götzendienst,
m. ,
älter auch n. lexikalisch durchweg für idololatria, z. b. Dasypodius
dict. (1537) Q 1
b; Er. Alberus
dict. (1540) yy 1
a; Maaler
teutsch spr. (1561) 188
d;
idolorum cultus Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 270.
synonym mit abgötterei (
s. d.).
das an götze D
anknüpfende kompositum bezeichnet in religiöser hinsicht die verehrung des unechten und unwesentlichen; innerhalb dieser umfassenden bedeutung ist die beziehung auf die verehrung heidnischer götter lediglich eine spezielle, freilich auch die ausgebreitetste und dauerhafteste anwendung. 11)
die übertragung der allein gott gebührenden verehrung und anbetung auf kreatürliches und gegenständliches, die nach Römer 1, 18
ff. als unentschuldbare sünde gilt. götzendienst
meint in religiöser beziehung das gegenteil des rechten gottesdienstes, eben den falschen gottesdienst. 1@aa)
unter einflusz von götze D 1 '
heidnischer gott'
festigt sich das kompositum zu einer mehr oder weniger abschätzig gebrauchten bezeichnung heidnischen götterkultes. diese bedeutung steht anfangs neben der weiteren bedeutung unter b,
wird aber seit dem 17.
jh. als die eigentliche bedeutung aufgefaszt, die auch für die jüngere anwendung unter b
β grundlegend ist. 1@a@aα)
im allgemeinen sinne die erweisung heidnischreligiöser verehrung: darumb meine liebesten, fliehet von dem götzendienst
1. Kor. 10, 14; wie exod. 32 vom götzendienst des gegossenen kalbs geschrieben stehet (1530/35) Luther
tischr. 1, 573
W.; do ... wurde mit dem namen gottes sein (
Jerobeams) gotzendienst gezieret und geschmückt, das seine pfaffen schrien: hie lehret man recht, hie opffert man unserm herrgott
ders., w. 47, 253
W.; damit der gottes- oder vielmehr götzendienst (
der Ägypter) um so viel eifriger und angenehmer were Ph. Zesen
rosenmând (1651) 155; uns scheint diesz alles (
die einrichtung eines römischen tempels) auf eine spätere zeit, auf einen geheimniszvollen düstern götzendienst hinzudeuten Göthe II 10, 197
W.; ein Engländer, verfasser einer abhandlung über den götzendienst der Indier Hegel
w. (1832) 11, 312; als die heiden euch (
die Thüringer) zum götzendienst drängten, habt ihr in festem glauben geantwortet, ihr wolltet lieber selig sterben als die treue gegen Christus ... verletzen G. Freytag
ges. w. 8 (1887) 310. 1@a@bβ)
im engeren sinne die religiöse feier, der kultischsakrale akt der götterverehrung: denn alle abgöttereien und götzendienst sind je und je der maszen angestallt gewesen, dasz sie ein schein der geistlichkeit und heiligkeit gehabt haben Luther
tischr. 1, 572
W.; (
die) das ampt der opffer vnd götzendienst dess tempels Junonis ... verwalteten
theatrum amoris (1626) 1, 155; zermalmet des Baals entheiligte steine, und reisset aus diesem verfinsterten hayne die bäume, worunter sein götzendienst war
poesie d. Niedersachsen (1721) 5, 263
Weichmann; dort (
in höhlen) feierten sie (
die Slawen) heimlich ihren götzendienst, dort bestatteten sie ihre todten Immermann
w. 20, 46
Hempel; (
der missionar) fragte begierig, welcherlei religion jener tempel angehöre und welcherlei götter- oder götzendienst darin getrieben werde Herm. Hesse
kleine welt (1943) 244.
abfällig in der verbindung goldener götzendienst
im hinblick auf den an götterbilder gewandten aufwand: im alten römischen reich risz der gldene gOetzendienst so tieff ein J. Mathesius
Sarepta (1571) 45
b. 1@a@gγ)
nicht selten steht götzendienst
für die heidnische kult- oder religionsform als objektive grösze: vnser historici sagen, das die Vandales so wütig gewest, das sie auch die christliche religion den Teutschen zu trutz, wieder verlassen, vnd jre alte ... götzendienst wider angenommen Rätel
Curäi chron. (1607) 34; unter des Oguz Chan vorfahren, heiszt es, war überall der götzendienst eingerissen
anmuth. gelehrsamk. (1751) 2, 177
Gottsched; am bewunderungswürdigsten aber ist mir, dasz die fatale nähe des indischen götzendienstes nicht auf sie (
die persischen städte) wirken konnte Göthe I 7, 24
W.; ihnen (
den negerpredigern) ist das christentum oft genug nur ein gewand, das den alten heidnischen götzendienst ziemlich mangelhaft umhüllt
hdwb. d. staatswiss. (1898) 5, 978
a. 1@bb)
im sinne einer weiter gefaszten idolatrie. 1@b@aα)
im anschlusz an götze D 2
von einem verhalten, das in sittlich-religiöser hinsicht im unglauben wurzelt und sich in der verfallenheit an laster irgendwelcher art äuszert: aber der gehorsam gegen dem teufel stehet in bösen werken und aberglauben und götzendiensten (1531) Luther
tischr. 2, 297
W.; wie er gott vnnd sein seel vmb gelt geben hat, also nimpt er auch gelt für seinen gott, daher dann der geytz ein gOetzen dienst wirt genant Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 172
a.
aus protestantischer sicht polemisch auf lehre und kultformen des katholizismus bezogen, z. t. unter einflusz von götze D 3 '
heiligenbild'.
vgl. den sachlich entsprechenden gebrauch von einem anderen ausgangspunkt her unter β: die (
katholiken) sind es, die uns die szonn (
des glaubens) verfinstert haben, unnd an statt des rechten gottisdiensts auffgericht eyn gOetzen- und potzendienst mit platten, kutten, kleydern (1522) Luther 10, 1, 2, 118
W.; das (
ein neuer kirchenbau der katholiken) soll ein ewig gebäu sein, gleich als würde ihr götzendienst ewig bestehen
ders., tischr. 2, 523
W.; deins (
des papstes) götzendiensts vnd abgötterey sind wir, gott lob, nu forthin frey Er. Alberus
bei Wackernagel
dt. kirchenl. 3, 892; musiciren zum abgöttischen mess und götzendienst ... ist unverantwortenlich Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 56.
von dem bilderdienst der alten kirche: die liebe keyserin Irene hat jhrem sohne noch nit die augen auszgekratzt, damit sie nur den gOetzendienst mit hlff desz zweiten nicenischen concilij auffrichtete Fischart
binenkorb (1588) 188
b. 1@b@bβ)
eine ähnliche anwendung wie unter α wird in jüngerer zeit als übertragung von a
her aufgefaszt bzw. auf götze D 1
bezogen (
vgl. auch götze D 2 b
am ende): jedes von diesen (
abergläubischen werken wie traumdeuten, wahrsagen) hat einen schein vor sich, welcher ohnedies das von gott allzuleicht abtrünnig werdende herz des menschen ... zu dem erschrecklichsten götzendienst ... zu stürzen im stande ist
Leipziger avanturieur (1756) 1, 14.
besonders deutlich im vergleich: dieser (
der irrtum, alles auf den menschen statt auf gott zu beziehen) ein produkt des hochmuths ..., setzt das geschöpf über den schöpfer hinauf und ist allemal eine art von götzendienst Haller
rest. d. staatswiss. (1816) 4, 35.
den gegensatz zur rechten form religiöser verehrung bezeichnend: durch ihn (
den hochmut) ist die heiligkeit der religion in einen schnöden götzendienst verwandelt worden Loen
ges. kl. schr. (1749) 1, 49; es gibt nur zwei wahre religionen, die eine, die das heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten form anerkennt und anbetet. alles, was dazwischen liegt, ist götzendienst Göthe I 42, 2, 191
W.; die verehrung der Isis hatte vielleicht einen sinn in Egypten ...: in Rom ward ein götzendienst ohne allen sinn daraus Ranke
s. w. (1867) 37, 4.
auf den heiligen- und reliquienkult bezogen: das Marienbild wurde mit dem gewöhnlichen gepräng unangefochten herumgetragen, einige schimpfworte und ein ganz stilles murmeln von götzendienst war alles, was sich der unkatholische pöbel gegen die prozession herausnahm Schiller 7, 218
G.; der pater Cyrillus aber, welcher in der Frauenkirche den papistischen götzendienst wieder einzuführen getrachtet Gaudy
s. w. (1844) 3, 102. 22)
auf der grundlage von 1 a
und unter unmittelbarer beziehung auf götze D 1 '
heidnischer gott'
bzw. dessen übertragenen gebrauch E
bildet sich eine übertragene anwendung auf die verehrung des minderwertigen und das verfallensein an nichtigkeiten im auszerreligiösen bereich heraus. 2@aa)
noch in leichter bindung an den eigentlichen gebrauch in religiöser beziehung von einem übertriebenen totenkult: dieses aber wäre freylich wol der eigentliche zweck aller gedächtnüs-maale: dasz sie nicht alleine derer verstorbenen thaten verewigen, sondern fürnemlich die lebenden wol anweisen solten. auszer diesem wären sie abscheuliche gräber der lebenden, und ihr andenken ein unnöthiger götzendienst Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1422
a; was soll dieser aberglauben, der mit den gebeinen alter helden und heiligen seinen götzendienst zu treiben affectirt? Görres
ges. schr. (1854) 4, 138; mein herz war voll bitterkeit über den götzendienst mit den gräbern dieser verbrecher (
der opfer der revolution von 1848) Bismarck
br. a. s. braut u. gattin 159
H. v. Bism. 2@bb)
von einem verfallensein an wertlose oder fragwürdige seelische, geistige oder ästhetische gegebenheiten: du (
Bodmer) hast ... schon längst den götzendienst des wahnes abgeschafft, dem ausdruck, schall und reim ihr wahres amt erlesen, dem schönen der natur zur zierde, nicht zum wesen Haller
ged. (1882) 177; schönheit ist für mich ein götzendienst Fr. L. Schröder
dram. w. (1831) 1, 36; dasselbe volk (
das englische), ... das millionen im götzendienst der eitelkeit und hohler repräsentation verprunkt ... — dasselbe volk ist praktisch vom wirbel bis zur zeh Fontane
ges. w. (1920) II 3, 342.
unter der wertrelation echt-unecht in begrifflicher bestimmung: von einem system des organismus, von einer metamorphose der arten, von beiden kann nur symbolisch die rede sein. es ist ein gefährlicher irrthum, ist götzendienst des verstandes oder der natur, das symbol mit der sache selbst zu verwechseln Göthe II 7, 83
W.; götzendienst ist verwechslung des äuszeren bildes mit dem inhalte des inneren bildes der vorstellung Vischer
ästhetik (1846) 1, 169. 2@cc)
die überschätzung und knechtische verehrung von personen und einrichtungen: anbeten darf man sie (
ein mädchen) höchstens; und das thu ich, soweit es einem ehrlichen christenmenschen gestattet ist, ohne in götzendienst zu verfallen Holtei
erz. schr. (1861) 25, 137;
ders., vierzig jahre (1843) 1, 375.
namentlich im politischen bereich: der allmächtige ... gab den Franzosen die dickwanstigen Bourbonen wieder zu königen, damit Frankreich sich bekehre vom götzendienste der erblichen königsherrschaft Büchner
nachgel. schr. (1850) 300; wie hat das volk fast zwanzig jahre lang getrieben einen wahren götzendienst in Frankreich mit Louis Napoleon Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 5, 271; Fontane
ges. w. (1905) I 1, 69; nirgendwo sonst wird so trügerischer götzendienst getrieben mit den zweideutigen gröszen der landesgeschichte Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 217. 2@dd)
andere beziehungen begegnen nur vereinzelt: aber was ich da geschrieben, mag ich schier nicht wiedersehn, weil ich mit der welt getrieben, götzendienst Brentano
ges. schr. (1852) 2, 453; sie trieben einen wahren götzendienst mit ihrem haus Raabe
hungerpastor (1864) 1, 145; wir schwelgen in einem unausgesetzten götzen- und opferdienst. und was wir am willfährigsten opfern, das ist die freie meinung Fontane
ges. w. (1905) I 4, 392; wenn einer 'Deutschland!' sagt und das für seine bindung erklärt, so braucht er garnicht nachzuweisen ..., wieweit er imstande ist, der behauptung einer deutschen lebensform in der welt zu dienen. das ist es, was ich ... namensfetischismus nenne, und was nach meiner meinung ideologischer götzendienst ist Th. Mann
Faustus (1947) 191. —