wesenlos,
adj. ,
der gegensatz zu wesenhaft (
s. d. 2).
seit dem ende des 18.
jhs. sprachüblich; vorher nur vereinzelt und ohne nachwirkung in der sprache der mhd. mystik (
zu wesen I C '
essentia'): got ist sîn selbes materie unde forme ... doch sîn einveltigiu nâtûre ist von (=
infolge, kraft) formen formelôs, von werdenne werdelôs, von wesenne weselôs und ist von sachen sachelôs meister Eckhart 497, 35
Pf. 11)
unsubstantiell, ohne greifbare realität, gehaltlos, scheinhaft, gegenstandslos, nichtig; wesenlos
der selbständigkeit beraubt, keine wirklichkeit habend Adelung
versuch e. wb. 5 (1786) 189: da (
im jenseits) täuschet unsern wunsch kein wesenloser wahn, da strahlt uns die natur durch bessre sinnen an (1752) Wieland
w. I 1, 301
akad.; die worte der menschen sind nur wesenlose zeichen, der geister worte sind lebendige mächte Schiller 12, 208
G.; eine unabsehliche sandwüste, ... wo die wasserquellen, die hie und da in aussicht treten, sich immer wieder als wesenlose luftspiegelungen ausweisen Schubart
br. in: Strausz
w. 9, 1; die hirten Geszners hatten für mich etwas wesenloses und maskenhaftes Woltmann
memoiren (1815) 1, 52; der besitz wesenloser hoher ämter unter den kaisern des verfallenden reichs Niebuhr
röm. gesch. (1811) 2, 161; könntest du ohne blendung in die wesenlose pracht hineinblicken, du würdest da verachten, wo du itzt verehrst Tieck
schr. (1828) 8, 96; mein schatten! komm, stosz an, du wesenloser zecher
N. Lenau
s. w. 221
Barthel; der wesenlose regenbogen Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 1, 28; (
es scheint) den nicht ansässigen ... gemeindebürgern ... ein wenngleich wesenloses stimmrecht zugestanden zu haben Mommsen
röm. staatsrecht (1871) 1, 391; nichts ... als die wesenlose spur eines vor jahrhunderten vorübergegangenen menschenlebens Th. Storm
s. w. (1899) 1, 134; wie logik und kunstgerechtigkeit erst im wesenlosen ihre schönsten siege feiern G. Keller
ges. w. (1889) 2, 265; ich hatte mich den ganzen tag über unbegreiflich arm und wesenlos gefühlt W. v. Scholz
erz. (1924) 46; ihnen (
den eltern) zu ehren mochte diese wesenlose zugehörigkeit zur kirche fortbestehen Winnig
d. weite weg (1932) 168. 22)
von diesem allgemeinen gebrauch aus begegnet das wort in einigen charakteristischen auffassungen. 2@aa)
als häufiges beiwort neben schein, schatten, traum
und verwandten ausdrücken; wesenlose schatten Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 1039
b: und hinter ihm, in wesenlosem scheine, lag, was uns alle bändigt, das gemeine Göthe I 16, 166
W.; die Platonische philosophie wird ... einem ... wesenlosen ... schatten nachgehen
dt. museum (1812) 1, 83
Fr. Schlegel; was in der brust, im geiste lebt, gilt euch für wesenlose träume Grillparzer
s. w. 2, 198
Sauer; den wesenlosen ausgeburten seiner furcht O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 293; namen, welche als wesenlose schemen vor den ohren der schüler vorüberfliegen de Lagarde
dt. schr. (1886) 241. 2@bb)
namentlich in jüngster zeit als attribut zu ausdrücken der (
nicht nur räumlichen)
ferne und tiefe, etwa '
ungreifbar, gestaltlos': nun schosz es fast senkrecht wieder hinab in wesenlose tiefe Brachvogel
Benoni (1881) 2, 186; erschien der blick des jungen mönchs als in geistige, uns anderen unsichtbare tiefen gewandt ... wie ins wesenlose oder allein wesentliche entrückt W. v. Scholz
erz. (1924) 296; kann er die wehende bewegung der schlinggewächse sehen und das ertrinken des lichtes im wesenlosen grund (
des wassers) Ernst Wiechert
d. kl. passion (1929) 91; wenn sie vor sich hinblickte in eine wesenlose zukunft
ders., missa sine nomine (1950) 261. 2@cc)
in bestimmten verwendungen '
unstofflich, materielos': Johanna fand durchaus den kleinen blauen würfel nicht am waldesrand, wie sehr sie ihr auge auch anstrengte, und wie klar und fast wesenlos die herbstluft auch war Stifter
s. w. 1 (1904) 308; die schmale, fast wesenlose gestalt des kindes G. Keller
ges. w. (1889) 1, 235; er hielt ihr unbefangen ... die hand hin und sie legte ihre fast wesenlose blasse hand hinein, die nur durch die schwäche ein kleines gewicht erhielt
ebda 7, 152. 2@dd)
nicht ohne widerspruch zu seinem begrifflichen inhalt kann wesenlos
mit dem nebensinn des schaurigen verbunden werden: mich umsaust der tod mit ekler, wesenloser mattigkeit Immermann
w. 15, 339
Hempel; wenn ein gespenst so gräulichen verdachtes plötzlich emporsteigt, grinsend, wesenlos
ebda 16, 93. 2@ee)
in neuester zeit drückt das wort auch die impression des unwirklichen bei realen wahrnehmungen aus: das mondlicht machte es alles unwirklich. eine beglänzte welt, aber sie war unwirklich und wesenlos Ernst Wiechert
missa sine nomine (1950) 33; er (
Diederich) vernahm ringsum ein wesenloses gewirr von lauten und wusste nicht mehr deutlich, wo er war H. Mann
d. untertan (1949) 426. —