scheinbarlich,
adj. ,
dasselbe wie scheinbar,
besonders häufig in adverbialer function. ahd. noch nicht bezeugt, mhd. schînbærlich
was in die augen fällt, glänzend, offenkundig, als adv. schînbærlîche
und -lîchen,
welch letztere form, eigentlich der dat. plur., auch noch im ältern nhd. häufig als scheinbarlichen, -leichen
begegnet. Lexer
handwb. 2, 748,
mnd. schînbarlik,
adv. -en. Schiller-Lübben 4, 96
b:
rutilus schinberlich Dief.
gloss. 505
b,
splendide 548
a;
dazu eine abstractbildung schinberlicheit
rutilitas, splendiditas ebenda; nhd. scheinbarlich,
clarus, pellucibilis .. scheinbarliche art,
indoles, scheinbarlichen
pellucibiliter, evidenter Dasypodius;
bei spätern meist als adverb: scheynbarlich, heyter, verstendtlich,
luculenter, clare, perspicue, dilucide, evidenter, illuminate Maaler 350
b. Stieler 1755 (
s. scheinbar), scheinbarlich,
clare, perspicue, simulate Steinbach 2, 417. Frisch 2, 171
b;
in neuern mundarten: schîbärli
in Unterwalden Tobler 386
a,
nordthür. schînbâerlich,
adj. Kleemann 18
c,
nd. schînbarlik
brem. wb. 6, 285
und -lich,
adj. und adv. Dähnert 405
a. Danneil 185
b;
überall in der bedeutung: offenbar, augenscheinlich, offenkundig (
s. 2). 11)
glänzend. 1@aa)
im eigentlichen sinne ganz vereinzelt, vergl. z. b. splendona .. schinberlich swert Dief.
gloss. 548
a. 1@bb)
glänzend, prächtig, köstlich, kostbar, luxuriös, scheinbarliche kleider, speise
u. a.: ich bin auch hie vor gewesen an der thür in einem schlechten rock, da wolt man mich nicht einlassen, aber jetzt in den scheinbarlichen kleidern bin ich eingelassen worden. Pauli
schimpf u. ernst 46
a; darnach diser bischof aufgethon hat sin schetz ... zuom andern geopfert den cardinelen köstlich gaben und scheinparliche klaider.
[] satiren u. pasquillen 2, 106, 17; zween schöne geflügelte knaben ... welche mit weiszen hemdern, daffeten binden, perlen, kleinodien, göldenen ketten und andern scheinbarlichen sachen köstlich gezieret waren.
Simpl. 1, 132, 13; ich gieng weiters und kam zu einem scheinbarlichen hause. 3, 348, 12; seine schlaffkammer (die er .. mit trapezereyen und köstlichen umbhängen umb seine bettstatt aufs scheinbarlichste gezieret .. hatte). 4, 111, 7; dein speis sey nit scheinberlich, dein getranck nit ze costberlich. Cl. Hätzlerin 2, 61, 39; welchs christen warlich ubel zirt, den aus der welt zu eiln gebürt. auff das kriegn das scheinbarlich kleid, Christum irn trost und seligkeit. Tirolff
Isaak und Reb. J 5.
so auch adverbial scheinbarlich leben, haushalten, essen
u. dgl.: unde (
der reiche mann) wertschefte degeliken schinbarliken (
splendide, griech. λαμπρῶς).
quelle (
Luc. 16, 19)
bei Schiller-Lübben 4, 96
b; diser reicher hat sich in die zwo höchste farb geklaydt, in scharlach und hubschen leinwat, auch teglich scheinbarlich geessen. Luther 12, 592, 20
Weim. ausg.; wie der reich man (Luce xvj.), herlich bekleid, asz und trank alltag scheinparlich. H. Sachs
dial. 54, 15
Köhler. 1@cc)
stattlich, ansehnlich, imposant, was den eindruck der grösze erweckt: der kaiser was umbgeben mit der fursten des reichs scheinparlicher schar.
quelle bei Lexer
handwb. 2, 748; darumb dann unsere haubt-leuth die ordnung grosz machten, und stellten die glieder weit von einander, damit der hauff desto scheinbarlicher seyn solt. Götz v. Berlichingen 19;
so auch: so hielt die tugend hie auch ihren hof und stab ... in disem schönen leib ... dan ausz desz leibs gestalt und scheinbarlicher grös erschien auch alsobald die gröse des gemühts, die hoheit seiner sele. Rompler
reimged. 115. 1@dd)
von handlungen u. ähnl.: denn wiewol ich höre, von demselben Adrian, das er sey eines scheinbarlichen, berhümten lebens gewest. Luther 2, 447
a; ja des Kains opffer ist herrlicher und scheinbarlicher. 4, 34
a; aber sihe, was er für ein richter ist, das werck das am scheinbarlichsten, hübschten, und besten ist, verdampt er.
ebenda; sonderlich weil sie (
die Waldenser in Böhmen) gar hefftiglich von den papisten für ketzer verdampt und ausgeruffen worden, und doch bey jnen ein so schön, scheinbarlich wesen, und ernster vleis der zucht und guter werck gefunden ward. 6, 113
a; wie sind den hohen weisen leuten jhre scheinbarliche fürnemen so ubel gerahten. Melanchthon
hauptart. christl. lehre 450
im corp. doctr. Christ. (
Leipzig 1560); mein begangne hoffart, die ich .. inn meinem ganzen leben getriben habe.
spec. vit. human. 28
neudruck. 22, 2@aa)
sichtbar, sichtlich, augenscheinlich, augenfällig, offenbar, offenkundig: scynbaerlike plage
quelle bei Schiller-Lübben 4, 96
b; vor leibes noth oder anderer seiner nottürfftigen scheinbarlichen sachen wegen nicht zu gerichte gehen wolte.
urk. von 1395
bei Haltaus 1608; unnd sich vor uffenbarer scheinbarlicher und schentlicher mysztat, unfug unnd unere drewlichen bewarn
urk. von 1485
s. ebenda; dasz sie gar eine hohe scheinbarliche gerechtigkeit müssen erzeigen, damit es (
das concilium) wieder zu ehren kome. Luther
briefe 5, 53; mit erlangung barmherzigs und scheinberlichs trosts und hilfe irer bittungen. Aventin
werke 1, 46, 14; als scheinperliche zaichen der baum auszzaigen. 163, 13 (
vgl. sichperliche zaichen 11
in demselben sinne); weil mir nun diese meine gedancken eine scheinbarliche frucht zeigten, die sie mitbrachten; sihe, so verfolgte ich sie weiters.
Simpl. 3, 424, 17; zum vierten, wann der bestender sein bestandhausz so ubel und ungebürlich hielt, dasz es in scheinbarlichen abfall und ergerung derhalben geriethe. Lennep
landsiedelr. 2, 5. 2@bb)
namentlich als adverb: sus lac er (
S. Franciscus) unverborgen schînbærlîche. Lamprecht v. Regensburg
Francisken leb. 4068; wand in (
Ambrosius) erluchte gotes geist mit der genaden volleist, die schinberlichen uf in quam.
pass. 251, 65
Köpke; ir habt gelogen scheinperlich.
fastn. sp. 660, 23; Maria heft unsz schinbarliken gehulpen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 97
b; legt man in (
den stein dyadochos) auf ains tôten leichnam, sô verleust er sein kraft und erschrickt scheinpærleichen von dem tôde. Megenberg 444, 28; nach dem mir gott der allmechtige, durch seine gnad und barmhertzigkeit, so scheinbarlich aus diesem gefengnis geholffen hatte. Luther
[] 2, 383
a; das Henoch nicht heimlich hinweg sey gestolen .. sondern das er sichtiglich und scheinbarlich für jren augen hinweg genomen sey. 4, 43
a; den benanten unsern lieben vetern scheinparlich mit hilf zu versehen. Aventin
chron. 2, 583, 5. 2@cc)
so besonders, mit leichter verschiebung der beziehung, in verbindungen wie scheinbarlich zeigen, kund thun
u. ähnl.: daz viur, dâ von sîn herze enbran, daʒ sînem lîbe sâ zestunt schînbærlîche tete kunt, waʒ nâhe gêndiu swære und senediu sorge wære.
Tristan 932; daʒ Marîa dî zarte schînbêrlich offenbârte sich eime armin manne. Nic. v. Jeroschin 14342; weil denn der barmhertzige gott euch zu Bremen so gnediglich heimsucht .. dazu seinen geist und krafft so scheinbarlich unter euch in diesem Henrico erzeigt, das jrs greiffen mügt. Luther 3, 28
b; und gleichwol hat der höchst .. recht scheinbarlich gezaigt, sein härtz sey allezeit dir lieb-reich zugenaigt. Rompler
reimged. 88; der kluege kaiser wolt hie scheinbarlich erweissen dasz er gar wol versteh, es hab ein gantzes land vil nutzbarkeit darvon, wan leüthe von verstand und von erfahrenheit hervorgezogen werden. 106.
entsprechend scheinbarlich (
deutlich) sehen: sô man in sîner majestât Jesum schînbærlîche siht. Lamprecht v. Regensburg
Syon 316; wand du sihst sîn antlütze rehte als eʒ ist gestellet ân irrunge schînbærlîche. 974; sin leben ist den worten glych, das sicht ein yeder schinbarlich.
trag. Joh. D 3; das alle die, die dabey sind gewest, scheinbarlich (
ital. Or.: manifestamente 206
b) gesehen haben, die allerheiligste hostia in der lufft hangen. Luther 8, 207
a; da sicht und hort man unverholen und scheinbarlich. Reuchlin
augensp. 37
a; da erscheine ein groszes wunder, also, dasz man scheinbarlich sahe, zwey kleine schwartze hündlin auff jhrem bette umbgehen.
buch d. liebe 289
a; gibe dem rosz vier wochen davon zutrincken, so wirstu scheinbarlichen sehen, das es zunimpt. Seuter
roszarzn. 110. 33)
da scheinbarlich
überhaupt in der neuern sprache wenig gebräuchlich ist, so begegnet es natürlich auch nur vereinzelt in der erst in dieser entwickelten abgeleiteten bedeutung einer relativen gewiszheit (
dem anscheine nach)
oder des gegensatzes zum wesen: scheinbarlich,
speciosus, simulatus Haltaus 1609; mein christentuhm erfodert, dasz ich von einem idweden eine gutte meinung habe, bis ich das widerspil sehe: doch nicht allein scheinbarlich sehe, sondern desselben selbst in der taht überzeuget werde. Butschky
Pathmos 254; der, vormahls schöne, aber hernach vom himmel gefallene morgenstern, verstellet sich nie lebhaffter, noch scheinbarlicher in einen engel des lichtes, als wann er .. die lügen mit dem rocke der wahrheit verblümet und bedeckt. 829; imgleichen könnte man sich sogar einen scheinbarlich freien durchgang gewisser materien durch andere .. denken. Kant 8, 525.