üppigkeit,
f. ,
subst. zum vorhergehenden adj.; ahd. uppîgheit
neben uppâ, uppî, uppe, uppeheit
vanitas; mhd. üppecheit, üppekeit, üppikeit;
dän. yppighed,
schwed. yppighet.
umlautlose schreibung dauert vereinzelt bis ins 18.
jh.; z. b. Canitz
ged. (1727) 145; Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 375.
wie im mhd.: üppikeit A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) h 6
a; Keisersberg
granatapfel d 5
d; uppickeit Luther 30, 2, 190
W.; Opitz
poemata 231
ndr.; yppikeit Hedio
chron. germ. (1530) d 6
b. uptpigthait
it.-d. sprachb. (1424);
Bayerns mundarten 2, 414
Brenner. üppigheit Zwingli
d. schr. 1, 299; uppig- und geilheiten Lohenstein
Arm. 2, 1111
b. 11)
zu üppig 1: wer wird ihn (
Homer) darum (
dasz er epitheta häuft) tadeln? wer wird ihm diese kleine ü. (
überflusz, reichthum an beiwörtern) nicht vielmehr dank wissen ...? Lessing 9, 109
M.; Petron ... beschreibt das geräusch mit aller möglichen ü. 9, 38
M.; halten sie also, mein freund (
Lavater), so viel sie können, beym ersten lesen dieser schriften alle gezwungene harmonien, dogmatische erörterungen und gelehrte üppigkeiten im commentiren ... von sich entfernt Herder 10, 161
S., Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 262; laszt
die könige nur ganz dreist diese zeichen der grösze ablegen, sie haben ja derselben ohnehin genug! dergleichen üppigkeiten sind einem jeden andern leichter zu übersehen als einem fürsten Bode
Montaigne 2, 288;
nach 3
weisend: die ü. und plastik der umschreibungen O. Ludwig 5, 231. 22) üppig 2
entsprechend, vanitas Graff 1, 89; Diefenbach
gl. 606
b: Salmon (
eccles. 1. 2) hât doch wâr geseit: diu werlt ist gar ein üppekeit Freidank 81, 7; der welt uppikeit
altd. blätter 1, 55
Haupt u. Hoffmann; Murner
badenfahrt 7, 44; Knebel
chron. v. Kaisheim 228
lit. ver.; weltliche uppigkeit Hermann von Wied
reformation (1545) 94
b; nach uppigkeit weltlicher ehre
b. d. liebe (1587) 290
a; wir können bald mit eitelkeit und uppigkeit dieser welt beflecket ... werden J. Arndt
nachfolge Christi 11; von erst die ougen zemen, dasz sie üpikait (
vana) nit ansehen Steinhöwel
ber. frauen 84
Dr.; was dir beliebt und wolgefällt, das lasz auch mich hochachten, all uppigkeit verlachen Paul Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 314;
plural: und bewegten in ieren uppikeiten (
in vanitatibus suis) den herren got Israhel
erste d. bibel 5, 315, 50
K.; ich danke, dasz dein mund von schnöden üppigkeiten mir ein erschreckend lied im harten tone sang Henrici
ged. (1727
ff.) 3, 217; die üppigkeiten der welt Kant 6, 59
H.; vanitas vanitatum et omnia vanitas ... üppigkait aller üppigkaiten und alle ding seind üppigkayt Keisersberg 7
schwerter (1510) a a 2
b;
vgl. Berthold v. Regensburg 1, 173, 39
Pf. so sprach der richter: ir treibent üppigkeit (
es ist umsonst), so weisz ich nit, was ir wöllent, gond hin als ir her seid kommen, ir seindt nit zu richten Steinhöwel
Esop (1487) 69
b.
im wesentlichen veraltet. 33)
wie üppig 3. 3 a
entsprechend: ein reiner himmelsstrich, unter dem alles mit gesunder ü. aufblühet S. Geszner (1777
f.) 2, 180; da jegliches gefild, in üppigkeit gekleidet, an tausendfachem reiz sein dürstend auge weidet Gerstenberg
recensionen 129
lit. dkm.; die an mannigfaltigkeiten bis zur ü. verschwenderische natur Kant 7, 91
H.; ihr alle frascatanischen gärten, wo das aug aus überschwellender üppigkeit ... trunken hinüber zum sonnigen Rom blickt Waiblinger
ged. a. Italien 31
Gr.; unterirdisches feuer, welches ... die ströme der ü. über eine gegend ausgieszt Schelling I 5, 545; ü. der vegetation A. v. Humboldt
ansichten d. natur 1, 95, tropischer schlinggewächse Ratzel
völkerk. 2, 252, des standortes Schlechtendal-Hallier 5, 97; den ... palast eines schlesischen grafen, welcher ... hinausblickt in das gesegnete, in grüner ü. wogende land Laube 8, 7; Storm 1, 70; paradiesische, ungeahnte ü. Steub
drei sommer in Tirol 2, 40; Seidel
Hühnchen 179.
bildlich: ist je die ü. einer nach süszer auflösung in goldnen wein lüsternen seele köstlicher und erwecklicher erschienen als in einer vollen, glänzenden traube, die sich unter den breiten blättern halb versteckt? Novalis 4, 31
M. 3 c
entsprechend: die ü. der körperformen, des wuchses, die reife ü. der blondine. ist ... zu ersehen, dasz ich glück, freude, gesunden leib und andre ü. (
lebenslust, überströmende kraft?) gehabt Schweinichen
denkwürdigkeiten 135
Ö. üppig 3 e
entsprechend, recht allgemein: zwischen dürrer kraft und reizender ü. wird denn so leicht keine vereinigung möglich seyn C.
F. Kramer
an Klopstock, br. 369
L.; eine einfärbige blume des feldes ist ihnen ... angenehmer als die glänzendsten schauspiele der künstlichen ü. Wieland I 2, 379
ak. ausg.; ihre (
der einbildungskraft) ausartung in ü. Adelung
magazin 2, 2, 82; der recensent ... übersieht leicht eine kleine ü. der phantasie
allg. d. bibl. anh. 25/36, 3043; wodurch ein ganzer schwarm entbehrlicher, ja sogar naturwidriger neigungen unter dem namen der ü. ausgeheckt wird Kant 4, 344
H.; mir scheint er (
der bardengeschmack) eine poetische ü. Nicolai
bei Düntzer
briefe von u. an Herder 1 (1861), 320; wenn er (
Ramler) ... aus bloszer ü. des geschmacks (
geschmack an überfülle der wörter, vorliebe für wortfülle) auch die schlechten wörter aufnimmt, nur weil sie alt sind, ... wie soll man das nennen? Gerstenberg
recensionen 222
lit. dkm.; ü. des stoffes W. v. Humboldt
ges. schr. (1903
ff.) 1, 352; man sehe die unendliche bereitwilligkeit, leichtigkeit und ü., mit welcher der wille zum leben ... sich ungestüm ins daseyn drängt Schopenhauer 2, 412
Gr.; hier verschwindet die bindende regel in ungemessener ü. Vischer
ästhet. 2, 94; der schweisz auf seinem kahlen vorderhaupt, der mehlstaub, mit dem er eingepudert war, die weiten hausschuhe, alles zerflosz vor ü. O. Ludwig 2, 251; einem in glanz und ü. strahlenden heerzuge G. Keller 5, 288; die ü. und ein schwärmendes lärmen (
der musik) ... ist ... in unsere gotteshäuser gedrungen Scheibe
crit. musicus (1745) 166; Schubart
ästhet. d. tonkunst 42; die ü. des neuern styls Fr. Schlegel 3, 209; Burkes styl ist lebendig und voll bis zur ü. Gentz 2, 172
Schl.; in der bildenden kunst Justi
Winckelmann 2, 1, 116. 44)
zu üppig 4. 4@aa) üppig 4 a
entsprechend; protervitas Diefenbach
n. gloss. 307
a;
pompositas, pompa gl. 446
c: ein jeder mensch, der sich überhebt in der höchsten ü., der mag kein gestalt warer tugent erlangen, sunder allein den schatten Steinhöwel
spiegel menschlichs lebens (1479) 15
b; sie wurden im so halsstarg, ir üppikeit sich nit verbarg
hist. volkslieder 1, 178
Liliencron; das erst schwert des bösen gaystes ist das schwert der hoffart und der ü. Keisersberg 7
schwerter (1510) a a 3
c; damit ihr hohmut gebrochen und uppigkeit erlegt werde Pape
bettel- u. garteteufel (1586) s 1
a; ü. und ungerechtigkeit Jac. Böhme (1620) 4, 107; ü.
als gs. zu erbaulichen frolichkeiten Harsdörffr
gesprächsp. 3, 133; zur ü. ausgelassene gemühter Zesen
rosenmând a 10
a; dan was ist schönheit wohl? ... der hoffart kammerraht, der üppigkeit geselle
verm. Helikon 1, 75
b; ordenszeichen für gelehrte verdienste sind spornen für die ü. Just. Möser 5, 36; der thoren ü. Herder 25, 274
S. (
vgl. Neidhart Eunuch 26
F.); war es meines herzens ü., die mich entzweite mit dem sterblichen leben? Hölderlin 2, 191
L.; ü. des herzens Freiligrath 5, 236; die reine ü. (
ausgelassenheit) und frohe willkür dieser kühnen komödie ist unerreichbar Solger
nachgel. schr. 1, 103; meuterische ü. dieser truppen Gutzkow (1872
ff.) 9, 151; deshalb ist die polizei ... da, um die übergrosze ü. solchen talenten ... zu vertreiben 2, 345.
als person schweizer. schauspiele des 16.
jhs. 2, 118; 122
B. veraltet leichtfertigkeit: R. v. Ems
weltchron. 11663
E.; H. Kaufringer 7, 61; 153;
concret: Hätzlerin 41;
kirchenordnung f. Braunschweig (1569) 384; 240; ü. üben Albinus
meisznische land- u. bergchronica (1589) 62; alle üppigkeiten auszuüben
n. schauspiele (1771) 1, 1, 33.
tadelnswerthe neigungen: auf liebe der hunde und andere uppigkeit geneiget
b. d. liebe (1587) 289
a. 4@bb) üppig 4 b
entsprechend, nequitia Calepinus
XI ling. (1598) 942
b: die ... papisten ... woltend die sach gern dahin haben, dasz all ü. (
nichtswürdiges treiben), büberey, ketzerey, schand und laster lutherisch geacht und genempt wurd Philadelphus Regius
von lutherischen wunderzeichen (1524) a 3
a; do ich ... vernommen hab, wie man solch schnöd ü. (
übelreden von der mutter gottes) ... uf mich red Zwingli
d. schr. 1, 91; dan niman haszt die oberkait, als der sich legt auf uppigkait Fischart
kehrab 578
ndr.; an bemelter zech soll auch gotteslesterung, spiel, zank, hader, uneinigkeit, verachtung und fürtreiben, in summa alle uppigkeit ... vermitten werden Puschmann
v. meistergesang 33
ndr.; ich war sehr weit durch uppigkeit in vollen drab gewichen ab Joh. Heermann
bei Fischer-Tümpel 1, 281; ich höhne laster ausz, ich schimpfe böse zeit, dann die macht groszes werk von groszer üppigkeit Logau 527
E.; (
o leib) du schnödes wohnhausz höchster schande, du mordgruft aller uppigkeit
Königsberger dichterkreis 183
ndr.; und daher lernen sie böses thun und verfallen auf fressen, saufen, spielen und andere üppigkeiten Chr. Wolff
v. d. menschen thun u. lassen (1720) 348; was den reinen rein ist und erlaubt ..., das kann nur durch misbrauch in sündliche ü. ausgeartet sein Jac. Grimm
kl. schr. 4, 55. 4@cc) üppig 4 c
entsprechend, lascivia Calepinus
XI ling. (1598) 795
a: und auch von den, die sölich uppikait (
ehebruch) in ihren húsern lieszen triben und si instieszen
oberschwäb. stadtrechte 1, 204; die seligen wyber gestaltet man so huorisch ..., dasz die mann an inen gereizt werdind zuo üppigheit Zwingli
d. schr. 1, 299; vil sterben auch ... von uberflüssigem wollust aller ü. W. H. Ryff
spiegel d. gesundheit (1544) a a 4
b; Ruoff
hebammenb. (1580) 111; ü. und unzucht Xylander
Polybius vorr. 2
a, geylheit und u. Fischart
ehzuchtb. 139
H., ü. und schnöde lust Neumark
lustwald (1657) 404, wollust und u. Schottel
haubtspr. 901, ü. und brunst Neukirch
anfangsgründe (1724) 218, ü. und leichtfertigkeit Schwabe
belustigungen (1741
ff.) 3, 122; weg, wollust, weg mit deinen leichten sinnen! weg uppigkeit mit deinem schandbeginnen! Neumark
lustwäldchen (1652) 5; soll die sorge für künftige geschlechter nur der ü. feiler oder eitler dirnen überlassen sein? H. v. Kleist 5, 47
Schm.; fleischliche, schandtliche und hrische, ausgemärgelte, gemeine ü. Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 33
a; Stumpf
Schweizerchron. 108
b; Gottsched
das neueste 9, 784; Fr. Schlegel 6, 71; der freuden port, die schosz, ein grab der uppigkeit Opitz
poemata 101
ndr.; doch wenig kennen wahre liebe, die anmuth zeugt und tugend weiht; sie ist kein freibrief wilder triebe, nicht eine magd der üppigkeit A. v. Haller
ged. (1882) 163; noch immer gilt hier (
in Wien) Berlin als ein herd der frivolität und ü. Meinecke
Boyen 2, 37.
veraltet als concretum und im plur.: sein u. mit einer verbringen Ruoff
hebammenb. 145; mein herze wünschet nicht den mägden zu gefallen, die in dem koth und wust der uppigkeiten wallen Opitz
poemata 224
ndr.; Logau 98
E.; weil sie (
die kupplerin) den käyser zu solchen uppigkeiten verleite Lohenstein
Ibrahim sultan b 4
a.
von thieren: der bock ist ein geil thier, alle zeyt gerüst zuo der ü. Herold-Forer
Geszners thierb. (1563) 61.
für den heutigen gebrauch vgl. die bemerkung zu üppig c. 4@dd)
zu üppig 4
d. '
einige neuere schriftsteller haben angefangen, das lat. luxus durch ü.
zu übersetzen, dessen begriff, so schwankend und unbestimmt er auch ist, es doch auf keine weise erschöpft. ü.
ist allenfalls ein sehr hoher grad des luxus' Adelung; Campe
verd. wb. (1813) 403.
den heutigen begriff definiert Kant 10, 174
H.: 'ü. (
luxus)
ist das übermasz des gesellschaftlichen wohllebens mit geschmack in einem gemeinen wesen. jenes übermasz aber ohne geschmack ist die öffentliche schwelgerei (
luxuries)'. ü.
in der kleidung: du solt enkein kleid tragen, an dem man úpkeit mug merken H. Seuse
d. schr. 105, 2
B.; jeder wolt im lernung geben, wie er doch solt prelatisch leben, tragen yetz ein kostlich cleidt; keiner sagt von erbarkeit, von hoffart nun und üppigkeit Murner
narrenbeschwörung 58
ndr.; eine sehr lustige hirtengesellschaft, welche ... der natur, und nicht der ü. gemäsz gekleidet ware Weckherlin 1, 591
F.; Abr. a
s. Clara
Judas 1, 122; als erst die welt sich blos mit fellen deckte, eh üppigkeit auf seid und purpur sann ..., da scherzten wir bey kräutern und in hürden, annoch entfernt von itzt empfundnen bürden Hagedorn
ged. 42
H.; kleider, die hülle der ü. Herder 7, 68
S.; plural: ist einem megdlein zum Berlin ... ein engel erschienen, der zu ihr gesagt, sie solte den leuten anzeigen, dasz sie die groszen kragen, die langen schleifen und andere uppickeiten solten ablegen Andreas Angelus
wider natur u. wundergeburt (1597) 157. die üppigkeitspuppen tragen sogar blosze hälse Sonnenfels 4, 379.
von häuslicher einrichtung: die edle, von ü. und kargheit gleichweit entfernte einrichtung des hauses S. v. Laroche
frl. v. Sternheim 1, 135.
vom leben und von der ganzen lebensführung: von solchem leben weisz ein reicher nicht zu sagen, der nur in üppigkeit und lauter faulen tagen die liebe zeit zubringt Rachel
satyr. ged. 62
ndr.; daher unser Deutschland von ausländischer u. ... verwandelt ... ist Butschky
Pathmos 27; eine poetische beschreibung der ausschweifenden pracht und ü. der groszen Lessing 6, 208
M.; verschwenderische ü. Wieland
Agathon 2, 103; künste, waaren der ü. Herder 9, 373
S.; 15, 32
S.; brutale, gekünstelte, raffinierte ü. Kant 5, 35
ak. ausg.; 10, 20
H.; Mommsen
röm. gesch. 5, 68; ü. und wollust Nicolai
Nothanker 2, 79; luxus und ü. Göthe
gespr. 1, 151
B.; wohlleben und ü. W. H. Riehl
d. d. arbeit 239; ü. und schwelgerei Fr. A. Lange
gesch. d. materialismus 7; erst vom bedürfnisz gehn die künste aus zumeist, und werden üppigkeit alsdann, und endlich geist Rückert 8, 134; er wolle nicht ü. ins haus bringen G. Keller 8, 349; jugend in ü., alter im schmerz Düringsfeld
sprichw. 1, 454
a. in den windeln der ü. lag das erstaunliche werk der verschwörung gewickelt Schiller 3, 78
G.; so lebeten ... die beiden in herrlichkeit und freuden, und schwammen hier in üppigkeit bis über beide ohren Hölty
ged. 28
H. ohne beziehung auf materielles: mir ist nicht wohl in freier üppigkeit Göthe
Tasso 3066;
plur.: dem Crassus werden seine üppigkeiten verbotten Iselin
verm. schr. 2, 388; welche üppigkeiten! Campe; H. v. Chézy
erz. 2, 258; freilich reichten seine zinsen nicht zu üppigkeiten hin E. Zahn
helden des alltags 113.
zusammensetzungen: üppigkeitsstrom Rosegger (1895
ff.) 2, 88, -sucht Zschokke 4, 187, -waare E.
M. Arndt (1845
ff.) 2, 15.