strauche(n),
f. ,
selten m., '
schnupfen, katarrh'.
mhd. strûche;
die verbreitung des wortes und das auftreten von formen mit gutturalem verschluszlaut machen entlehnung aus dem slawischen wahrscheinlich: ksl. struga '
fluctus',
poln. struga '
bach',
alttschech. strúha,
neutschech. strouha,
f. '
rinne, graben',
vgl. Holub-Kopečný
etym. slov. (1952) 355;
sloven. struga '
rinnsal, wasserbett, kanal'
usw. Trautmann
ksl. wb. 280.
abweichende auffassungen: ausgehend von der grundvorstellung '
rauheit (
der stimme)' Adelung 4 (1780) 806 (
lautmalend), Doornkaat Koolman 3, 344 (
beziehung zur wurzel von strauch = '
sperrige, borstige, rauhe pflanze'), Lindqvist
PBB 43 (1918) 113 (
alte s-
variante zu dem adjektivabstraktum mhd. riuhe, rûhe,
nhd. räuhe, rauche),
schweiz. id. 11, 2043 (
zu strauch,
adj. '
rauh',
doch beachte die schwache bezeugung dieses wortes).
andererseits ist verknüpfung mit an. strjúka '
streichen, streifen, hingleiten'
sowie mit ahd. strûhhôn, strûhhên '
straucheln'
erwogen worden, so Fick
idg. wb. 3 (1874) 349, Schade
altdt. wb. 2, 884 (
die streifende, am menschen vorüberstreichende krankheit), Höfler
krankheitsnamen 694 (strûhhên '
schlüpfrig sein'), H. Schröder
indogerm. forsch. 18 (1905/06) 524 ('
hinfälligkeit').
das verbreitungsgebiet des wortes in älterer zeit (
obd. mit ausnahme des schwäb. und elsäss., vereinzelt schles.)
deckt sich im wesentlichen mit dem in den neueren mundarten. belegt seit dem 12.
jh. zunächst in arzneibüchern, literarisch seit dem Teichner ('
der hofschnupfen'),
lexikalisch vorwiegend in obd. vokabularen und wbb. seit dem 15.
jh.; diphthongierte formen infolge der ostobd. verbreitung des wortes frühzeitig bezeugt: die strouchen (
arzneibuch d. 12.
jhs.)
mhd. wb. 2, 2, 704
a;
arzneibuch des 13.
jhs. 2, 17
c Pfeiffer; randgebiete wie das schles. verharren noch in späterer zeit bei formen mit erhaltener länge die struche
Bresl. arzneibuch (14.
jh. anf.) 40;
fundgr. 1, 321, 11;
auffällig bei dem sonst bair.-österr. schreibenden Teichner (
s. u.);
ostalem. maa. haben die alte länge bis heute bewahrt (
s. u.).
inlautendes k(k)
statt ch
erscheint seit dem 15.
jh. (
nie in formen mit undiphthongiertem stammvokal): straukken, strauchken (15.
jh. md.-obd.)
bei Diefenbach
gl. 106
b; straucken
voc. inc. theut. (1471) ee 5
b; strauken Khüffner
Celsus (1531) 16;
vgl. ferner die belege bei Schmeller-Frommann 2, 806;
auf lenisierung (
s. u.)
deutet die straugen Francisci
trauersaal (1672) 3, 59.
lexikalische bezeugung: catarrus, reuma, oxyregmia strauch, strauche, strauchen,
coryza innerststrauch '
katarrh der inneren brustorgane' (k-
formen s. o.) Diefenbach
gl. 106
b, 497
b, 404
c, 151
c,
nov. gl. 79
b, 318
b. strauchen Hulsius (1618) 2, 157
b; der strauchen (
Nürnberg), schnüpffen (
Leipzig, Meiszen), pfnüsel (
Straszburg, Schweiz) Güntzel (1648) 734
b; strauchen,
m. (
voce non usata per tutto) Kramer
t.-ital. 2 (1702) 998
b; strauchen,
m., strauche (
im fränk. dialekt, Nürnberg) Frisch 2, 344
b; der strauchen (
obd.) Adelung 4 (1780) 806.
hochsprachlich wird schnupfen (
zur synonymik des wortes in den neueren maa. vgl. Mitzka
s. u.);
literarische belege des 19.
jhs. stammen aus Österreich, meist volkssprachlich: Mozart
br. 1, 31
Schiederm.; Bäuerle
kom. theater (1820) 3, 37
u. 5, 8; Raimund
w. (1881) 1, 68; Nestroy
ges. w. (1890) 11, 39; Rosegger
schr. (1895) III 5, 230.
in den heutigen mundarten liegt das kerngebiet des wortes im bair.-österreichischen mit einschlusz eines teils des ostfränkischen und oberpfälzischen, greift jedoch nach westen auf ostalem.-schweiz. alpenmundarten, also auf gebiete jenseits der diphthongierungsgrenze über; nordöstlich des bair.-österr. begegnet das wort versprengt auf schles. boden (
reste aus d. zeit der politischkulturellen bindung Schlesiens an den Habsburger staat?);
vgl. dazu die karte schnupfen
bei Mitzka
dt. wortatlas, bd. 2. k-
formen (strauka)
in Österreich, in der Steiermark und in Tirol verbreitet neben straucha,
im donauösterr. im zuge der binnendt. konsonantenschwächung weiterentwickelt zu straugga;
ostfrk. (
nach Mitzka
a. a. o.)
formen mit eingeschobenem n straung;
vgl. zum vorausgehenden die obd. maa.-wbb.: strauchen, strauken Jakob
Wien 185; strauche, strauke Unger-Khull
steir. 582
b; strauche, strauchn Lexer
Kärnten 243; strauchen, straucken Schöpf
Tirol 719; strauhhə
n, straukə
n '
bey gemeinen leuten' Schmeller-Fr. 2, 805; strauch'n Ruckert
unterfränk. 177; strauche
neben gesträuch (
n.)
und strauchet
im südl. grenzgebiet Schwabens Fischer 5, 1833
f.; in der Schweiz strûche
n neben weiterbildungen wie strûchel, strûchete
n, strûchle
n, strûchlete
n, gestrch
schweiz. id. 11, 2043
f., teils gleichzeitig bezeichnung einer euterkrankheit der rinder, teils mit allgemeinerer bedeutung wie auch sonst mundartlich, vgl. schon in einem Breslauer vokabular von 1422
pestis ein strûche '
ansteckende krankheit'
mhd. wb. 2, 2, 703
b; strauche '
eine anfallende seuche, eine staupe' Berndt
sles. id. (1787) 136; strauchel '
plage, epidemische krankheit' Autenrieth
pfälz. id. 138.
nom. sg. des allgemein sw. f. die strauche,
apokopiert strauch:
mhd. erz. 522, 18
Euling; vocc. von 1429
und 1530
bei Diefenbach
gl. 106
b;
voc. rer. (15.
jh., md.)
a. a. o. 497
b.
häufiger (
mit eindringen der sw. endung aus den obliquen fällen in den nom.) die strauchen:
arzneib. (12.
jh.)
mhd. wb. 2, 2, 704
a;
obd. voc. d. 15.
jhs. Diefenbach
nov. gl. 79
b; H. Folz
fastnachtsp. 3, 1256
Keller; Hohberg
georg. cur. 3, 1 (1715) 230
b; die strau(c)ken: (1505)
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 806;
voc. primo ponens dict. theut. (1515) b 3
a; Khüffner
Celsus (1531) 16; 14
a.
mundartlich stehen strauchen, straucken
und strauche
vielfach nebeneinander, südobd. erscheint die endung als -a,
vgl. Mitzka
a. a. o. insbes. lexikalisch (
belege s. o.)
begegnet ein sw. m. der strauchen,
wohl nach dem vorbild maskuliner synonyma gebildet: Nestroy
ges. w. (1890) 2, 266,
vgl. 11, 39;
mehrfach mundartlich, vgl. strûha,
m., '
pferdekatarrh' Bühler
Davos 1, 155,
aber strûha,
f. '
pfnüsal' 2, 27. dz straucken (
wohl subst. inf.) Schmeller-Fr. 2, 806.
bedeutung. '
schnupfen, katarrh',
heilkundlich beschrieben: ettewenne rinnent von dem houpt durch diu nasluoger, dâ von ein siechtuom wirt, der heizet latin coriza, daz ist swem diu nasluoger rinnent unde im der mensche emzichlîchen sniutzet unde daz niht enhilfet. den selben siechtuom heizent die luit die strouchen (12.
jh.)
arzneibuch, s. mhd. wb. 2, 2, 704
a;
vgl.den selbin sichtum heizint di lute die struche
Bresl. arzneib. 40
u. cgm. 724 (14.
jh.)
bei Schmeller-Fr. 2, 805; catarrus haizet ein fluz des hauptes und dy strawch
ebda 2, 806; (
fuszwaschen) treibt aus dy posen feucht, dy da haist dy straucken (1505)
a. a. o.; schnupffen (schnaudern oder strauchen) ist insgemein eine verstopffung des haupts Hohberg
georg. cur. 3, 1 (1715) 230
b.
als krankheitsbezeichnung in allgemeinem schriftsprachlichen gebrauch; die besondere bedeutung '
schnupfen'
ist oft nur zu erschlieszen: ime tuont die zende lîht wê unde gewint lîht die strouchen (13.
jh.)
arzneib. 2, 17
c Pfeiffer; iz (
das schneewasser) machit die strouchin (
anf. 14.
jh.)
Breslauer arzneib. 19
Külz; di minne ist uzerhalp der nature, der di pflegin, di siech sint entweder an den sinnen ader an deme libe, also di da lungen sich sin, ader an der brust, ... vnde in dem magin sich sin vnde di struche habin (14.
jh.)
fundgruben 1, 321, 11; mittag schlaffen dü meiden solt, wir seucht darnach kümen gar polt: die kalte sucht und die träckeit, die strauch und auch des haupts leit (15.
jh.)
mhd. erz. 2, 522, 18
Euling; dem kalten hauptflus ist es (
das bad) gut, die strauchen es vertreiben dut Hans Folz
fastnachtsp. 3, 1256
Keller; (
ein medikament) das macht dy strauchen zeitig in dem haubt das sy wirt flieszen (1505)
bei Schmeller-Frommann 2, 806; chölkraut vertreibt die straukchen
ebda; den stengel auffgedört vnd zu puluer gemacht, in die naszlöcher in den kopff gezogen, ist gut für die strauchen, macht einen geringen kopff Toxites
horn d. heils (1576) D 1
b; einem flusz oder der strauchen kan man wol mittel schaffen und die unreinen feuchtigkeiten ausführen Harsdörffer
teut. secretar. (1656) 2, 695.
mit angabe der krankheitssymptome: ez sint mer den zehen tag, das ich nicht gesmecken kan vor der struchen die ich han Heinrich
d. Teichner
ged. 3, 94
Niewöhner; dar umb wenn der mensch die strauchen hât, sô smekt er niht sô leiht sam ê Konrad v. Megenberg
buch d. natur 12
Pfeiffer; riechestu hie nit der lugen gestanck, so hastu gewiszlich die strauchen oder schnuppen G. Scherer
bapst zu Rom (1584) E 5
a; so ich frage, ob einer lieber blind, oder taub, oder die strauchen haben und ohn geruch seyn, oder den geschmack verliehren, oder nichts betasten können solte? Harsdörffer
frauenz. gesprächsp. 2 (1642) 160; er hätte schon über 8 tag die strauchen, könne dahero nichts riechen Abele
künstl. unordn. (1669) 3, 91; so hr.
M. nicht die strauchen hat, so wird er ja riechen den unleidenlichen gestanck (1687)
bei Fischer
schwäb. 5, 1833. strauche,
gleichbedeutend mit schnupfen (
teil 9,
sp. 1387),
steht oft neben diesem im doppelausdruck: auf dasz jn weder hitz noch kelten bewege, daraus dann vil beschwerlicher flüsz vnd strauken oder schnuppen ursach nemen (
gravedines destillationesque) Khüffner
Celsus (1531) 16;
vgl.strauken oder niesung
a. a. o. 14
a; dieses rauchwerck solten die mönch teglich haben, so bekemen sie die schnuppen oder strauchen nicht Rauscher
papist. lügen (1562) M 3
b; wer wil mich da uberreden jhr hochgelehrte männer, dasz ewer einer die strauchen oder schnuppen so hefftig hab, der disen griff und schöne kunst nit schmecke? C. Vetter
d. luth. schräckengast (1599) C 2
a; denn frau Gregoria hatte den schnupffen (oder die straugen) kunnte und wolte nicht riechen, was er wünschete E. Francisci
trauersaal (1672) 3, 59; wie offt stottert die zunge, und wird gehemmet, dasz sie die wörter nicht vernehmlich aussprechen kan, dasz die so genannte schnuppe oder strauche zuweilen unser geruch hemmet Volkamer
nürnberg. hesperides (1708) 55. ich schreibe nur deszwegen, damit ich ... schreibe: mir ist es zwar ungelegen, weil ich einen starken kataarh und strauchen habe Mozart
br. 1, 31
Schiederm. in der obd. volkstüml. literatur des 19.
jhs. gern scherzhaft-ironisch: o geht's, vor weinen krieg ich die strauchen Bäuerle
kom. theater (1820) 3, 37,
vgl. 5, 8; diese nasen! wenn ich da die strauchen bekomm', das wird eine todskrankheit Raimund
w. (1881) 1, 68; ein strauchen dauert drei wochen, ein krampfkatarrh ein vierteljahr Nestroy
ges. w. (1890) 2, 266;
vgl. 11, 39; im waldhause war immer jemand an etwas krank. halsweh, zahnweh, ... strauchen Rosegger
schr. (1895) III 5, 230.
als ausdruck der gemeinen sprache: (
magd:) gnä frau, i hab 'ən katarr. (
frau:) was, du bauerntrumpf, du willst gar den katarrh haben, dasz etwa die huesten und die strauchen nicht guet genueg ist für dich
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 805.
derb, für den nasenschleim: matz, hast ein hemd an, so wisch mein schnuder vnnd strauchen dran Fischart
Garg. 239
ndr. wortspielend, vgl. 1strauchen,
vb.: artzt: frawen, kanst du mir nit bedeuten, ob dein bawer die strauchen hab?
knecht: jo er fiel rechtn die stiegen ab Hans Sachs 21, 67
Keller; die strauchen '
rheuma'
als vogelkrankheit: hat dein federspil eynen siechtumb, der do heyszt reuma, das ist wen er schnaubet, oder die strauchen
buchlin v. d. beyssen (1510) E 4
b bei H. Schmidt
falknerei (1909) 134; die strauchen der raubvögel wird durch hitz und kälte, durch staub und rauch verursachet Hohberg
georg. cur. 2 (1682) 664.
in der zuss. hufstrauch
bezeichnung einer pferdekrankheit (
rheumatisches gliederreiszen):
rheumatismus coxae equorum huftstrauch Coler
v. d. pferden (1645) 371
bei Höfler
krankheitsnamenb. 694
b; vor den hufftstrauch stosse linsen, siede sie mit altem schmeer, vnnd binde es ihm (
dem pferd) alle tag 2 mahl heisz auff die huffen Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 61.