türkei,
f.,
die ursprüngliche bedeutung: '
das von Türken bewohnte land'
verschärft sich allmählich zu '
staat der Türken'; Türckey, Turcia
imperium Turcicum Weismann
lex. bip. (
81725) 2, 417
a.
synonym damit Osmanisches reich.
im mittelalter durch lat. vermittlung bekannt geworden: von Turkia kung Rangolt ist dir nie worden holt Heinrich v. Neustadt
Apollonius 7955; Turchia
md. Marco Polo 3
Tscharner; Türggia Oswald v. Wolkenstein 107, 4
Schatz; meist jedoch von frz. turquie,
vgl. Suolahti
d. frz. einflusz a. d. dt. spr. 8 (1929) 269: Türkîe
die klage v. 178; Wirnt v. Gravenberg 9895; 11002; ein wint von Barbarie waet, der ander von Türkie Tannhäuser
nr. 13, 75
Siebert; es möcht eym hertten steyn thuon we, was wir alleyn verloren hant in kleyn Asyen vnd Kriechenlandt, das man die grosz Türcky yetz nennt S. Brant
narrenschiff (1494) r 3
b.
bald mit spätmittelalterlicher diphthongierung des tonsilbenvokals: di ... komen gar gelukchleich in di Turkkai fur die stat Schiltaren und waren vill scharmuczel ob gelegen den Turkken (1396)
österr. chron. 237, 4
Seem.; gen Preussen, Littwan, Tartarei, Türkei, über mer ... traib mich die minn auff meines aigen geldes wer Oswald v. Wolkenstein 64, 17
Schatz; ist ... ein kostlich stat in der Thurckey (
um 1480)
bei Röhricht
pilgerreisen 113; da findistu gewiszlich die kirche, es sey ynn der Turkey, Russen, Behemen odder wo es wolle Luther 10, 1, 1, 711
W. der ansatz zu analogischer überführung der fremden in die zum charakteristischen bildungssuffix erstarrte deutsche endung des dat. pl. -(e)n (
wie in Franken, Sachsen, Böhmen
usw.)
bleibt folgenlos: (
die Venezianer) haynt auch macht in Griecken und Turckeyen und in heydenschaff (1496)
bei Röhricht
pilgerreisen 249.
eine andere zu den meisten ländernamen analoge behandlung ist die artikellosigkeit: mich duncket, das es ordenlicher ynn Türkey zu gehe Luther 18, 464
W.; ein damm gegen Indien, ein schutzgatter gegen Türkey und eine mauren gegen morenland Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 308; reise, welche ich durch Persien, Italien, Türckey, Moscau, Polen ... gethan Chr. Reuter
Schelmuffsky 6
ndr.; der könig von Türckey Olearius
persian. baumgarten (1696) 11
a.
auch dieser versuch zu voller eindeutschung hat sich gegenüber der nachwirkung der herkunft aus dem frz., das alle ländernamen mit dem artikel gebraucht, nicht durchsetzen können (
wie in Lombardei
auch).
auffällt, wie stark bis in die ersten jahrhunderte der neuzeit hinein das wort deutlich gemieden, sein inhalt auf die verschiedenste weise umschrieben wird, zufrühest und am geläufigsten durch Türkenland (
s. d.);
daneben stehen umschreibungen wie: so hof ich, dasz der kaiser werd beraub den Türken und sein schar und Türkenschaft irs gwaltes gar (1471)
volkslieder 126, 330
Liliencron; daher sind auch die bey den Turcken fur die besten gehalten, so da vleys thun das turkissch reich zu mehren (1529) Luther 30, 2, 124
W.; das Turcken reich ist in 30 jharen hoch gewachsen (1538)
ders., tischr. 3, 532
W.; es ist an den muffti, oder obersten geistlichen, in dem ganzen türkischen reiche gerichtet Gottsched
ges. schr. 9, 69
Gottsched-ges.; allmählich setzt sich der ländername in der festen verbindung mit dem artikel durch: wie es in der Turkey gehalden wirt (1539) Luther
br. 8, 641
W.; auff dem schiff ..., so ein grosz gut von edlem gestein aus der Türckey mitbracht hett (1556) Wickram
w. 2, 166
Bolte; am dritten tag sahe ich in die grosse vnnd kleine Türckey, Persiam, Indiam (1587)
volksb. v. dr. Faust 57
Petsch; in Bithynien, in dem land, so wir izo die grosz Türkei haissen Aventin
s. w. (1881) 1, 258; also vor dieses mahl nicht aus Pohlen und der Türkey zu berichten (1714)
Berliner geschrieb. zeitungen 76
Friedl.; doch es geschah nicht wegen der Türkey Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 150.
wie das grundwort inbegriff des kulturlos-barbarischen: das die weiber aus der massen unwerd und veracht ynn der Türckey sind, werden gekaufft und verkaufft wie das viehe Luther 30, 2, 126
W.; und wünscht mir ..., dasz ich in dem bösten thurn leg, der in der Türckey wäre Götz v. Berlichingen
lebensbeschr. 88
Bieling; der Moscowit und die Türkey vergiszt der alten barbarey Gottsched
ged. (1751) 1, 303; ich liesz mir auch alles gefallen, obwohlen ich in der Türkey zu seyn glaubte (1777) W. A. Mozart
br. 1, 82
Schiederm. mit der bannung der unmittelbaren Türkengefahr entwickelt es im lauf des 18.
jhs. die vorstellung eines nebelhaft-fernen, seltsam-wunderbaren reiches, zu dem es keine lebendige beziehung gibt: nichts bessers weisz ich mir an sonn- und feiertagen, als ein gespräch von krieg und kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die völker auf einander schlagen Göthe I 14, 48
W.; von daher zum geflügelten wort geworden: as in dem februwori de larm in Paris losgung, was dat för Mecklenborg noch wid hinnen in de Türkei Fr. Reuter
w. 3, 69
S.; als vor zehn jahren hinten in der Türkei die völker aufeinanderschlugen (1864) W. Raabe
s. w. I 1, 1; in China auch noch; nee, soweit hinten nich — wie heiszt's gleich? in der Türkei Kluge
Kortüm (1938) 603.