trostreich,
adj. und adv. ,
jüngeres compositum, das erst mit dem barock und dann gleich ziemlich stark einsetzt und ebenso wie das noch später auftretende trostvoll
das geläufige tröstlich
in bestimmter weise ergänzt, bedeutungsmäszig in richtung einer stärkeren betonung, bisweilen pathetisch, zuweilen auch leise preziös gefärbt, in hinsicht des gebrauchs darin, dasz sich die aktive anwendung auf personen im gegensatz zu tröstlich
bis in die gegenwart hält. II.
religiöser gebrauch, im barock besonders beliebt. I@11)
gott, Christus als subjekt des trostes: kom, du haylreiche sonn, durch deinen gnadenglantz früh wiedrumb, uns zu wöcken! und mit trostreichem hayl, gewand und frewdenkrantz, nu widrumb unser hertz, leib und haupt zu bedöcken! Weckherlin
ged. 1, 360
Fischer; im dritten capitel des ... propheten Daniels lesen wir von einer sehr herrlichen
trost- und lehrreichen ... erscheinung, damit die drey standhafftige glaubens bekenner ... sind mitten im chaldeischen feuerofen erquicket vnd erfreuet worden Dannhawer
catechismusmilch (1657
ff.) 6, 316; das bitte ich dich, um deines hülff- und trostreichen Jesusnahmens willen Joh. Quirsfeld
geistl. creutzhöle (1717) 83; trostreicher geist (
gott), du hast mich schwachen durch deine grosze krafft gestärckt B. Schmolcke
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1246; die gnade unseres herrn ... Jesu Christi, die liebe gottes ... und die trostreiche gemeinschaft seines geistes sei mit uns Schleiermacher
s. w. (1834
ff.) II 4, 157. I@22) trostreicher glaube
u. ä.: wie nützlich und trostreich dies (
gottvertrauen) seye erweiset uns ... Salomon Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1711) 2, 44; es ist für den christen ein trostreicher und herzerhebender gedanke, dasz kein unglück geschiehet, welches der herr nicht wisse Joh. Fr. Ferd. Delbrück
deutsche sinnverwandte wörter (1796) 74; ... das ist ein trostreicher, herzlindernder glaube Stifter
sämmtl. w. 5, 1, 301; nie ist durch irgend welche kunst das aus dem bewusztsein eigener schwäche aufkeimende trostreiche gefühl frommen vertrauens auf die barmherzigkeit gottes wahrer und schöner ausgedrückt worden als in diesem recordare (
aus Mozarts requiem) O. Jahn
Mozart (1856ff.) 4, 724. I@33)
vom evangelium und anderen geistlichen schriften: (
der 34.
psalm) ist ain ser trostreicher psalme Schede-Melissus
psalm. 122
ndr.; im titel: Syrach Mathesii, das ist christl. lehrhaffte, trostreiche vnd lustige erklerung vnd auszlegung des schönen hauszbuchs so der weyse mann Syrach zusammen gebracht vnd geschrieben (1586); indem ich an die trostreichen worte unsers heylandes gedencke Chr. Weise
polit. redner (1677) 476; und gib, daz dein trostreiches wort von uns hier und an allem ort im friede werd gehöret Johann Niedling
bei Fischer-Tümpel 2, 87
b; wenn wir am leibe und an der seele kranck sind, so fallen wir ... dem himmlischen artzt zu füszen, und bitten um artzeney und erquickung aus seinem ... trostreichen evangelio Chr. Scriver
seelenschatz (1737) 4, 12
a. I@44)
von der predigt und predigern als vermittlern göttlichen trostes, lexikalisch bei Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 303
c: da wirstu einen rechten trostreichen prediger hören Schupp
schrifften (1663) 480; sie nahm also ihre zuflucht zu dem trostreichen seelenpfleger Musäus
volksmärchen 1, 49
Hempel; (
ein probeprediger) der eine prächtige aber nicht allzu trostreiche predigt gehalten Chr. Weise
die drei ärgsten erznarren 188
ndr.; nun wohl, so seid endlich was, ... ihr pfaffen mit euren trostreichen worten Lagarde
dtsche schr. 518. I@55)
gelegentlich passiver gebrauch; '
erlöst'
im religiösen sinne: dasz ich möchte trostreich prangen, hast du sunder trost gehangen
gesangbuch d. brüdergemeinde (1919) 5. IIII.
ohne religiösen bezug in übereinstimmung mit den älteren und jüngeren bedeutungsinhalten des substantivs, in den verschiedensten bereichen und situationen des menschlichen lebens. II@11)
gebrauch bei personen, in älterer zeit und dialektisch noch mit der bedeutung '
zuversichtlich', '
froh'
oder '
hilfreich',
später dem bedeutungswandel des bestimmungswortes sich anpassend: so sprach das knäblein nur ein wort, als bald stund an dem ufer dort ein mänlein, schlechter kleidung zwar, doch sehr tröstreich in dieser gfahr (
Christophorus) Wolfhart Spangenberg
anbind- oder fangbriefe 123, 54
lit. ver. wie glücklich war ich nicht in der entlegnen stille! bald einsam in den wald, bald in des meeres strand, tiefdenkend, trostreich, still, verborgen, unbekannt! (
getröstet) Gottsched
d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamkeit (1751
ff.) 4, 697; der notarius ... sagte zu mir ganz trostreich: 'trösten sich ihro gnaden, wir sind alle zum tode geboren' Ph. Hafner
ges. lustspiele (1812) 1, 24; gott ists, der den sänger (
David) allgegenwärtig durchblickt, der die wahrheit und unschuld seines herzens, so wie seine geheime wunden und noth kennet: das macht ihm leid und freude! das macht ihn trostreich (
froh) und betrübt Herder 12, 232
Suphan; dankbar zeichne der selbstbiograph die schutzengel seines lebens aus, die ihm ... trostreich begegneten
ebda 23, 229; ihre (
Cornelias) gespielinnen ... muszten gleichfalls allerlei aussinnen, um mir gefällig und trostreich zu sein Göthe 27, 198
W.; sachlich und persönlich bezogen: deutsche landsleute! die Tyroler gingen euch voran, männer eures volkes, deutsche brüder, sie gingen euch in einem herrlichen kampfe voran, trostreich für euch, unglücklich für sie E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 302; der gemüthliche Schlesier, der sich sogar erbot, dem kameraden abends trostreiche gesellschaft zu leisten Gutzkow
ges. w. (1872ff.) 2, 71; demütig und trostreich, angelegt um zu beglücken und glücklich zu sein, leuchtete ihren wegen die alles verklärende phantasie (
den geschwistern Vitzewitz) Fontane I 1, 33; (
seine alte mutter) war noch so glücklich und trostreich, all ihre zuversicht in sein leben und wirken auch ins jenseits hinüber nehmen zu können Peter Rosegger
bei Stelzhamer
ausgew. dicht. (1884) 4, xxiii.
umschreibend für die person: ihre sanfte trostreiche stimme Fr. v. Gentz
schr. 1, 64
Schlesier; man erwartete jeden augenblick, ... zu sehen ... wie sie die trostreiche hand auf die schulter des sorgenvollen eheherrn lege Gottfried Keller
ges. w. 5, 262.
personifiziert: unsere ... gesetze ... befinden sich im ... dienste des despotismus, obgleich die gesetzhandhaber behaupten, sie wären die trostreichen mittler zwischen volk und oberhaupt Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 513; dise jungfrau, eir trostreiche bruederschafft, wirt von gott ehender erhert als das cananeische weibl vor das heil irer tochter Abr. a
s. Clara
neue predigten 6
lit. ver. II@22)
in verbindung mit abstrakten, besonders hoffnung, verheiszung u. ä.: zum schlusse macht sich der herr verfasser die trostreiche hoffnung, dasz die neue critische dichtkunst ... nicht wenig zu dem ende ... Milton in ansehen zu bringen, beytragen werde Bodmer
sammlung crit.-poet. schr. (1741ff.) 2, 66;
ähnlich ders. abhandlungen v. d. wunderbaren (1740) 7; einen geburtsort trostreicher hoffnungen Herder 16, 61
Suphan; diese trostreiche wahrheit, dasz man unmöglich des rechten weges verfehlen könne ... kann allein das unglück abwehren G. Forster
s. schr. (1843) 5, 375; so habe ich denn immer in dem trostreichen wahne gestanden, ich hätte es mit der berufung des parlamentes gut gemacht E. Raupach
dram. w. ernster gattung (1835
ff.) 16, 36; und wir seien im stande, auch dem schwersten verbrecher auf seinem grabe die trostreiche verheiszung zu geben: mors janua vitae Bismarck
polit. reden 4, 326;
ähnlich Marie v. Ebner-Eschenbach
ges. schriften 5, 100; der leser entschuldige diese mir trostreiche idee vom vergessen Achim v. Arnim
w. 11, vi; Schwanhilde ... wünscht ganz vergessen zu können, wer sie sei und woher sie kam, da sie nun wohl fühlt, dasz ihr vergessen trostreicher sein müsse, als gedenken Richard Wagner
ges. schr. u. dicht. 3, 182; denn für das wehmüthige gefühl, das wir an unseren Leibniztagen haben, indem sie uns an den unaufhaltsamen wechsel aller kreise menschlicher thätigkeit mahnen, giebt es keine trostreichere erhebung als die lebendige überzeugung von dem allen wechsel der generationen überdauernden zusammenhang echter geistesarbeit Ernst Curtius in:
sitzungsber. d. preusz. akad. d. wiss. 1889.
inhaltlich konkreter: groszer könig, wie trostreich ist mir deine güte! Weinkern
in: samml. v. schausp. (
Wien 1764) 1, 65; trostreiche freundschaft Zimmermann
über d. einsamkeit 1 (1784) iv;
noch gegenständlicher: mit ... genehmigung lege ich diese reliquie, vielleicht als ein trostreiches andenken, in der freundin ... hand Louise v. François
die letzte Reckenburgerin (1871) 2, 18. II@33)
trost der natur u. ä.: empfindet unser schwache brust eines frühlings trostreichen lust Weckherlin
ged. 1, 105
Fischer; der mond ist trostreich aufgegangen, da unterging die welt Eichendorff
s. w. (1864) 1, 576;
hierher auch, da nicht gegenständlich, sondern als stimmungsträger gemeint: schaute ein kirchlein trostreich her zwischen uralten bäumen
ebda 1, 673; die thüren flogen hallend auf und zu und vom thurme fing die uhr trostreich wieder zu schlagen an
ebda 3, 324;
bedeutungsmäszig steht nahe trostreicher schlaf Weckherlin
ged. 2, 439
Fischer. II@44)
trost der kunst, der bücher, der wissenschaft; in früherer zeit z. t. noch in der alten bedeutung '
hilfreich'
und '
nützlich': in unsrer schul sich findet auch ... neben andern ubungen viel auch trostreiche comoedispiel Fröreysen
in: griech. dramen 2, 249
Dähnhardt; des französischen herrn Carl Drelincourts geist- und trostreiches büchlein von der auserwehlten beharrlichkeit Neumark
d. neuspr. teutsche palmbaum (1668) 450; sonst macht ein trostreich wörterbuch die stümper oft gelehrt und klug
bei Chr. Fr. Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721
ff.) 4, 184; ein sehr trostreiches werk
allgem. dtsche bibliothek (1765
ff.)
anh. zu bd. 25-36, 2504; meine gedanken ... kehrten sich auf die erforschung unscheinbarer, ja verschmähter zustände und eigenthümlichkeiten Deutschlands ... schon der beginn dieser studien war hart aber trostreich Jacob Grimm
kl. schr. 1, 27. II@55)
besonders häufig trostreiche worte, sprüche, briefe
u. ä.; lexikalisch: ein trostreicher zuspruch Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1151
a; die princessin aber befahl mir mit diesen trostreichen worten auffzustehen H. A. v. Ziegler
d. asiatische Banise (1689) 95;
ferner: Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 58
und Bettine
dies buch gehört dem könig (1843) 1, 287; trostreiche sprüche Joh. Riemer
d. polit. maulaffe (1679) 104; bey diesen zeiten, da so viele sonst ziemlich standhafte leute eines trostreichen zuspruches benöthiget sind, ist es sehr gut, dasz schriften dieser art herauskommen Gottsched
das neueste aus der anmuthigen gelehrsamkeit (1751
ff.) 8, 302; der trostreiche titel dieses buchs (...
sammlung nützlicher zauberkünste oder aufrichtige entdeckung vieler bewährter, lustiger und nützlicher geheimnisse u. s. w.) kann einem schon einen ziemlichen begriff von seinem kurzweiligen inhalte beybringen Lessing 4, 11
M.; trostreichste versicherungen Ayrenhoff
w. (1814) 3, 121; ich verlange nach ein paar trostreichen zeilen von ihnen G. Forster
s. schr. (1843) 7, 290; trostreiche sittensprüche J. H. Voss
antisymbolik (1824
ff.) 1, 228; trostreiche nachricht Holtei
erz. schr. 15, 122; trostreicher brief Mozart
an s. vater bei O. Jahn
Mozart 3, 271; Anselm Feuerbach 23.
nov. 1845
an die mutter; gott sei dank dasz deine briefe trostreichen inhaltes sind Bismarck
br. an s. braut u. gattin 577; trostreicher bescheid Heinrich Laube
ges. schr. (1875
ff.) 10, 319; trostreiche reime (
v. j. 1860) Gregorovius
wanderjahre in Italien (
71894) 367;
hierher: der graf antwortete ihr ernst aber trostreich Achim v. Arnim
s. w. 8, 133. II@66)
verflachter und abgeschwächter gebrauch mit den verschiedenartigsten subjekten: das übersendete kupfer ist leider, wie sie selbst sehen, keineswegs trostreich Göthe IV 28, 307
W.; der schriftsteller fand diese entschlieszung natürlich, nur nicht trostreich Immermann 3, 149
Boxberger; mit beziehung auf einen ganzen satz: trostreich ist es auch für das herz, dasz einsamkeit uns freunde finden läszt, die nichts uns raubt Joh. Georg Zimmermann
über d. einsamkeit 4, 171;
ironisch: nun das finde ich trostreich, wenn man ... auf ... seine tochter warten musz
theater der Deutschen (1768) 1, 265;
ganz allgemein: fatalismus, zu welchem die aufmerksame betrachtung des eigenen lebens, ... vielleicht jedem ein mal anlasz giebt und der nicht nur viel trostreiches, sondern vielleicht auch viel wahres hat Schopenhauer
w. 4, 235
Grisebach.