träumerisch,
adj. ,
junge ableitung, wie träumerei; traum
in erweiterter bedeutung (II A; II C)
voraussetzend. zuerst umschrieben als somnolentus Steinbach
dtsch. wb. (1734) 2, 846,
also wohl ohne unterschied zu träumerig (
s. d.), träumig (
s. d.).
in nd. maa. ist drömsk, drömsch
auf diese bedeutung beschränkt: Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 340; E. L. Fischer
preusz. Samland 116,
sowie dramisch
im mittelfränk.: Christa
Trier 70.
bei Adelung 4 (1780) 1037
u. Campe 4 (1810) 869
wird der hochsprachliche bedeutungsumfang beschrieben, doch hat die in anlehnung an träumen II D
entstandene bedeutung '
sinnend, geistesabwesend' (
s. u. 3)
mit ihren verschiedenen anwendungen und nuancierungen besonders unter dem einflusz romantischer sinnesart später stark gewuchert und andere bedeutungen verdrängt. 11)
nach traum II A
von etwas geträumtem als nicht wirklich vorhanden, eingebildet, vermeintlich; heute ungewöhnlich: er konnte unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte (
nämlich ein dichter zu sein): und je älter er ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem träumerischen besitze zu behaupten Lessing
w. 10, 128
L.-M.; freilich war die einheit ... keine träumerische, sondern eine wirkliche Immermann 19, 173
H. 22)
nach traum II C 1
phantastisch, phantasievoll. 2@aa)
von gegenständlicher oder seelisch-geistiger wirklichkeit als phantastisch, romantisch, fremdartig, weitschweifend: und dann bekämpftest du ein träumerisch ungeheuer
theater d. Deutschen (1768) 1, 118; (
in einer skizze) stoff: träumerisch Göthe I 41, 280
W.; die stadt war gutmütig genug, den falschen glanz dieses träumerischen hofes für etwas zu halten, das ihr ehre bringe E. Th. A. Hoffmann 10, 38
Grisebach; auf einem störrischen esel eröffnete der mummereienmeister den träumerischen zug G. Keller
w. 2, 186;
mit besonderer hervorhebung des bedeutungselementes '
verworren': nachtbezirk voll wustes und ... träumerischer nachgaukelung, dem spuk unserer mährchen gleich J. H. Voss
antisymbolik (1824) 1, 233.
gebräuchlicher von seelich-geistigen erscheinungen, oft mit negativem accent: halte das, was ich dir sagen werde, nicht für eine träumerische einbildung J.
M. Babo
schauspiele (1793) 23; träumerische ansichten über die veränderung der klimate A. v. Humboldt
kosmos (1845) 4, 54;
insbesondere solchen, die auf zukünftiges ausgerichtet sind, wie hoffnung, glauben
u. s. w.: weil sich auch nicht einmal eine träumerische hoffnung mehr daran knüpfen liesz Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 465; eine frohe hoffnung, ein träumerischer glaube haben meines lebens funken zur flamme angefacht Bettine
die Günderode (1846) 1, 99.
mit der nuance des sehnsuchtsvollen erinnerns: kein glanz, keine hoheit, die moderner zeit angehört, kann mir das träumerische hangen an früherer reichs- und stiftsherrlichkeit verdrängen L. Schücking
bei Droste-H.
br. (1893) 34.
bei entsprechenden metaphern: um durch träumerischen nebel des unsinns die ... lüge ... unschädlich zu machen Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 213; (
ich) spann ... den stoff zu groszen träumerischen geweben aus, wozu die erregte phantasie den einschlag gab G. Keller
ges. w. 1, 83. 2@bb)
vom träumenden als phantastisch überspannt, wirklichkeitsfremd oder —
positiver —
als phantasievoll, phantasiebegabt, idealgesinnt: ich träumerischer knabe hielt mich bei der kaiserkrönung für ... den ... regenten von Vadutz Cl. Brentano
ges. schr. 5, 10; am meisten hass ich träumerische schwärmer Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 163; die ideale, die auch er, wie jetzt soviel edle und träumerische menschen, sich ... gebildet hatte K. Gutzkow
ritter vom geiste 1, 25;
substantiviert: das träumerische des dichters Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtg. (1853) 5, 91;
übertragen auf lebensalter und charaktereigenschaften: doch endlich, jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische! Hölderlin
ges. dicht. 1, 199
Litzmann; sie ... benahm sich mit der ihr eigenen und ... ihr siegreich zu gebote stehenden träumerischen kindlichkeit K. Gutzkow
zauberer (1858) 1, 107;
bildlich: wie manchen richtigen und irrigen gedanken mag ich auf meinem träumerischen pfade gedacht haben Herder
w. 3, 185
S. 2@cc)
als adv. ungewöhnlich; seltsame, phantastische gedanken bewirkend: der schatten des laubes spielt mir auf dem kleid, ... das amüsirt mich so träumerisch Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 333; der jäger, den diese entdeckung ganz träumerisch bewegte Immermann
w. 1, 214
H.; vgl. noch: da schlug der bratenduft träumerisch an seine nase Scheffel (1907) 1, 149. 33)
nach traum II C 2
bzw. träumen II D
sinnend, grübelnd, geistesabwesend, verträumt. 3@aa)
von einem solchen menschen, seinen verhaltungsweisen, zuständen, merkmalen u. s. w. erst die weitere wortumgebung verdeutlich oft den bemerkenswerten unterschied zu 2 b. 3@a@aα)
charakterisierend: dem wehmüthigen, brütenden, träumerischen Hamlet Börne
ges. schr. (1829) 2, 172; blasse, blonde, stille menschen, träumerische, ahnungsreiche Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 47; der träumerische knabe wurde lebendig S.
Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 32;
prädikativ: das nichtsthun machte dich grämlich und träumerisch Hölderlin
ges. dicht. 2, 145
Litzmann; Leo selbst war ... fast träumerisch und unentschlossen geworden H. Laube
ges. schr. (1875) 14, 137;
von dem ganzen einer solchen seelischen verfassung: so sehr der schulmeister mein gedächtnis lobte, so unzufrieden war er mit meinem träumerischen wesen J. H. Voss
antisymbolik (1824) 2, 82; Siegberts träumerisches gemüth hing noch eine weile an der verlebten ... szene K. Gutzkow
ritter vom geiste 1, 35. 3@a@bβ)
von den aus solcher charakterbeschaffenheit flieszenden verhaltungsweisen und zuständen, ausgedrückt durch abstracta und substantivierte infinitiva: in einem lebensalter, wo die meisten jünglinge noch in träumerischer unbestimmtheit dämmern E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 3, 146; die träumerische unthätigkeit der krone Dahlmann
gesch. d. frz. rev. (1845) 200; ganz einer träumerischen stimmung hingegeben Fontane I 4, 239; ohne doch durch diese bewegung des armes aus ihrem träumerischen zustande aufzuwachen Holtei
erz. schr. 4, 52; neigung zu einem zurückgezogenen träumerischen leben H. Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 36; weil keine unbefriedigten wünsche mich zu träumerischem müsziggange verleiteten G. Keller
w. 1, 142; träumerisches behagen W. Raabe
schüdderump (1870) 2, 119;
oft stark pleonastisch: eine träumerische zerstreutheit Tieck
schr. (1828) 5, 440; (
Julie) geriet in träumerisches sinnen E. Th. A. Hoffmann
w. 10, 174
Grisebach; in einem träumerischen, tiefen nachdenken G. Keller
w. 2, 82; die träumerische erinnerung an einen ungewohnten zustand Fr. Schleiermacher
sämtl. w. (1834) II 4, 82.
adv.: und sinnend lag ich am steuer des schiffes, träumerisch sinnend H. Heine
w. 1, 177
Elster; besonders in verbindung mit versinken, sich verlieren: in stilles sinnen träumerisch versunken A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2, 205
Sch.; bald träumerisch in schwärmerei verloren Geibel
w. (1888) 1, 83.
ganz ähnl. als adv. bzw. erster compositionsbestandteil bei entsprechenden adjectiven: er ... fand in der beobachtung des ... wellenspiegels eine träumerisch-gedankenvolle anregung H. Heine
w. 7, 44
Elster; ein ... träumerisch nachdenklicher mann G. Freytag
ges. w. 14, 15; ein ... träumerisch-dämmerndes gemüth P. Rosegger
schr. (1895) II 2, 58. 3@a@gγ)
von den entsprechenden körperlichen merkmalen und ausdruckswerten: wie ein ruhiger, liebender blick von mir in den himmel deiner träumerischen augen Cl. Brentano
ges. schr. 8, 155 (
an Sophie Mereau); eine nachdenkende, tiefsinnige, träumerische miene Börne
ges. schr. (1829) 10, 77; und auf den wangen flattert träumerisch feuer Eichendorff
w. (1864) 1, 462; den träumerischen ... ausdruck seiner augen O. Ludwig
gesammelte schriften (1891) 2, 418;
adverbial die wendung träumerisch blicken
variierend: was gucken sie (
anrede) so träumerisch ins glas? Bettine
dies buch gehört d. könig 1, 222; er schaute nur um so träumerischer vor sich hin G. Keller
w. 2, 114; ihr blick ging ... träumerisch hinaus in die graue weite E. Höfer
vergangene tage (1859) 10. 3@a@dδ)
von handlungen, die durch träumerisch
mit einem bestimmten stimmungswert begabt werden: hier schweigt der greis, in sinnen eingewiegt, dann wankt er fort mit träumerischem schritte A. v. Droste-Hülshoff
ges- schr. 2, 222
Sch.; liebende in träumerischem plaudern über die brüstung gelehnt K. Gutzkow
zauberer (1858) 2, 312; nach einem träumerischen ritte fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 123;
daher vor allem adverbial; z. t. in festen verbindungen (
vgl.träumen II D 4
u. 5): sie rückte sich gedankenvoll und träumerisch das tuch ... zurecht H. v. Kleist 3, 328
E. Schm.; er ... schreitet ... träumerisch zögernd daher R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 10, 365; er träumerisch am ufer steht A. v. Droste-Hülshoff
w. (1879) 2, 119
Sch.; wenn ich früher geküszt habe, sagte sie träumerisch R. Huch
in meisternovellen 2, 181. 3@bb)
im sinne romantischer belebung der gegenständlichen wirklichkeit von der natur, der landschaft u. s. w.: wo viel träumerische knöspchen auf feinen stielchen rankten Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 145; der träumerische baum Mörike
w. 3, 120
Göschen; der hauch der haide mit ... ihren bald barocken, bald träumerischen wolkenbildern darüber A. v. Droste-Hülshoff
br. an L. Schücking (1893) 226; die träumerische frühlingsflur Hebbel
w. 7, 171
Werner; wo singend aus dem träumerischen duft die lerche aufstieg Storm
w. (1899) 1, 206;
adv.: der frühling schmückt dort schon am uferrand mit seidner wimper aller weiden augen, die träumerisch ihr haupt zum spiegel neigen Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 201; mit blühendem mohne, der träumerisch glänzt Eichendorff
sämtl. w. (1864) 561; träumerisch im nest der schwalbe zirpt die brut und zwitschert leise Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 64; murmeln die fluten ihr märchen süsz und träumerisch H. Allmers
marschenbuch 1, 102.
besonders von licht und farben: als der mond durch die zwei langen glasthüren des balkons ... mit seinem träumerischen lichte einging Jean Paul
w. 7, 229
H.; im träumerischen blau H. v. Barth
nördl. Kalkalpen (1874) 525;
von bestimmten stimmungswerten der landschaft: und als die sonn im wellengrab verschwand, zog träumerisches schweigen durch das land Gaudy
sämtl. w. 2, 25; strömte träumerische milde durch die weiche, warme luft rings
F. Freiligrath
ges. dicht. (1870) 6, 25;
oder direct von ihren trägern, insbes. der nacht,
so vielleicht die ursprünglich vorhandene möglichkeit einer bedeutungsentwicklung auf grund von traum I A
andeutend: schwarzen flor deckt drauf die träumerische nacht Gottsched
d. neueste (1751) 4, 754; die stimmung dieses sanften träumerischen abends H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 130;
von akustischen vorgängen: ein schöner träumerischer gesang R. Schumann
ges. schr. (1854) 4, 115;
schlieszlich von kunstwerken: wie sich dort das träumerische marmorbild des gottes hebt Mörike
w. 1, 104
Göschen; die träumerische arabeske verneint den willen O. Spengler
unterg. d. abendlandes 1 (1918) 319.