stündlich,
adj. und adv. ,
zuerst spätmhd., vgl. stündiglich;
vermutlich nach täglich
gebildet, mit dem es schon früh formelhaft verbunden erscheint. das adv. für die 1.
hälfte des 17.
jh. auch in der form stündlichen
belegt v. Schweinichen 24; 168
Österl.; Moscherosch
cura par. 11
ndr.; M. Ziegenspeck
bei Fischer-Tümpel 2, 14;
theatr. amoris (1626) 1, 72;
österr. weist. 3, 4. 11)
zur stunde, sogleich: als ich ein hülff empfangen, da fühlt ich stündlich ruh Joh. Rist
himml. lied. sonderb. buch (1651) 134;
auch dicht. 41
Göd.; und hätte sies nicht schon, so wolt ich stündlich ihr mein eignes hertze selbst zu eigen übersenden P. Fleming
geistl. u. weltl. ged. (1651) 627; und machete er sich mit seinem heer ... stündlich auff A. H. Bucholtz
Herkules (1666) 1, 839
b; in gleichen sol auch der alte abgesetzte geweste marktrichter seinen hern maigistrat auf das allerleingiste bis auf die jarzeit sein gebierente gerichtsraitungen ... von seines inengehabten grichtsamt legen ...
(nachtrag:) ein guter gwöster marktrichter aber solle sich um bösserer merit willen seine raitung zu lögen stündlich befleissen
österr. weist. 10, 217 (1688). 22)
an stunde
als maszbegriff anknüpfend; hier nüanciert sich die bedeutung von stündlich,
je nachdem eine wiederholung (a),
ein zustand (b),
eine veränderung (c),
eine maszangabe (d)
zeitlich bemessen wird. 2@aa)
zu jeder einzelnen stunde, zu bestimmten stunden; bei regelmäsziger wiederholung: (
die priester, die des amtes) pflegen und der christenheite wegen mit ir stundelicher mane (
ermahnung, gebet) Hesler
apokal. v. 15531
Helm; vgl. 15231;
später adverbial: (
der böse ist seinem gewissen ausgeliefert wie) einem hencker, der ihn stündlich mit ruthen streicht Lohenstein
Armin. 1, 234
a; und stündlich mit den schnellen schwingen berührt im fluge sie (
die glocke) die zeit Schiller 11, 319
Göd.; auch von der mixtur — einen eszlöffel voll — zwölf tropfen stündlich in jeden H. Heine 2, 100
Elster; (
er) verschrieb mir nun eine mixtur zu stündlichem gebrauch Kerner
bilderb. (1849) 222;
so besonders im modernen verkehr: ein zug, ein dampfer verkehrt stündlich (halbstündlich, viertelstündlich).
bei unbestimmteren angaben durch adv. eingeschränkt: (
der fürst hat) teglich und so zu rechnen stündlich ... umb hilff und zutzug geschickt und geschrieben Hans Lutz
bericht d. gesch. u. kriegshandl. (1530) c 1
a; wäre nur leicht und geflügelt mein kusz, brächt er wohl stündlich ihm freundlichen grusz Blumauer
gedichte (1782) 29; briefe bestürmten ihn fast stündlich A. v. Arnim 1, 208
Grimm. in der regel schlechthin ausdruck einer häufigen wiederholung; so schon, in prädicativer verwendung: waz ch nu jerlich ist ... daz wirt uch denne tegelich und stndlich Seuse 434
Bihlm.; ähnlich: (
weil die wiedergeburt) den kindern gottes ein nahes ... werck ist, damit sie täglich und stündlich wollen umbgehen Jac. Böhme
schr. (1620) 4, 4;
auch später häufig wie hier als der stärkere ausdruck neben täglich,
z. b. ich denke täglich und stündlich über die sache nach Göthe IV 29, 41
W.; eine täglich und stündlich durchgeführte frömmigkeit werde zuletzt nur zeitvertreib I 25, 239
W.; auch 33, 204;
anders: was täglich und stündlich im einzelnen bei der exkretion vor sich geht Schopenhauer 1, 362
Griseb.; anderseits als der schwächere ausdruck neben augenblicklich: ich bin ja die lebendige quell, der ich stündlich, ja augenblicklich dir vom himmel herab gib ... viel gutes Dannhawer
catechism.-milch (1657) 1, 85.
nicht minder häufig auch alleinstehend; in einem frühen attributiven beleg zur bedeutung 2 b
hinüberspielend: und sind doselbs in stuntlicher übung und willen, wer keiserlichen maiestet vind ... manlichen zu bestriten D. Schilling
Berner chron. (1484) 234
Tobler; ganz klar hingegen: das stündliche andencken des vergangenen Schoch
studentenleben (1657) c 4
a; (
sie kamen) noch stündlich zu gantzen trouppen in voller unordnung gelauffen Ziegler
asiat. Banise (1689) 68; der ist recht weisz und wohlbedacht, der stündlich seinen tod betracht Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 510
(kupferstich); aus neuerer zeit z. b. den stündlichen ermahnungen und anklagen seines vaters (
entgehen) Holtei
erzähl. schr. 2, 204; (
ich) empfinde stündlich, dasz du mir fehlst Fontane
ges. w. I 1, 147; wer dem tode stündlich ins auge blickt, dem ist das leben der verstellung nicht werth Moltke
ges. schr. 1, 46.
im sinne von '
jeden augenblick': als ich ... noch stündlich erfahre Guarinonius
grewel (1610)
dedic. 5
a; dieweil stündlich zu geschehen pfleget Riemer
polit. maulaffe (1679)
widm. 4
b; (
das zollamt ist) eine anstalt, die alle grenzbewohner und handelsleute stündlich in versuchung führt E. Raupach
dram. w. kom. gatt. 2, 10; der schöpfung nie begriffne herrlichkeit entfacht noch stündlich den Prometheusfunken Arent-Conradi-Henckell
mod. dichtercharakt. (1885) 159;
ähnlich: ich habe oft den privatmann beneidet, dasz er ... seine bildung stündlich zeigen darf Göthe
gespr. 8, 355
Bied.; verstand und witz, und ernst und spott ihm standen stündlich zu gebot U. Hegner
ges. schr. 5, 267.
ungewöhnlich etwa im sinne von '
stundenweise geregelt': in ein krankenhaus, in dessen stündlichem geschäftsgang ich die vergangenheit vergessen wollte Gutzkow
zaub. v. Rom 4, 15. 2@bb) '
zu allen stunden', '
immerfort',
einen zustand bezeichnend: (
euch ist) unverborgen, in was groszer trübsahl ... wir allhie stündlichen begriffen sind Moscherosch
cura par. 11
ndr.; (
der) kühneste held musz in den stündlichen sorgen stehen, dasz auch der allerschlimste verzagteste böszwicht ihm mit einer kugel von ferne her ... mag das leben abstehlen
ders. ges. (1650) 2, 818; (
sie habe) ein kindt am arm ergriffen, dergestalten, das es stundtlichen schmertzen darann einemmen und erfahren müsse J. Kepler
opera 8, 369
Frisch; es torkelt Bibulus, ist stündlich toll und voll Logau 46
Eitner; lexikalisch: stündlich
omnibus horis, semper, assidue, perpetim Stieler 2229; stündlich, stetswährend
perpetuus Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 280
b;
gleichmäszig bis in die neueste zeit belegt: indem die seraphim, die stündlich vor dir stehn ... Nic. Dietr. Giseke
poet. w. (1767) 3
Gärtner; nun schwebt dein rührend bild mir stündlich in dem sinn L. Adelg. Gottschedin
briefe (1771) 2, 9
Runkel; ein täglich- und stündliches behagen war ihm das unerläszliche bedürfnis seines lebens Göthe 24, 303
W.; die pflichten unsrer würde dulden nicht gefahr so nah, als stündlich uns erwächst aus seinen grillen
Shakespeare (1797) 3, 264 (
Hamlet III 3); ... stündlich von tödtlich drohender gefahr umringt Geibel
ges. w. (1888) 6, 193; das (
der narr) ist des grafen zeitvertreib und stündlicher genosz G. Keller
ges. w. (1889) 10, 137.
bes. für den zustand gespannter erwartung: (
wir) warteten noch täglich und stündlich darauf (1621)
acta publica 4, 79
Palm; wir seynd seiner stündlich gewärtig Kramer
d.-it. 2 (1702) 1027
a; stündliche erwartung Ludwig
t.-engl. (1716) 1915;
aus neuerer zeit: täglich und stündlich hab ich auf nachricht von dir gewartet A. Ruge
briefw. 2, 352
Nerrlich; wir haben dich dieser tage stündlich erwartet Moltke
ges. schr. 4, 134. 2@cc)
mit jeder neuen stunde; bei ausdrücken, die ein zu- oder abnehmen enthalten, überhaupt eine veränderung bezeichnen, z. b. bei wachsen
u. ä.: alda ward erst der nyd gegen dem künig stüntlich wachsen Stainhöwel
Bocaccio de claris mul. 166
lit. ver.; eine überlegene und stündlich anwachsende armee Mommsen
röm. gesch.4 3, 369;
ähnlich: des teufels reich (
wird) täglich und stündlich vermehret J. Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 197; (
das corpus) schwillt dir stündlich wie ein prälatsbauch Schiller 2, 81
Göd. (
räub. II 3); meine ansicht von Böhmen erweitert sich stündlich Göthe IV 36, 92
W.; entsprechend bei comparativen: die gute Doris, die uns stündlich lieber geworden
ebda 36, 164; seinerseits aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren eindruck zu machen G. Keller
ges. w. 5, 75;
in ausdrücken für das dahinschwinden der lebenskraft; es bleibt der todt gar fest auf seinem sinn. er reisset stündlich einen theil von meinem leben fort mit ihm dahin D. v.
d. Werder
bei Fischer-Tümpel 3, 289;
blasser, sich einem zustand nähernd: (
obwohl) der jahre feile deinen müden körper stündlich abnagt Herder 27, 355
Suph.; unter dem bilde des eilens: o mein Jesu, ich musz sterben, eile stündlich zu dem tode Mittler
volkslieder (1865) 791; stündlich eil ich zu dem grabe Gellert 2, 136
Klee; dann allgemeiner, veränderlichkeit unterstreichend: (
wir) neigen unser gemütte stündlich auf was anders Butschky
Pathmos (1677) 60; (
wenn sie) nach der gewohnheit der stündlich veränderlichen waffen grosze niederlagen erlidten Lohenstein
Armin. 1, 116
b;
hierher gehören die wenigen adjectivischen verwendungen: verbi vel predicantium vicissitudo stundliche wandelkeit (1482) Diefenbach
gloss. 612
a; der stündlichen veränderungen der declination A. v. Humboldt
kosmos (1845) 2, 322; der im feldzuge stündlichen abwechslung vom höchsten grade der furcht bis zum andern extrem der freude ausgesetzt Fr. Meinecke
v. Boyen 1, 59.
bes. steht stündlich
in dieser bedeutung bei neu werden
und ähnlichen ausdrücken: die erinnerung ihres verlusts (
wäre) mir stündlichen und ohne unterlasz vernewert worden
theatr. amoris (1626) 1, 72; (
so) ward die liebe stündlich neu D. G. Morhof
teutsche gedichte (1682) 246; und was erwart ich hier? fast stündlich neue sorgen J. Chr. Günther
gedichte (1735) 83; meine qual, sie wird stündlich jung Körner
werke 2, 20
Hempel 2@dd)
innerhalb einer jeden stunde, bei maszangaben: stündlich hundert solche eyer leg ich
theater der Deutschen (1768) 13, 302; die erstaunlichen almosen, die er stündlich erhielt Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 1, 179; das wasser steigt stündlich 1 zoll Bismarck
br. a. s. braut 43
H. v. Bism. 2@ee)
vereinzelt adj., '
eine stunde dauernd' (
vgl. stündig 3): sie wären nach einem stündlichen gefechte gar in die flucht gerathen, wenn nicht (
entsatz gekommen wäre) Lohenstein
Armin. (1689) 2, 899
a; stündlich
horarius, quod tamen notat einer stunden lang Stieler 2229.