt umgehen, ihn bewuszt meiden'
: circuitione uti vil umbstender reden brauchen, umbschweiffen, lang umb den bry gon Frisius (1556) 224
b;
ambages umbschweiffend red Calepinus
XI ling. (1598) 75
a; in der red umschweiffen
far ambaggi, raggiri vel discorso Kramer 2 (1702) 707
b: nach sölichem umbschwaiffen und aussern wortten magstu ... anfahen Hartlieb
Ovidii von der liebe (1482) 9
a; ich tryb vil umschweifender reden, nüt zu den sachen dienend Zwingli
deutsche schr. (1828) 1, 132; solch umbschweyffen und ausflucht thut nit zur sache, sie sollen mir auff den worten bleiben Luther 19, 460
W.; dass die preceptores ... so vil die gägenwürtige lection inhalt und nit witer mit vil schwätzens und umbschweifen anzeigen söllen, was zun künsten ... dienet
schulordnung von 1577
bei Staub-Tobler
schweiz. 9, 1762; welcher die warheit reden wil, der darff des umbschweiffens nicht viel, dann warheit ist ein wort gantz schlecht Eyering
proverb. (1601) 1, 733;
das part. präs. nähert sich adjectivischem gebrauch: (
sie) fragten nicht erstlich und weit umbschweiffend die rechtsgelehrten Kirchhof
wendunmuth 2, 140
lit. ver.; sie mir endlich nach ... vergeblicher umschweiffender weitläuffigkeit ... zuverstehen gab, wo sie der schuh am meisten drucke Grimmelshausen
Simplic. 168
Kögel; dasz ein scythisches volk auch den bloszen nahmen eines weibes für garstig hielte und destwegen im reden sich einer umbschweifenden beschreibung brauchte (
für das weib) Lohenstein
Arminius (1689) 2, 79
b; ich halte mehr von 2 versen alsz von der groszen, umbschweifenden eloquentz, so man nun in Teutschlandt hatt Elis. Charlotte v. Orléans
briefe 4, 279
Holland; rede nicht so umschweifend
theater der Deutschen (1768) 8, 401. 1@dd)
vereinzelt begegnet umschweifen
als '
sich erstrecken, umfang haben',
vgl. umschweif als '
ausdehnung': Chiemsê ..., so bei acht meilen umbschwaift Aventin
s. w. 4, 37
Lexer; auszer den tohren liegen gemeiniglich sehr grosze und weit umschweiffende vorstädte Neuhof
gesantschaft (1666) 11
b. 22)
untrennbar. 2@aa) etwas (mit etwas) umschweifen
es (
damit)
umschlingen, umwinden, vgl. amictum umpisuaifan
ahd. gl. 1, 20, 19: houwet den boum zu valle! ... und tut en ummesweifen mit herten grozen reifen
Daniel 3607
Hübner; thut ihm dann das häuptlin weh, ... pringt schleyer her, dasz sie ihm den kopff wie ein daubenfellig fasz umbbind, ... umbreiff und umbschweiff Fischart
Garg. 105
ndr.; und alle die bande und tonnenreifen, mit denen wir sonst das leben umschweifen G. Freytag
ges. w. 1, 336;
ungewöhnlich: Hippolitus vom wagen sprung. doch behieng der unschuldig jung an eim riemen, der sich umbschweifft, da wurdt er von den rossen geschleifft H. Sachs 8, 498
K. (mit den armen) umschweifen
umfassen, umarmen: er umbeswîf si (
der könig die königin) mit den armen
kaiserchronik 11455
E. Schröder; und wie der künic in der vrist ir sô lieplîch engegenlief und sie sô vriuntlîch umbeswief Heinrich v. Freiberg
Tristan 3644
Bechstein; die arme niht envæln kunden, swaz er ummswief Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 12017.
auch: die siebentzehendt schell (
des narren) ist: mit henden und augen den gantzen tisch umbschweiffen Höniger
narrenschiff (1574) 58. 2@bb) etwas umschweifen
um etwas herum schweifen, sich schweifend herumbewegen; ambire umbschwayffen Diefenbach 28
c: dass er (
der Rhein) mit seinem fluss gleych nahe bey einander zwo peninsslen ... underschidlich machet, welche er beide also umbschweiffet Stumpf
Schweizerchronik (1606) 418
a; wenn wir zur lust auf muntern rossen die sonnenroten hügel umschweifen Hölderlin
ges. dicht. 2, 162
Litzmann; (
das licht) strömt ihn an, es umschweift ihn ganz Bettine
Günderode (1840) 2, 113; das (
wasser) den ruhenden kiel umschweifte Fr. Th. Vischer
lyrische gänge 164;
bildlich: so der mentsch ietz wänt, daz er sin hertz bi im habe, so hat es die welt umbswaifet, nu hin über mer, nu her wider
st. Georgener prediger 204
Rieder; si stannd nahet bei mir, rffen mit dem mund, aber mit dem hertzen umsweiffen si die welt (
circumvagantur)
puch der heil. Birgitte (1502) e 2
b. 2@cc)
die bewegungsvorstellung kann zurücktreten: und des al diu crêatiure bedarf, die der himel umbesweifet hât Wolfram v. Eschenbach
Willehalm 309, 19; waz der planêten kreiz hât umzirket und umbsweift Laszberg
liedersaal 2, 433.
von einem kleidungsstück: wie das grüne röcklein sie (
die beine) umschweift Arnim
w. 19, 15
Grimm; die (
zweite bergkette) ... im halbkreise rund das nordende des Rothen Meeres ... umschweift Ritter
erdkunde 13, 228.