straubinger,
m.,
wandernder handwerksbursche, von dem ortsnamen Straubing
abgeleitet, zuerst in dem um 1820
entstandenen trinklied eines baierischen dichters, für das eine ältere vorlage nicht nachweisbar ist: der
bruder Brandenburger: ey grüsz dich broder Straubinger, mir freuts, dasz ich dir sehe! vielleicht weist du noch nicht einmal, dasz ich aus Landshut jehe ... drum sag mir broder Straszburger, was hab ich hier vor freuden?
Karl Müller
ged. im geiste Marc. Sturms (
31835) 134; Müller
war student der Landshuter universität; zum benachbarten Straubing
bestanden rege beziehungen; Müller
nennt Straubing
a. a. o. 21;
über verhältnisse in Straubing,
die zu dieser bezeichnung eines jungen kecken handwerksburschen führen konnten, s. H. Schlappinger in:
Straubinger tagbl., jahrg. 1935, 224, 11
a.
vielleicht stützt sich die aufnahme dieser individuellen bildung auch auf die nähe des vb. sträuben,
vgl. rotwelsch strauber
kopfhaar (
sp. 955);
thür. sdribing (
d. i. sträubing)
struppiger mensch Hertel 237.
die verbindung bruder Straubinger
für einen handwerksburschen und fröhlichen gesellen fand mit Müller
s trinklied schnelle und weite verbreitung: (
von einem handwerksburschen, der mit einem Hallenser studenten händel hat) gott grüsz dich, bruder Straubinger, wie kommst denn du nach Halle? gott grüsz dich, bruder Breslauer, s' hat mir sehr gut gefalle. der meister und die meisterin da hatt' ich nicht zu klagen, doch mit die akademikus konnt' ich mich nicht vertragen Holtei
alm. f. privatbühnen 1 (1839) 240;
so auch: allg. dt. lieder-lex. oder vollständige sammlg. aller bekannten dt. lieder u. volksgesänge in alphab. folge, Leipzig 1844—46; gott grüsz dir bruder Straubinger, freut mich, dasz ich dir sehe. es ist dir wohl nicht unbekannt, dasz ich aus Halle gehe.
allg. dt. commersb. (
51859) 420
Silcher-Erk; s. auch ebda (
241880) 515.
starke popularisierung erfuhr das wort durch Edm. Eyslers operette 'bruder Straubinger'
im sinne eines leichtlebigen mannes (
vgl. das gleichnamige ged. in: Meggendorfer blätter [1910]
nr. 1020, 23): gott grüsz dir, bruder Straubinger, mich freut, dasz ich dir sehe. so klingts von allen seiten her — wohin ich immer gehe. ... das fechten ist von je mirs liebste metier — man kommt so weit herum und hat sein gaudium
M. West
u. J. Schnitzer
bruder Straubinger (1903) 7; is hier für an'n reisenden handwerksgesellen nachtquartier? ... wo willst'n so spät noch hin, bruder Straubinger? Gerhart Hauptmann
ges. w. (1906) 4, 112; kam ich, müde und bestaubt, und bettelte, worauf Fritz mir seinen letzten groschen zuwarf 'da, bruder Straubinger', rief er mir zu Ernst Penzoldt
kl. erdenwurm (1934) 248; als die sichel in das haferfeld schnitt und die stare sich zu reisegesellschaften scharten, wetterte der müller aufs neue ingrimmig über Konrad und Ulrich. seine weisztannen (
die beiden buben) waren jetzt streuner, brüder Straubinger, taugenichtse Peter Dörfler
lampe d. tör. jungfrau (1938) 193;
s. bruder Straubinger '
der wandernde handwerksbursch'
sprach-Brockhaus (1935) 638.
auszerhalb der verbindung mit bruder: die Straubinger lassen fünf gerade sein Karl Simrock
d. dt. sprichw. (o. j.) 539; die wundervolle poesie des handwerksburschenlebens ist gemeingut des volkes ... und jeder kennkunde und fechtbruder hat, wenn er ins erzählen gerät, ein stück vom unsterblichen Eulenspiegel und ein stück vom unsterblichen Straubinger in sich Herm. Hesse
unterm rad (1909) 168. —
bei Marx
und bes. häufig bei Engels
übertragen als abfällige bezeichnung zunächst der anhänger Wilhelm Weitlings, eines schneidergesellen mit kleinbürgerlichen vorurteilen, s. Karl Marx
ausgew. w. 2 (1934) 441
anm. 1,
dann für politische gegner überhaupt: mit den Straubingern hier denk ich durchzukommen. die kerle sind freilich gräszlich unwissend (1846) Friedrich Engels
an Karl Marx, s. briefw. (1949) 1, 64; die hiesigen (
in Paris) Straubinger bellen fürchterlich gegen mich
ebda 57; die vorausgesetzten proletarier in Schleswig-Holstein, wo nichts wie plattdeutsche bauerlümmel und zünftige Straubinger herumstrolchen (1846)
ebda 48; die hiesigen Straubinger widmen dir alle mehr oder minder wut (1848) Marx
an Engels ebda 116.
allgemeiner im titel zweier politisch-satirischer gegedichte: 'was der bruder Straubinger im jahre des heils 1848 für schicksale gehabt' J.
V. v. Scheffel in:
flieg. blätter (1850) 173; 'Straubingers weltansichten 1850' Ludwig Eichrodt
ges. dicht. 2 (1890) 184.
gelegentliche bildungen: inzwischen bin ich der edlen polizei dankbar dafür, dasz sie mich aus der straubingerei gerissen ... hat Engels
an Marx, s. briefw. (1949) 1, 69; die hauptsache dabei war, ... den Grünschen wahren sozialismus als antiproletarisch, kleinbürgerlich, straubingerisch nachzuweisen
ebda 59; die zartheit und rücksicht gegen die bourgeois resp. das straubingertum (1846)
ebda 60.