Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)
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getrübt , participiales adjectiv zu trüben, getrüben (s. d.). die deutsche sprache hat auf zwei stufen ihrer entwicklung isolierungen des particips vom verbalstamme begünstigt. einmal in der althochdeutschen periode in verwendungen, die später grösztentheils durch das verwandte betrüben, betrübt übernommen worden sind. die zweite bewegung zur isolierung gehört der neueren zeit an, hält sich aber deutlich innerhalb derselben bahnen, die für den älteren entwicklungsgang zu belegen sind. 11) dasz man schon für die althochdeutsche zeit von einer adjectivierung des particips sprechen darf, wenn auch am einzelnen beispiele die entscheidung nicht immer möglich ist, dafür bietet Notker, dem das erste beispiel für unser heute so beliebtes adjectiv ungetrübt entnommen ist, den beweis: unde bin ungetruôbet (et non sum turbatus). psalm 118, 60; die übrigen übersetzer älterer zeit wagen diese zusammensetzung noch nicht; die späteren, sofern sie nicht an der tradition festhalten, wählen andere darstellungsweisen: unde niht bin ih getruobet. Windberger und Trierer version, ebenso Trebnitzer psalmen; ich bin berait und nit betrübt. Eck; ich bin bereitt und nit unlüstig. Dietenberger; ich eile und seume mich nicht. Luther psalm 119, 60. aus der grundbedeutung des verbs flieszen dem particip verschiedene bedeutungen zu, je nachdem es auf äuszerliche veränderungen an sinnlich wahrnehmbaren objecten oder auf innerliche bewegungen im gemüte des menschen sich bezieht. 1@aa) für den ersten fall ist aus den glossen die beziehung auf das wasser belegt: corruptis (fontibus) gitruopten. glossen zu Gregors cura pastoralis Steinmeyer-Sievers 2, 178. anzuschlieszen ist auch ein zweites, allerdings mehr auf der lat. vorlage beruhendes beispiel: unde wazzer tiêfina wúrden getruôbot (et turbatae sunt abyssi). Notker psalm 76, 17; getruobet wurden die wage. Windberger psalmen; getrubet sint die abgrunde. Trierer version; betrubit sint die abgrunde. Trebnitzer psalmen; die abgründt seind bewegt worden. Eck; und die tieffen tobten. Luther 77, 17, ähnl. Dietenberger. 1@bb) die überwiegende zahl der älteren, der biblischen litteratur entstammenden beispiele bezieht sich auf das gemüthsleben, vgl. Graff 5, 490. 491. hier knüpfen auch aus der mittelhochdeutschen zeit beispiele an. vgl. mhd. wb. 3, 120b. Lexer 1, 1536. 37. 1@b@aα) unde bín getruôbet fóre des fíendes stimmo, unde fóre dero bînun des súndigen (conturbatus sum). Notker psalm 54, 3, ebenso Windberger und Trierer version; betrubit bin ich. Trebnitzer psalmen; betrübt worden. Eck, ähnlich Dietenberger; wie ich so kleglich zage und heule. Luther 55, 3; inti quad her zi ín: waz sint thisiu wort thiudir bringet untar zwisgen gangenti, inti birut gitruobit (et estis tristes)? Tatian 224, 4; und seit betrubt. codex Teplensis; und sît truoric. Beheims evangelienbuch; was sind das fur rede, die jr zwischen euch handelt unter wegen, und seit trawrig? Luther Luc. 24, 17; genau so Eck und Dietenberger; ketruôbter sliêf ih (dormivi conturbatus). Notker psalm 56, 5, ebenso Windberger version; slîf getrubet. Trierer version; unde ich slif betrubit. Trebnitzer psalmen; bekümmert schlieff ich. Eck; ich bin entschlaffen in angsten. Dietenberger, bei Luther andere fassung; muoterlichen du in begienge, an dînen brusten du in zuge, in Egyptum du mit im vluhe .. gedruobet du an im diche wurde; dô hulve du im die burde wol tragen mit vollen maget umbewollen. Vorauer sündenklage 95 Waag; da wart getruobet sin lip ein chunic nam ime daz shone wip. bücher Mosis 1, 6 Diemer. 1@b@bβ) des dinges ist mîn herza getruôbet, wanda iz wíget mir (cor meum conturbatum est). Notker psalm 54, 5, ebenso Windberger und Trierer version; das hercze min betrubit ist in mir. Trebnitzer psalmen; mein hertz ist in mir betrübet. Eck; mein hertz engstet sich in meinem leib. Luther 55, 5, ebenso Dietenberger; — tho quad her in: getruobit ist min sela io unzin tod: beitot hier inti wahhet mit mir (tristis est anima mea). Tatian 180, 5 (Matth. 26, 37); mîn sêle ist trûric biz in den tôt. Beheims evangelienbuch; mein sel ist betrubt uncz an den tod. codex Teplensis; meine seele ist betrübet bis an den tod. Luther, ebenso Eck und Dietenberger; michel wart ir chlage. si begunden in vorhten sere. ir gemuote wart getrovbet ie mere unde mere. jüngere Judith 176 Diemer. 1@b@gγ) in getruopten herzen (in turbatis cordibus). Notker canticum Habakuk Wiener handschr. Graff 5, 491. 22) neuhochdeutsche periode. 2@aa) das particip ist bezogen auf sinnlich wahrnehmbare objecte. 2@a@aα) asz wurzeln, schlürfte aus der hand getrübtes wasser. Schubart (wunderthätige crucifix) 4, 44; wo die hündlein sind, die von des herren tische mit brosamen genährt werden, für die abgefallene blätter des lebensbaumes, getrübtere wellen der ewigen ströme, heilung und labsal sind. Göthe briefe 6, 37. 2@a@bβ) deren wangen, wie durch die finsternisz eines getrübten himmels das morgenroth, glühten. Zschokke (pflanzer in Kuba) 7, 237. 2@a@gγ) getrübtes glas, undurchsichtiges glas, das in der glastechnik eine bestimmte verwendung findet. 2@bb) das particip kennzeichnet gemüthsstimmungen: die nachtigall ruft: zurück! zurück! der knab schickt nur voraus den blick, sein herz ist wild, sein sinn getrübt, vergessen alles, was er liebt. Geibel Tannhäuser; ziehet nicht so schnell dahin, feuerkäfer, eure strasze, weil ich in getrübtem sinn dieszmal nicht so schnell erfasse, neu befreundet, all die alten, trauten lenz- und glanzgestalten. K. Mayer (gram und frühling) ged.2 234; aber fürchte nicht für meine gesundheit; die wird dadurch nicht angegriffen, ich werde nur innerlich immer mehr getrübt. Hebbel briefwechsel 1, 177. 2@cc) die neuere entwicklung bleibt an den beiden hauptverwendungen der älteren sprache nicht stehen, sie bewegt sich vor allem in übertragungen auf zustände und thätigkeiten des menschen weiter fort. 2@c@aα) die wohlgestalt des jünglings, seines auges melancholische tiefe, seine jugend, sein getrübtes aussehen schmolz der königin bewegten busen. Platen (Abassiden 6) 87. 2@c@bβ) je weiter aufwärts er (der sprachforscher in der deutschen sprache) klimmen kann, desto schöner und vollkommner dünkt ihn die leibliche gestalt der sprache, je näher ihrer jetzigen fassung er tritt, desto weher thut ihm jene macht und gewandtheit der form in abnahme und verfall zu finden. mit solcher lauterkeit und vollendung der äuszeren beschaffenheit der sprache wächst und steigt auch die zu gewinnende ausbeute, weil das durchsichtigere mehr ergibt als das schon getrübte und verworrene. J. Grimm einl. zu theil 1, sp. 3; manches schwerfällige, verworrene, sich wiederholende erinnert allerdings auch an die getrübte ausdrucksweise düsterer stunden, wo er sich im kampfe mit der krankheit müde gedacht hatte. M. Heydrich nachlaszschriften Otto Ludwigs, einleitung 22.
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15.–20. Jh.
Neuhochdeutschgetrübt
Grimm (DWB, 1854–1961)
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ungetrübt
DWB
ungetrübt , part.-adj. , nicht getrübt ( s d. ). ahd. ungetruobet ( s. Notker unten ). sonst zieht die ä. spr. unbetrüebet vor ( s. ob sp. 3…
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Cotta, M. (2026). „getruebt". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 18. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/getruebt/dwb?formid=G12861
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Cotta, Marcel. „getruebt". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/getruebt/dwb?formid=G12861. Abgerufen 18. May 2026.
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Cotta, Marcel. „getruebt". lautwandel.de. Zugegriffen 18. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/getruebt/dwb?formid=G12861.
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