Wossidia
Ul Pl. Ulen
f. I. Eule, Gemeinschaftsname für Vögel der Ordnung Strigiformes 1. Sprachbelege a. Ule strix Niem. Idiot. 26;
Uhl Mi 96
a; Giese Tiern. 18; 'dewyle se Oeverst neinen Valcken gehat, so hefft men mit Ulen de VOegel gefangen' Gry. Paw. M 2
a. b. Rdaa.; um Kinder beim Dunkelwerden im Hause zu halten oder ihnen überhaupt Gehorsam einzuflößen, droht man mit der Eule: buten is de Ul, de Ul sitt upt Dack, de Ul kümmt un haalt di, nimmt di mit, kriggt di fat't, bitt di, kratzt di de Ogen ut, hackt di up u. ä. allgem.; Wo.
V. 3, 1032; 1173; auch wenn jem. spät abends draußen arbeitet: hest kein Angst, dat di de Ul bitt? GüGüstrow@GülzowGülz; wist du mit de Ul to Wim trecken? RoRostock@RibnitzRibn; wenn etwas plötzlich verschwunden ist:
dor hett ne Ul säten StaStargard@RollenhagenRoll; snappt se to, so satter 'n Uhl J. H. Voss Wint. 104; den annern Morgen ... hadd dor 'ne Uhl seten, un de Vagel (ein Gefangener) was utflagen Reut. 7, 193; H. Schrö
d. Garw 103; auch wenn etwas anders ausgeht, als man zunächst gehofft hat: 'dar heft een Uhl geseten' (1734) Kohf. Hg. 23, 2; Reut. 4, 389; Bri. 2, 258; SchwSchwerin@PampowPamp;
vgl. Nd. Kbl. 27, 1; 24; bei scharfem Frost: hüt piept de Ul noch int Holt WaWaren@DamerowDam; bei einem schlecht gebauten Haus is de Ul Bumeister wäst Wa; jem. lüggt, dat de Ul ut de Hill' föllt ebda; zu einem langsamen Menschen: ihrer du so wit kümmst, schitt de Ul Backbeeren WaWaren@MalchowMalch; abwertend: di hett de Buck uppe Brak schäten, un de Ul hett di tau Döp dragen PaParchim@DobbertinDobb; von schlechten Spielkarten: dat is ne Koort, dor kann 'n Ulen mit ut 'n Brok hissen Ro; mi kann keiner ne Ul för ein Rabhaun verköpen (ich lasse mir nichts vormachen) Puls Hw. 214; einer, der angeblich alles kann, is so klauk, wenn hei up 'n Teigelstein steiht, kann hei de Ul in 'n Noors kiken Wo. Sa.; von dummem Menschen: mit denn' kann 'n Ulen ut 'n Holt jagen Wa; dei kennt kein Ul för de Kreih PaParchim@QuetzinQuetz; wenn man sich über einen häßlichen Menschen lustig macht: lach nich œwer de Ul, is ok 'n Vagel RoRostock@KlockenhagenKlock; willt ji mi tau 'ne Uhl maken? (zum Gespött machen) Reut. 6, 290; Abfertigung: wat gifft 't tau äten? — Ulen mit gräun Seip RoRostock@Nienhagen bei DoberanNHagD. c. Vgll.:
dot as ne Ul HaHagenow@RedefinRed;
sleprig as ne Ul Wa Waren@SchwarzSchwarz; ein Schlafmüder treckt de Ogen œwer as ne Ul HaHagenow@RedefinRed; jem. mit ungekämmtem Haar sieht aus, as wenn de jung' Ul ut 't Nest kickt SchöSchönberg@SchlagsdorfSchlagsd; der Wind pfeift, as wenn de Ul juucht Wa; zu einem Kind, das unappetitlich ißt: du snüffst jo as 'n Nest vull Ulen Wo.
V. 3, 1986; ein mit unordentlicher Schrift bedecktes Blatt sieht aus,
as wenn dor Ulen up danzt hebben Ha Hagenow@RedefinRed; jem. is so klauk as de Ul achter de Auk RoRostock@BartelshagenBart; später Besuch kümmt as de Ul in de Nacht Wa; auf der Beobachtung, daß Krähen jede Eule, die sie zu Gesicht bekommen, sogleich heftig anfliegen, beruht der häufige Vgl. as (de) Ul mank de Kreigen: eine Witwe 'wert ... geachtet ... vor ein anhchels alse eine Ule manck den Kreyen' Gry. Wed. B 4
b; Laur. Schg. 4, 420; ein bürgerlicher Offizier unter lauter adeligen
was ... as Uhl mang de Kreihen Reut. 4, 263; ebenso ein deutscher Seemann unter lauter Schweden RoRostock@DierhagenDierh; öft.; abgewandelt: löpen se em ... nah, as de Kreigen achter de Ul Bri. 6, 13; up Se hacken 's all as de Uhl'n up de Kreig'n C. Reinh. Holtrev. 38.
d. Sprww.: wat den einen sin Uhl is, is den annern sin Nachtigal (was einem mißfällt, gefällt dem anderen) Reut. 2, 73; Bri. Volkssp. 23; öft.; de Uhl heft eer Ühlken so leev aß de Duve er Düveken (Eltern lieben ihre Kinder auch, wenn sie häßlich sind) Mantz. Ruh. 5, 37; Heim. 2, 8
b; Ul brött wedder Ulen ut der Apfel fällt nicht weit vom Stamm Pa; ähnl. Wo.
V. 3, 709 a—c; wenn 'n nicks hett, is de Ul ok 'n Vagel in der Not ist man mit Minderwertigem zufrieden PaParchim@DobbertinDobb; Reut. 3, 387; Spatzen, dei morgens so früh fläuten, frett an 'n Abend dei Ul Hochmut kommt vor dem Fall PaParchim@MarnitzMarn; Beispielsprww.: Drœhnsnack is 't doch man, säd' de Ul, as de Nachtigall utsungen hadd' Wo.
V. 2, 250; utkamen möt alles, säd' de oll Fru, sülfst de Ulen sünd utkamen un hebben doch sonn' dicken Kopp Ro; de Ul seggt, ehr Kinner wiren de besten, se hadden de gröttsten Ogen Wo.
V. 2, 261 b; Nahwersch, wo is dat Kind den Vadder ähnlich, hadd' de oll Fru seggt, dor hadd' se ne Ul inwickelt Wa;
s. ickskremick. e. Rätsel und Reime; im Rätsel vom Ei: Dor kemen de Herren von Ulen un Apen, Künnen Entepetente nich wedder heil maken Wo.
V. 1, 20 a; Dor kem Prinz Carl mit Ulen un Apen ebda; Reime: De Ul Maakt de Eier ful, De Kreih Maakt s' entwei Sa.; Buhköhking hadd' 'n grotes Mul, Bahlämming bet de Ul
V. 3, 101; Anrufe an die Eule: Ul, mi grug't inne düüster Nacht, Kumm un möt mi 'n Grugel af 2, 1346; Ule, Ule, witt, Nimm de Jungens mit S. 413; im Segen gegen den Mundschwamm (Voß) der Kinder: Dei Kreih un dei Ul, Dei güngen nah den Puhl. Dei Ul, dei gewünn, Un dei Swamm, dei verswünn Staak Krankh. 221
b; wenn ein Kind nicht schlafen will: Ul, da hest du een Nachtgeschrig', Giff mi daför een Daggeschrig' Horn Selmsd. 1, 386.
f. bildl. gemaltes oder geformtes Abbild einer Eule: Ulenspeigel as Bäcker sall Ulen un Apen backen SchöSchönberg@KlützKlütz; unkenntliche Porträts: wat malst Du dor för infamigte Ulen un Apen Müll.-Friese 3; Egg. Trems. 166; unleserliche Schrift: dat sünd luter Ulen un Apen GüGüstrow@GülzowGülz; vom unregelmäßigen Spinnfaden,
Dim. mit gekürztem Vokal: du spinnst jo Üllken un Krodüllken Wa; Pa Parchim@SpornitzSporn. g. als Name und Schelte: Ul Kuhname GüGüstrow@NiendorfNiend; Ulen Ökelname der Einwohner von SchöSchönberg@KlützKlütz, PaParchim@BenzinBenz, der Jungen von SchöSchönberg@WarnowWarn; auch im Spottreim: De Valluhner (Ha@Valluhn) Ulen sünd so rug', Sei möten sick pulen Wo. Sa.; Schelte für eine Kuh:
oll Ul MaMalchin@SeedorfSeed; für eine häßliche Frau: dat 's ne schöne Ul, dor kann 'n Gören mit to Bedd' jagen Ro; für einen langsamen Menschen RoRostock@MüritzMür. 2. Arten, Rufe; die verschiedenen Arten werden meist nicht unterschieden, neben Ul begegnet als Gemeinschaftsname Nachtul; zur Differenzierung dienen Zss., Farbangaben und besondere Namen, so heißt die Schleiereule, tyto alba, Karken-, Katt-, Klapp-, Schün-, Snork-, Tuurnul; der Uhu, bubo bubo, Schufut, Schuhut, Krus'up, Uhu; die Schnee-Eule, nyctea scandiaca, Sneiul, witt Ul: witte Uhl Zand. Vög. 130; der Steinkauz, athene noctua, Katt-, Stein-, Tun-, Widen-, Wiechelul, Dodenvagel, Kauz, Kummit, Likhauhn; der Waldkauz, strix aluco, Bom-, Brand-, Knappul, grag' Ul: graag Uhl Arch. Landesk. 15, 159; Arch. 15, 58; Wü
stn.-Clod. 43; die Waldohreule, asio otus, Holt-, Uhrul, Uhrkuz; die Sumpfohreule, asio flammeus, Brauk-, Moß-, Muur-, Sumpul; unbekannter Art sind Klabüüster-, Knirk-, Taßul; nicht zu den Eulen gehört die Melkul Nachtschwalbe, caprimulgus europaeus. Das Rufen der Eulen nennt man juchen, juuchten, hulen, hucheln, quiken, pipen Wo.
V. 2, 283, 19; ihre Rufe deutet man als kumm mit, kumm mit (Wald- und Steinkauz), mi grug't, mi grug't (Waldkauz) allgem.; kumm mit, kumm mit nah 'n Ulenbarg, nah 'n Dodenbarg u. ä. Wo.
V. 2, 1008; Kumm mit, kumm mit, Bring' Schüpp un Spaden mit Giese Tiern. 19;
kleed' di witt, kleed' di witt Wo.
V. 2, 1009. 3. Aberglaube: eine tote Eule nagelte man an die Scheune, um die kleinen Vögel abzuschrecken WiWismar@MaßlowMaßl; man sall Ulen in 'n Düüstern nich slagen ebda; wer ne Ul smitt, reckt sick 'n Arm ut Ro; auch soll man die Rufe der Eulen nicht nachahmen: paug' keen Ul nah, denn bliffst muuschendot (
s. mors) Wa;
s. nahpaugen; allgem. gilt die Eule als Unglücks- oder Totenvogel Jb. 20, 164; wenn de Ul in 'n Schosteen röppt, blifft een dot StaStargard@KublankKubl; de Ul hett an 't Finster kratzt, dat gifft 'n Doden HaHagenow@RedefinRed;
vgl. die Deutung des Eulenrufes als kumm mit (
s. o.); ruft eine Eule, wenn Holzsammler in den Wald ziehen, haben diese kein Glück Pa; wenn ne Ul an Deck kem, denn kem uppe Reis' wat von baben, ut 'n Mast oder von de Stengen Wo. Seem. 2, 202; Hexen können in der Gestalt einer Eule erscheinen Bartsch 1, 132; LuLudwigslust@TewswoosTewsW; StaStargard@WulkenzinWulk; die Eule vertritt im Winter den Storch und bringt die Kinder mehrf., vor allem in Pa@ und nördlich davon Atl.
d. Volksk. 20; Wo.
V. 2, S. 406. II. Schmetterling, Insekt der Ordnung Lepidoptera, bes. der nachts fliegenden Arten:
Ul Schmetterling RoRostock@KlockenhagenKlock; Nachtfalter LuLudwigslust@DömitzDöm;
bunt Ul GüGüstrow@LaageLaage; wenn de witt Ul so an 't Licht fladdert, seggen wi: dat gifft bald 'n Doden Wa; oft
Dim.: papilio 'ein Uleken, Rupenschyter' (1585) Chytr. 379; Uehlken phalaena Monschr. 3, 634
b;
N. Monschr. 4, 152
a; Niem. Idiot. 26; Üülken Nacht- und Dämmerungsfalter Wo. Sa.; Üling kleiner Nachtschmetterling Lu Ludwigslust@ZiegendorfZieg; im Anruf: Üling, Üling, sett di, Näs' un Müling blött di Wo.
V. 2, 1470; Üling, Üling, sett di, Fleesch un Brot smeckt di 1480. Zss.: Blaut-, Blind-, Mähl-, Melk-, Mutt-, Puttul, Kleeder-, Nachtüülken, Üülkenschiter. III. Sachen 1. der oberste Raum des Hauses und der Scheune dicht unter dem Dach SchöSchönberg@GrevesmühlenGrev; HSchönb; baben in de Ul SchwSchwerin@CrivitzCriv; beim Abladen des Getreides in de Ul sitten Schill. Nachl.; pedd' man de Ul got vull RoRostock@KröpelinKröp. 2. wie Schünul 2: sall ick di ne Ul upsetten? WiWismar@StrameußStram. Vgl.
Schulul. 3. eine Stange mit einem Haarkopf zum Wegfegen von Spinngeweben Mi Nachtr.; aus Schweinsborsten gefertigter Wandbesen E. Boll Hs.; seem. Besen zum Ausfegen RoRostock@BartelshagenBart; Warn; wenn wat äten wir, kem de Jung' mit de Ul un de Fulschüpp Wo. Seem. 1, 48. Zss.: Hand-, Hoor-, Stangen-,
Stöwul. 4. Öllampe: de oll Ul glœs't so Wa. 5. Wärmflasche Wi; RoRostock@DoberanDob; Mür. 6. Haube, nur
Dim.: 'Windel-Bänder, Kinder-Doock, Tuffeln Uhlckens Piecken Mützen' (1726) Kohf. Hg. 20, 4; Uehlken ein leinenes Tuch, womit den kleinen Kindern in den ersten Wochen das Haupt unter der Mütze pflegt bedeckt zu werden
N. Monschr. 4, 152
a; im Rätsel: wat liggt in 'n Hollen un hett 'n witt Üülken up? (Bier im Faß) SchöSchönberg@RaddingsdorfRadd. Zs.
Schattul. IV. Personen in den Zss. Deig-, Drus'-, Heid'-, Hemp-, Keinhoorz-, Krinten-, Land-, Slap-, Speigel-,
Zankul. — FN.: Ulenbarg, -brauk, -breid', -dik, -heid', -holt, -horst, -hüürn, -kamp, -kraug, -muur, -ri, -soll, -wisch, Üülkensee. PN.: 'Ulenpundt' (1384) UB. 20, 238; 'Marten Ulegart'
F. Eng. Kaiserb. 202; 'Hans Ulenbrock' (1544) Tessin Buk. 26
b. — Mnd. ûle. — Brand.Berl. Wb. 1, 1235; Br. Wb. 5, 146; 6, 382; Dä. 503
b; 501
a; Da. 230
a; Kü. 3, 493; 497; Me. 5, 302; 306.