ABTRÜNNIG,
abtrinnig adj. (
s. a. abtrennig).
ahd. ab(a)trunnîg,
mhd. abetrünnec,
bis zum 15. jh. daneben auch abtrünne ( ⟨u1460⟩ gab er sich in unnsern orden, da wart er aber ain abtrunner Hartlieb
dialogus 333 DTM),
ahd. abtrunni,
mhd. abetrünne.
zur rückführung auf ein starkes verb trinnan
vgl. Kluge
et. wb. 21168a (
s. v. entrinnen); Seebold
wb. germ. st. verben [
1970]
507 f.; weiteres 1DWB 11,1,2,111 (
s. v. trennen). 1
treulos, wortbrüchig (gegen gott, menschen, institutionen, überzeugungen u. ä.); zunächst überwiegend in kirchl.-religiösem bereich, später stark verallgemeinert: A9.jh.
apostata aptrunnigomo
ahd. gl. 2,235,21 S./S. ⟨1070/80⟩ nu fliuho ih abtrunnigiu dero heiligen glouba .. ze demo filo milten barmi dero dinero almahtigen irbarmidi
wessobrunner glaube I 141,14 S. ⟨u1120⟩ Lucifer ein eingil abitrunniger
summa theologiae 6,1 M. 1292 dekein brvͦder der aptrunnig ist von irem orden
corp. altdt. originalurk. 2,775a W. ⟨1331/5⟩ dine knechte uns miden/ sam ein abtrunnige diet./ sundenhalb uns daz geschiet
Daniel 1363 DTM. ⟨u1450⟩ wurden ettlich stett wider abtrünnig, als Sotz und Koln und andere mer
(Nürnb.) chr. dt. städte 1,401. 1533/4 ein abtrünnigen veltflüchtigen mainaidigen verrätter seines aigen vaterlands Turmair
4,2,740 ak. 1594 drumb must Vulcan .. wider nemen Venerem,/ die abtruͤnnig ehbrecherin
texte Böhmens 74a W. 16.jh. so ainer dem andern .. knecht und diern abtrunig macht und auf sein tail zeucht
öst. weist. 9,746. 1612 der wein vnd weiber machen abtrünig vnd bethören die verständigen Albertinus
tummel-platz 776. 1639 dz er
(Gustav Adolf) nicht begehrete den hertzogen aus Pommern von dem käyser .. abtrünnig zumachen Micraelius
Pommer-land 4/6,254. 1658 es fiel die stadt Samus ab, desgleichen wurd der Hellespont abtrünnig Kunowitz
Nepos 176. ⟨1768⟩ die ketzer und abtrinigen köpfe Heinke
in: font. rer. austr. II 73,144. 1786 die veranlassung, von dem naturtriebe abtrünnig zu werden Kant
8,111 ak. ⟨1798⟩ er wird uns alle unsre schönen abtrünnig machen Tieck
(1828)16,397. 1854 ein krämer, .. dem seine kunden abtrünnig werden Heine
6,328 E. ⟨1864⟩ ich kann nicht abtrünnig werden von meinen heiligsten ueberzeugungen Spielhagen
s. rom. (1895)2,325. ⟨1879⟩ daß sie .. den gatten mit ihrer fröhlichen jugend seinen einsamen studien abtrünnig machen würde Heyse
[1924] I 3,567. ⟨1916⟩ abtrünnig dem moralismus, fürchtet er
(Renan) sich noch, die neue philosophie des nichts .. männlich hinzunehmen Wiegler
figuren [1918]233. 1923 er .. wird abtrünnig von solcher familie und solchem staat Oestreich
schule 129. 1932 daß die söhne mehr und mehr dem gewerbe der väter abtrünnig wurden Reger
hähnchen 306. 1965 weil ich alle Juden in
N. kenne, auch die abtrünnigen und getauften Erpenbeck
gründer 2,502. —
bildl., mit nichtpersonalem subjekt: ⟨v1678⟩ weist du nicht, daß der ehrgeitz von seiner eigenen gesellschaft allzeit abtrünnig wird?
in: Butschky
rosen-thal (1679)835. ⟨1795⟩ alle freuden sind mir abtrünnig geworden Tieck
(1828)6,63. 1840 mir sei in der stunde der entscheidung der muth abtrünnig geworden Hebbel
I 1,75 W. 1954 der kolbenartige griff von .. ebenholz. auf beiden seiten ist ihm silberner zierat eingelegt. .. man sieht nur noch seinen
(eines silbernen vogels) schatten: die in das holz gedrückten umrisse des abtrünnigen silbers Bergengruen
rittmeisterin 202. 2
(schuld)flüchtig, auf der flucht befindlich vgl. trünnig 1
1DWB: 13.jh.
transfuga abtrunniger
ahd. gl. 4,163,36 S./S. ⟨M14.jh.⟩ wirt eyn man abetrunnik vnd leth hynder ym erbe vnd gut. doruf her tzyns hat
alt. kulm. recht 86 L. 1482 abtrunniger oder fluchtiger
refugus (Nürnb.) voc. theut. a4b. ⟨1511⟩ woͤlche hyngeloffen, flüchtig oder abtrinnig sein, moͤgenn weder burgerlich oder peinlich clagen Tengler
n. leyenspiegel (1514)7b. ⟨1574⟩ wird der schneider oder der mieteman abtrünnig .. vnd lassen das gewand oder habe in jhren gemache, darinnen sie gewohnet haben Pölman
handtb. (1576)h2b. 1605 abtrünnig
flüchtig, fuggitiuo Hulsius
dict. t.-it. 3b. 1689 daß ein knecht diebstahl übete und derhalben abtrünnig würde Beier
schelten 56.Braun