wunderbaum,
m ,
vereinzelt wundelbaum (
s. u. 1 a). 11)
in botanisch fachsprachlicher benennung. 1@aa)
zufrühest und bis heute vorwiegend für den ricinus (
ricinus communis L.),
der in älterer sprache lat. oder sonst fremdsprachlich croton (
gr. κρότων),
kiki (
gr. κίκι),
kerva (
arab.),
palma Christi, cataputia maior usw., in deutschen synonymen kreuzbaum, zeckenbaum, zeckenkörner, römischer hanf, wollenkraut
usw. heiszt: wunderbaum oder wundelbaum nent man creutzbaum vnd zecken körner Bock
kreutterb. (1539) 1, 82
b.
hier auch mit einem erklärungsversuch: (
am stengel) werden die bletter in der höhe die aller grOeste vnd breytste, des sich wol in disem gewAechs zuouerwundern ist, vnd wunderbaum genent mag werden, dann es haben gemeynlich alle andere gewAechs die grOesten bletter gegen der wurtzel, vnd nit an den stengeln
ebda (
anders Campe 5 [1811] 785
a).
bereits im 13.
jh., hier freilich für ein hedera der vulgata, das aber nach dem zusammenhang nicht auf den epheu, sondern den ricinus gedeutet werden musz: also berait unser herre (
dem Jonas vor der stadt Ninive) ainen bovm der haizet in der latine hedera unde entüzschon haizeter ain wunder bovm alder ain schat bovm (
vgl. Jona 4, 6)
dt. pred. d. 13.
jhs. 2, 102
Grieshaber. auch arbor mirabilis ein wunderboum Gersdorff
wundarzney (1517) 89
b scheint auf den ricinus zu gehen, vgl. dazu: ein jetzt viel bekannteres purgativ, ricinus (r. communis) wird im mittelalter nicht eher als bei Albertus (6, 20) zum erstenmal erwähnt, und zwar unter dem in der heutigen botanik üblichen namen 'wunderbaum' (arbor mirabilis) Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 293.
ferner: arbor mirabilis haizt der wunderleich pâm Megenberg
buch d. nat. 313
Pf. weiterhin: ricinus ... wunderbaum (mirabilis arbor) creutzbaum, türckischer hanff, römischer hanff, mollenkraut, zeckenkörner Pancovius
herbar. (1673) 342; ricinus, palma Cristi und cataputia major, sind ihre (
einer oben bezeichneten pflanze) bekannteste lateinische, und wunderbaum und zeckenbaum die teutsche namen Ehrhart
pflanzenhist. (1753) 11, 63; wunderbaum, gemeiner.
ricinus communis L. Holl
pflanzenn. (1833) 423
a. 1@bb)
seit dem späten 18.
jh., z. t. wohl nur vorübergehend, auch für andere gewächse. 1@b@aα)
für die silberpappel, populus alba L.: populus alba ... arbor admirans vulgo ... wunderbaum Schwenckfelt
stirpium cat. (1600) 165
a; Gleditsch
forstwissensch. (1774) 1, 663; Holl
pflanzenn. (1833) 273
b. 1@b@bβ)
für die robinie, robinia pseudacacia L.: psevdoacacia ... wunder-baum quibusdam dicitur, quod nomen alii ricino imponunt Ruppius
flora ienensis (1726) 208; Holl
pflanzenn. (1833) 303
a. 1@b@gγ)
für adelia ricinella L. (
ein tropisches wolfsmilchgewächs): ricinellquästchen; der kleine wunderbaum Nemnich
polyglottenlex. 1 (1793) 73. 1@b@dδ)
für ricinus mappa L. bei Krünitz
öcon. encycl. (1773) 240, 206. 1@b@eε)
für ricinus tanarius L. bei Krünitz
a. a. o. 1@cc)
in einigen fällen bleibt die botanische zuordnung unsicher, doch dürfte es sich hier um ricinus communis (
s. 1 a)
handeln: es treibt der pöfel mit disem gewächs, den man abrahamsbaum vnnd wunderbaum nennet, viel aberglaubens Wirsung
artzneyb. (1588) 17
b;
ferner: herba sensitiva oder herba mimosa, zu teutsch rühret mich nit an, drachenbaum, indianischer wunderbaum, areca, palmapina, indianischer dattelbaum, musa, mamocra, ananas, cacao
etc. Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 2, 170; mohn, psilium alterum, österreichischen bertram, wunderbaum, siler montanum, teutschen pfeffer (
aufzählung der bei Neustadt Wiesenthal in gärten wachsenden pflanzen) Lehmann
hist. schaupl. (1699) 472. 22)
in auszerbotanischer bezeichnung gewisser bäume. 2@aa)
für einen als naturkuriosum beurteilten baum, im blick auf irgendwelche ungewöhnliche eigenschaften: von einem wunderbaum ..., dessen blätter ... wasser von sich trieffen lassen Chr. Weise
polit. redner (1677) 484; laszt uns nun auch selbst die früchte dieses wunderbaums (
maulbeerbaumes) besehn Brockes
ird. vergnügen 9 (1748) 172. 2@bb)
für einen baum mit übernatürlichen eigenschaften oder kräften, im bereich der religion und des mythos: wo sind die wunderbäume, die in ihm (
dem garten Eden) wuchsen, der baum des lebens und der baum der weisheit? haben diese zaubergewächse je geblühet? Herder 11, 323
S.; der fruchtbeladene wunderbaum, hesperias in alter inschrift genannt Ed. Gerhard
akad. abhandl. (1866) 1, 20. 2@cc)
nur soviel wie '
wunderschöner baum'
; so vielleicht schon mhd.: anderhalp zer linken hant (
des grabes) ein wunderboum gepflanzet was; ... der gap sô guoten gesmac ... sîne bluomen wâren rôsenvar, dar ûffe was der vogele sanc Konrad Fleck
Flore u. Blancheflur 2077
Sommer; die dattelpalme ... ward in Italien ... gezogen ..., nicht der früchte wegen, sondern wie eben heut zu tage, als wunderbaum und um der blätter bei öffentlichen festlichkeiten sich zu bedienen Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 806.
vom christbaum: als das schönste an dem wunderbaum muszte aber wohl gerühmt werden, dasz in seinen zweigen hundert kleine lichter wie sternlein funkelten E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 198
Gr. 33)
in übertragener, auf bild und vergleich beruhender anwendung. 3@aa)
in christlicher bildsprache: dasselbe corpus ist das geformte göttliche wort, welches sich erstlich hat mit Adam in einen einigen stamm eingeführet, und durch ihn in einen baum vieler zweige, äste und früchte ... so spricht der prophetische mund dieses wunderbaumes in göttlicher kraft alle stimmen der kräfte des baumes aus Jac. Böhme
s. w. 5, 216
Schiebler. anders vom kreuz Christi: ist das der wunderbaum? ist disz das werthe holz, darauf wir christen sein so prächtig und so stolz? Fleming
dt. ged. 1, 23
lit. ver. 3@bb)
jünger in der beziehung auf lebensmächte und geistige werte: den wunderbaum der sprachen Schelling
w. I 8, 453; als in Italien und Frankreich lang der goldne wunderbaum der poesie in voller blüthe stand Deinhardstein
ges. dram. w. (1848) 6, 6. 3@cc)
seltener von personen oder vereinigungen: der Indianer palm bringt zwar viel schöner sachen, man kan wein, essig, oel und honig ausz ihm machen, ... seht aber unsern palm, den Teutschland hat erzeuget ... seht diesen wunderbaum (
von der fruchtbringenden gesellschaft gesagt) Rist
neuer teutscher Parnasz (1652) 661; das beneficium des klosterlebens ..., dessen frieden ... einen wunderbaum an gelehrsamkeit, Trithemius, den abt zu Sponheim, ungekränkt wachsen liesz Kolbenheyer
Paracelsus 1, 179. —