gleisznerisch,
adj. , '
heuchlerisch',
literarisch seit ende des 15.
jh. bezeugt, doch fehlt es in den vocabularien des 15.
jh., auch die lexikographen des 16.
jh. verzeichnen es nur vereinzelt. Frisius
kennt nur gleichsznet: ein gleichsznet leid
imitamenta doloris dict. (1556) 650
a; ein erdichte und gleichsznete einigkeit
discors concordia ebda 281;
erst seit ende des 16.
jh. wird gleisznerisch
in den wörterbüchern regelmäszig angeführt: simulate gleisznerisch Joh. Bentz
thes. lat. 1 (1596) 168;
simulate gleichsnerisch Calepinus XI
ling. (1598) 1348
b; gleichsnerisch
sive gleisnerisch
simulate, hypocritice Stieler
stammb. (1691) 669; gleisznerisch
simulato, hipocritico Kramer
dict. 1 (1700) 537
a neben gleischnerische geberden
ebda 537
a; Dentzler
kennt noch die form gleichsznerisch
clavis (1716) 136
b (
s. o. gleiszner). Luther
hat gleisznerisch (
neben gleisznisch)
nur selten: was wiltu grossers und grewlichers horen von menschen leren, denn das es abtrunnig ding ist vom glawben, yrrig, falsch, teuffelisch, gleyssnersch
w. 10, 2, 79
W. 11)
von frommer heuchelei, in der religiösen polemik, vor allem des 16.
jh., gern gebraucht: die münch dörfften auch einer obirkeit drotzen auf ein gunst, den sie haben im gemeinen man eriagt, auff predig- und beichtstulen, durch gleisznerische vorbildung der heiligkeit Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 9
ndr.; vor etlicher zeyt hat ain grawer Franciscaner münch von sant Annaberg sich gantz frantziscanisch (das ist gleysznerisch und ungelertt) herfür gethan wider etliche lerer der gottes gnaden
ebda 2, 3; die (
mönche) fürten ain gleisnerisch leben Hans Sachs
s. fabeln u. schwänke 2, 36
ndr.; vgl. ebda 4, 168
und 5, 179,
ferner w. 17, 356, 9
lit. ver.; 22, 42; 22, 73; die evangelosen gleisznerischen ketzer ... stellen sich, als ob sie hefftig wider den wuocher sein Joh. Nas
das dritte hundert, 200
a; (
die) gleisznerische keuschheit so die mönnich gelobt
pfaffensack (1612) k 4
a; demnach einer ... nach verrichter gleissnerischen andacht ... aus der kirchen gieng Grimmelshausen 2, 356
Keller; der scheinheilige, (
der) durch sein gleisznerisches kopfhängen ... alle leute von seiner heiligkeit überzeugen will Scheibe
krit. musicus (1745) 291,
anm. a; sie (
die engel) kommen gleisnerisch die laffen! so haben sie uns manchen weggeschnappt, bekriegen uns mit unsern eignen waffen; es sind auch teufel, doch verkappt Göthe I 15, 320
W. (
Faust II
v. 11693); wer kennt nicht ... den süszlich gleisznerischen pietismus Hebbel
s. w. 12, 336
W. in verbindung mit heiligkeit, frömmigkeit
u. s. w.: ohn pfaffen kannst kein schalckkeit schaffen, dann ir gleisznerisch heyligkeit verblend die leut mit ihrem kleid Fischart
w. 2, 325
Hauffen; ferner Äg. Albertinus
Lucifer 15
Liliencron; Abr. a
s. Clara
Judas 1, 470; Wieland
s. w. 10 (1795) 125; gleisznerische frömmigkeit Fr. Chr. Laukhard
leben u. schicksale 3, 387; D. Fr. Strausz
leben Jesu 221.
als '
trügerisch, verführerisch': die gleisznerische vernunft spricht Jacob Böhme
von d. menschwerdung Jesu Christi (1682) 136; bald (
rauschet über die seele) die gleisznerische welt mit macht, pracht, geiz und wollust des verderbens
ders., s. w. 3, 199
Sch. von der nur äuszerlichen erfüllung einer vorschrift: es war die straff und züchtigung des priesters Eli nicht gottseelig, rechtschaffen, ernstlich, scharff, aufrichtig, sondern gleisznerisch, nachlässig, kaltsinnig und läulich und gieng nicht von hertzen Dannhawer
catech.-milch (1657) 3, 388.
objectiver und in der bedeutung weitergreifend: unser natur (
ist) so gantz zuo dem bösen gekert worden, das ich an mir selbst befinde, dasz sich meine natur schempt und förcht yn denen dingen, die christlich und recht seind, aber yn den dingen, die warhafftig böse unnd gleysznerisch seyndt, do ist keyn schandt der welt Hartmuth v. Cronberg
schr. 141
ndr. 22)
auszerhalb des eigentlich religiösen: ich weisz, sie denken zu edel und galant, als dasz sie die natürliche ungezwungene sprache der empfindung und der wahrheit verschmähen sollten, mir ist es nicht gegeben, geschminkt und gleisznerisch zu sprechen, ich spreche von herzen D. Reiske
an Lessing, s. Lessing 13, 207
M.; ihre tugend (
war) unerkünstelt, ungefärbt und ohne hinterlistige absichten und hatte der folie eines gleisznerischen ernstes nicht vonnöthen Wieland
s. w. 7 (1794) 285; er bedauerte mit gleisnerischem wortgepränge den unfall, den ich hätte erfahren müssen Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 2, 105; (
er, der) seinen herrschsüchtigen geist unter dem sanften schimmer gleisznerischer tugend zu verbergen sucht Fr.
M. Klinger
w. 6, 238; wo aber gemeine selbstsucht, niedrige gesinnung sich gleisznerisch in sanftes tugendsames gewand kleidete Holtei
erz. schr. (1861) 6, 61; es ist ein gewebe von lügen und betrügen des landes um sein wahres recht —und es scheint mir, dasz gerade diese letzten gleisnerischen versuche ... die sache des cabinets bei vielen, die noch schwankten, schlieszlich verdorben hat Dahlmann
an Wilhelm Grimm, s. briefwechsel 1, 311
Ippel; (
sie) lächelte mit gleisznerischer freundlichkeit Helmine v. Chézy
erz. (1822) 2, 73; wie der könig ... sich eben erheben will, um gleisnerisch sein bedauern auszusprechen Fontane
ges. w. (1905) I 9, 172.
als '
irreführend, trügerisch': (
die lehre von der unrechtmäszigkeit jedes krieges,) eine jener glatten und gleisznerischen lehren, bey denen der wolf unter den schaafskleidern hervorblickt K. L. v. Haller
staatswiss. (1816) 1, 404; solche gedanken, von Stirner derb und zynisch ausgesprochen, wirkten weithin erst später, als Nietzsche sie in seiner glänzenden, gleisznerischen sprache vortrug H. Hofer
d. weltanschauungen der neuzeit (1934) 234.
von listiger verstellung, verschlagenheit: (
wenn) ain pasbicht (
bösewicht), unser person oder gescheft zu verklainigen, in gleyxnerischer, verreterlicher pildung var eur liebe erschaine
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 312 (
aus dem j. 1495); euwer hauszfrauw, wie gleisznerisch sie sich gegen euch stellet, im sinn hat, euch umbzubringen Kirchhof
wendunmuth 1, 403
lit. ver.; auch angesehen sonderlich seinen guten willen, mit dem er ihn doch gleysznerisch und fälschlich bate
Amadis 1, 241
lit. ver.; geh, falsche, gleisznerische königin! wie du die welt, so täusch ich dich ... ... gieb dir den frommen heuchelschein der gnade vor der welt, indessen du geheim auf meine mörderhilfe hoffst, so werden wir zur rettung frist gewinnen! Schiller 12, 468
G. neben unpersönlichem begriff: die österreichische politik, geheim und gleisnerisch und aufs feinste ausgesponnen, hatte in Verona ihr meisterstück geliefert Gervinus
gesch. d. 19.
jh. 5, 449; '
hochtrabend, stolz': (
der) pfau hat ein adelich gewand, ein gleisznerischen gang, ein teufflischen gesang Lehman
floril. polit. (1662) 3, 277;
als '
hohl, leer',
schon auszerhalb der sittlichen sphäre: die Berliner ... sind ihm mit ihrem gleisznerischen treiben ohne kern ein abscheu Hebbel
s. br. 3, 228
W.; als '
vorgegeben, fingiert': wan dan mit gleisznerischem grim sie dich wirt arg, frech und bösz nennen, hör doch nicht auf mit vollem lust ihre stirn, mund, hals, wangen, brust mit taussent küssen anzurennen Weckherlin
ged. 1, 240
F. 33)
unter den festen verbindungen mit substantiven stehen die mit inhaltlich verwandten begriffen der moralischen sphäre voran: glysznersche boszheit Burkart Waldis
verlorener sohn 4
ndr.; gleychssnerisch hochfart
bei O. Clemen
reformationsschr. 1, 119; gleisznerische heuchelei Joh. Mathesius
Sarepta (1571) 111
b; gleisznerische falschheit Grimmelshausen 2, 345
K.; gleisznerischer trug E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 320
Gr.; gleisznerische lügenhaftigkeit Mommsen
röm. gesch. 3 (1866) 445.
wie gleiszend (
s. o. sp. 8305)
häufig in der verbindung gleisznerischer schein: ich wolt ihm ouch wol mee han gseyt von synem glychsznerischen schyn
schweizer. schausp. 1, 64
B.; inn ainer ... fraindtlichen verwantnusz ist nichts ... auff gleysznerischen schein gestelt Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 69
b;
mehrfach bei Hans Sachs 7, 375; 9, 305; 19, 150
lit. ver. ebenso gleisznerische worte, miene: durch gleisznerische worte täuschen Gotter
ged. (1787) 2, 248; du kommst mit gleisnerischen mienen Wieland
s. w. 18 (1796) 96; er näherte sich ihr mit gleisznerischen mienen Holtei
erz. schr. (1861) 3, 189; um sie ... durch gleisnerische worte zu betrügen Alexis
ruhe ist d. erste bürgerpflicht 1 (1852) 232.