träumerei,
f. ,
zunächst zusammenhang von phantasievorstellungen, später auch den entsprechenden seelischen zustand mitbezeichnend; vgl. träumen II D.
die entstehung auf grund von traum II A (
nichtige einbildung)
zeigen die seltenen belege aus der zeit vor der mitte des 18.
jh.: eben solche treumerei ist die gantze lere D. Carlstads Luther 18, 203
W.; seine (
des teufels) treumerei und warsagerei Artomedes
christl. auszlegung (1609) 1, 133; der ihn in seinen cynischen träumereien ... unterwiesen hatte A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 2, 751; so hätte ich vielleicht aus verzweiflung und nicht deinen träumereien zu gefallen, mir eingebildet J. J. Schwabe
belustigungen (1741) 7, 313;
vor Adelung
notiert bei J. G. Schottel (1663) 331
sowie Ludwig
teutsch-engl. (1716) 2005.
die endung -ei
unterstreicht den complexen charakter der sonst mit traum
bezeichneten gedanken und vorstellungen, sie befestigt weiterhin den negativen accent, so dasz diese beiden bedeutungsbestandteile durchaus vorherrschen. 11)
zusammenhang phantastischer und daher nichtiger gedanken und vorstellungen. 1@aa)
allgemein; auch ohne unmittelbaren gegenständlichen bezug: der kindheit jahre gehn, als wie ein strom, vorbei voll thorheit und voll träumerei Chr. Fr. Weichmann
poesie d. Niedersachs. (1721) 2, 228; du bist ein pfaffe, und siehst ruhig zu, wie sich, von Tetkas träumerei verblendet, das blinde volk vom alten dienste wendet Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 26;
ebenso häufig pluralisch: sagt euren träumereien und eurer bosheit ab v. Cronegk
schr. (1771) 1, 305; denn eine eigne welt der träumereien schuf sich dies sinnlos brütende gehirn
deutsches museum 1, 244
Fr. Schlegel; in geformterem verbalen ausdruck: welches eben daher kömmt, dasz diese seele mit dergleichen träumereien sich in ihrem leben am meisten beschäftigte Rabener
sämtl. w. 2, 107; wir werden nicht, nach der weise der ... nachkantischen philosophie, uns in träumereien gefallen A. Schopenhauer
w. 3, 645
Grisebach. mit verschieden angedeutetem gegenständlichen bezug: des aberglaubens träumereien Gotter
ged. 1, 377; fern von allen idealischen träumereien G. Forster
sämtl. schr. (1843) 9, 11; träumereien ... sind ihm als meinung aufgebürdet worden J. v. Müller
sämtl. w. 1, 188;
so besonders in der aufklärerischen dichtung und literaturkritik des 18.
jh. von den vorstellungen romantischer dichter: dahingegen Ariost nur zum lachen, als ein wust abgeschmackter träumereien gelesen wird Gottsched
d. neueste (1751) 7, 275;
auch prädikativ in abwandlung des ausdrucks etwas ist träumerei: der gegenstand des frohnleichnamsfestes ist offenbar träumerei und aberglauben C.
F. Nicolai
reise d. Deutschland (1783) 5, 74; weil es fast in unserm belieben steht, dasjenige für träumerei zu halten, was doch ein orakel des himmels ist Ramler
einl. in d. schönen wissensch. (1758) 2, 71. —
abweichend auch für den zustand der besessenheit von wahnideen: voll widernatürlicher begeisterung und abergläubischer träumerei verlieszen sie ihre weiber Zimmermann
über d. einsamkeit (1784) 1, 146. 1@bb)
näher bestimmt als täuschung, wahn, irrtum: die theatralische täuschung ... ist eine wache träumerei, der man sich freiwillig hingiebt A. W. Schlegel
vorlesungen über dramatische kunst (1817) 2, 101; die süsze träumerei such ich dann festzuhalten, als ob doch alles sei geblieben hier beim alten
N. Lenau
sämtl. w. 89
Barthel; ich lebte nur noch in verrückten träumereien und einbildungen: unser obstgarten galt mir für einen undurchdringlichen wald Holtei
erz. schr. 5, 168;
insbesondere auch sinnestrug: sie wollte immer bemerken, dasz ihnen in weiter entfernung eine figur gleichmäszig folge, aber Ferdinand nannte es träumerei H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 66;
vgl. auch: vision das anschauen, die erscheinung, einbildung, träumerey Kinderling
reinigk. d. dtsch. sprache (1795) 344. 1@cc)
besonders hervortretend als gegenbegriff zu wissenschaftlicher denk- und erkenntnisart, sowie ihren ergebnissen: vorgefaszte, auf intuition beruhende, ungeordnete und unklare meinungen und anschauungen: diese philosophie, welche in dem gehirne so vieler anderer zu einem seltsamen gemische von wahrheit und träumerei wurde Wieland
Agathon (1766) 2, 309; eins ihrer hauptgesetze war, in erforschung kein lehrgebäude oder träumereien a priori anzunehmen Herder
w. 23, 52
S.; jener weg zur wiszbarkeit oder doch denkbarkeit gottes ist ... so dunkel, dasz, wer von gott redet, damit einen tatbestand behauptet, der ... nur wie eine ... unpraktische träumerei sich ausnehmen musz K. Barth
dogmatik (1927) 1, 55;
im attribut den bezug auf ein bestimmtes wissenschaftsgebiet herstellend: sonst war Friederich ... auch selbst etwas gelehrt, jedoch den astrologischen träumereien ergeben
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 60; sich ... diesen metaphysischen träumereien der neuplatoniker überlassen Justi
Winckelmann (1866) 2, 68; in der erneuerung der träumereien des Phythagoras A. v. Humboldt
kosmos (1845) 2, 264; träumereien neuerer weisen G. Forster
sämmtl. schr. (1843) 3, 400;
ähnlich: ach, unterm mond ist mancherlei, wovon nichts träumt die träumerei philosophie! Voss
poet. w. (1835) 168. 1@dd)
sodann ein complex die gegenwärtige wirklichkeit überhöhender, aber durchaus törichter und sinnloser wunschvorstellungen, ideale (
vgl.traum II A 1 d): die phantastischen träumereien von seelengrösze und persönlichem adel Schiller 3, 421
G.; und diesen einklang hat er sich nun durch seine stolze träumerei von der spartanischen abkunft luftschloszartig gestiftet Immermann 1, 119
Hempel; jedes weltverbesserers eitle träumereien Fr. v. Gentz
schr. 3, 55
Schlesier; die erwünschte wirklichkeit ist zukünftig (
vgl.traum II B 1 a): da gedieh endlich bei ihm zum plan ein gedanke, welcher bisher nur träumerei gewesen war Fouqué
zauberring (1812) 1, 159; und hielt man auch damals die einheit ... für unerfüllbare träumerei Fr. L. Jahn
w. (1884) 1, 47. 22)
zusammenhang phantasievoller, aber nicht völlig nichtiger, vielmehr ernst zu nehmender und überdies interessanter, gefühlvoller oder romantisch-schöner gedanken und vorstellungen. zwar seltener, aber doch in charakteristischer ausprägung schon in der empfindsamen literatur des 18.
jh.: untersuchungen, ... die ihre fromme ausrufungen, träumereien ... verächtlich machen
briefe, die neueste litt. betreffend 18 (1764), 62; dies und meine tägliche freude an neuen beobachtungen ... bewogen mich, einige meiner ... träumereien, schwärmereien ... bekannt zu machen Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 11; was ermüde ich sie jetzt, zur ungelegenen zeit, mit meinen träumereien A. v. Knigge
roman meines lebens (1781) 3, 9;
besonders von den phantasien der liebenden: mit träumereien (
von liebe) werden sie (
anrede) viel bei einem lustigen mädel ausrichten! Chr. G. Klemm
d. grüne hut (1767) 29; jetzt ... sollte ich zugeben, dasz er sich verliebten träumereien mit mir überliesze? Lessing 2, 255
L.-M.; die folgende woche flosz ihm wieder unter thränen, seufzern und schwärmerischen träumereien hin Miller
Siegwart (1777) 528; romantische träumereien sind das element der traurenden liebe Pfeffel
pros. vers. (1810) 9, 129;
oft süsze träumerei: von dieser süszen träumerei ist immer doch so viel wahr, dasz mir in meinem herbst ein Assad wieder blühen soll Lessing 3, 122
L.-M.; die kirche hatte längst ... die süsze träumerei der dame Guion, welche sie die reine liebe gottes nante, verdammt H. P. Sturz
schr. (1779) 1, 83;
ferner von den phantasievorstellungen und intuitionen romantischer künstler: hingerissen in eure süsze und bittre träumereien, ihr dichter, wandeln wir mit euch in einer zauberwelt Herder
w. 18, 57
S.; die fantastische welt meiner träumereien E. Th. A. Hoffmann 14, 158
Grisebach. eigenartig übertragen: mitunter liegt er (
der ocean) da wie seide und gold und träumerei der güte Fr. Nietzsche
w. 5, 162. 33)
unter mitbezeichnung oder voraussetzung des zustandes der geistesabwesenheit. 3@aa)
mannigfach nuanciert: träumerisches denken und vorstellen, verträumtes wesen und gebaren, träumerische stimmung: nichts bringt sie (
die sinne) leichter aus dem gleis, als müszge träumerei Wieland (1796) 23, 94; seine grillenfängereien haben alsdann eine wahre unterlage und seine träumereien zweck und sinn Göthe I 32, 184
W.; mit solchen träumereien konnte ich ganze stunden ... verbringen Gaudy 4, 81; solang er das moor zu seiten hatte, hing er allerhand träumereien nach Fontane I 6, 93.
in bezeichnender synonymik: diese ... zerstreutheit und träumerei E. Höfer
auf dtscher erde (1860) 1, 16; einen augenblick durch unschlüssigkeit oder träumerei ... verlieren G. Keller
w. 3, 79. 3@bb) in träumerei (etwas tun): oder hat ihr diener statt des jagdkleides ihr reisekleid ergriffen; und sie haben in der verliebten träumerei eines für das andere angezogen J. Fr. Löwen
schr. (1765) 4, 135; lasz ... mich ein weilchen in meiner träumerei so hinschlendern H. L. Wagner
theaterstücke (1779) 66; sie schien das gebet in der träumerei vergessen zu haben A. v. Arnim
w. 4, 75
Grimm. 3@cc)
zusammen mit der metapher des verbums den zustand der geistesabwesenheit mehr oder weniger formelhaft näher beschreibend, vor allem seinen beginn. in der regel pluralisch: sich in träumereien verlieren, vertiefen, einwiegen,
u. ä.: wenn man ... in bildlichen träumereien jenseit des grabes sich verlor und darüber den gebrauch dieses lebens vergasz Herder
w. 16, 379
S.; Oswald hatte, in seine träumereien verloren, ... lange getrödelt Holtei
erz. schr. 19, 205; tausendmal ... hab ich ... mich ganz in träumereien vertieft Miller
Siegwart (1777) 1, 251; ich aber lieg und wiege mich schon in träumereien Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 1, 184. in träumerei versinken
u. ä.: in meine träumereien versunken, hatte ich sie nicht ins haus gehen sehen H. Laube (1875) 8, 115; Mime (der ganz in träumerei entrückt ist) R. Wagner (1897) 6, 103; da nun die prinzessin ... ein wenig in träumereien ... verfallen war Klinger
w. (1809) 10, 65; wenn er nicht in ... träumerei versetzt wird
allg. dtsche bibl. 2, 13; gibt sich ... stiller träumerei hin
M. Meyr
erz. aus d. Ries (1868) 2, 58; sich ungestört ihren gedanken und träumereien überlassen zu können Fontane I 4, 163. 3@dd)
ähnlich das ende dieses zustandes beschreibend: jem. aus seinen träumereien aufschrecken, aufrütteln, wecken
u. ä.: der aufruhr, der den ganzen sahl empöret, schreckt Rezien aus ihrer träumerei Wieland (1796)
w. 22, 210; der anblick ... war vermögend, ihn aus dieser wachenden träumerei aufzurütteln
ders. Agathon (1766) 1, 36; die kühle morgenluft weckte mich endlich aus meinen träumereien Eichendorff
w. (1864) 3, 24; Abdallah freute sich, dasz ihn jemand aus seinen träumereien risz Tieck
schr. (1828) 8, 19; ein eigner doppelsinn ..., der ihn in seiner träumerei störte A. v. Arnim
w. 8, 441
Grimm; ferner: als er endlich aus seinen träumereien erwachte Hauff
sämtl. w. (1890) 4, 288;
weniger formelhaft ohne präpos.: ehe noch der dritte tag um war, liesz Hradscheck die träumerei fallen und nahm das gesellige leben wieder auf Fontane I 6, 408; und kein überlästiger dir liebgewordene träumereyen raubt Kotzebue
dram. w. (1827) 3, 120; meine träumereien verfliegen am ersten, wenn ich allein bin Biernatzki
des letzten matrosen tagebuch (1882) 45
Koch.