weichherzig,
adj.,
nnl. weekhardig Kramer (1759) 2, 571.
von unsern etwa 80
adj. auf -herzig
sind 4
mhd., Stieler
kennt 16,
darunter hartherzig (
seit Luther). weichherzig
tritt zuerst in Cleve 1477
auf: weekehertich
vecors, mollis corde Schueren
teut. 490
a Verdam, begegnet lit. ein erstes mal bei K. Güttel
in Eisleben: dan nyemant fuhelet diesze pfeile, dan wem sie in das hertze gesteckt werden, das seint die weichhertzigen menschen, den sie got ins hertze scheuszet
büchl. v. Adams werken (1518) C 2
a.
erst nach langer pause setzt sich weichherzig
seit mitte des 17.
jahrh. in hd. literatur durch: Harsdörffer
frauenz.-gespr. 7, 248
; Simpl. 129
neudr.; Zend. a Zendoriis
t. wintern. 213; Abr. a S. Clara
Judas 1, 610; Lohenstein
Arm. 2, 133
a.
seither ist es bei Ober- und Niederdeutschen beliebt, Stieler
bucht es, Frisch
nicht, Gottsched
bevorzugt es, die Schweizer haben es nicht. aus Lessing 2, 290; Bürger 252
Bohtz; Wieland
Lucian 2, 101; Schiller 12, 280
ist es zu belegen, Herder
und Göthe
scheinen es nicht zu brauchen. mit der romantik überschreitet das wort den gipfel seiner beliebtheit, den mundarten bleibt es fremd, von der schriftsprache mindestens mitbestimmt sind: es werd ahm orndlich waachherzig Niebergall
dram. w. 203; weil a weechherzig is und o christlich is Hauptmann
Rose Bernd 83.
von den gramm. kategorien sind subst. (Raupach
kom. 1, 288; Alexis
ruhe 1, 146),
steigerungsformen (Ayrenhoff 3, 46; Gaudy 22, 47)
und adv. (Tieck 19, 174; Cl. Brentano
an S. Mereau 1, 67)
jung und spärlich entwickelt, die bed.-gesch. vollzieht sich innerhalb des attr. gebrauchs, der der ältere ist, aber später zurückbleibt, und des jungen aber kräftiger entwickelten praed. gebrauchs, der sich gleichmäszig auf die wendungen weichherzig sein (
z. b. Gottsched
crit. dichtk. 649), werden (Lindenborn
Diogenes 1, 30)
und machen (Rabener
schr. 3, 252)
vertheilt, indes eine fügung wie: diesmal wirst du mich nicht so weichherzig und nachgiebig finden Tieck 3, 322,
vereinzelt bleibt. die bed. unseres worts umschreibt Adelung: sowohl wirklich gerührt,
d. i. zu sanften empfindungen gewogen, als auch fähig, leicht gerührt zu werden.
zur ersten gruppe gehören: lasset euch nicht jetzo auf einige augenblicke weichherzig machen Heilmann
Thuk. 362; worüber ein Gregor der siebente mit allen seinen bannbullen zärtlich und weichherzig werden ... müszte Heinse 9, 50
Schüddekopf; er ... ermordet im rachgefühl selbst die gegen den feind zu weichherzige mutter Creuzer
symb. 1, 134; weichherzige seufzer Platen 1, 219
Hempel, zur zweiten: der amtmann, der ein weichherziger mann war Miller
Siegwart 2, 358; weil wir ... weichherzig genug sind, mit jedem armen mitleid zu haben Möser 1, 160
Abeken; ich bin verzweifelt weichherzig und von zahmer, barmherziger natur Bode
Montaigne 1, 3; der mensch ist ein weichherziges thier, versöhnung und frieden sucht er so gern Forster 7, 259. Campe
fügt jener bemerkung Adelungs
hinzu: zuweilen auch, ein zu weiches herz habend und verrathend.
er weist damit hin auf den tadelnden sinn, den gerade in alter zeit weichherzig
oft hat. tadelhaft ist weichherzigkeit
am falschen fleck: hol' der henker alle weichherzigen chirurgen und ihre halbheit Heine 7, 68
Elster, aber auch die auffassung hat zu allen zeiten vertreter, dasz weichherzigkeit
unter allen umständen unangebracht sei: dem gouverneur, der sonst kein wäichhertzig weiber-gemüt hatte
Simpl. 64
neudr.; doch ich bin so weichherzig, als ein weib; und ich bitte die welt, nicht zu lächeln, sondern mich zu betauren Bode
Yoricks empf. reise 1, 52; (
die Germanen) trinken keinen wein ... weil sie glauben ... dasz man dadurch ... weichherzig werde Vieth
enc. d. leibesüb. 1, 203; was stehn wir wie weichherz'ge weiber hier, verlornes jammernd, da der feind schon tobt? Schlegels
Shakesp. 8, 242; weichherziges weibergezücht R. Wagner 6, 71; mitten unter solchen weichherzigen versuchen, das volk mit dem unerträglichen zu versöhnen, stehen dann wieder so feine durchdachte worte Treitschke
hist. u. pol. aufs. 1, 183.
zum lob kann weichherzig
erst vom standpunkt einer neuen auffassung werden und nachdem in mattherzig
ein träger eindeutigen tadels gefunden war (
th. 6, 1766): ich stelle mir den dichter vor als 'nen schönen weichherzigen jüngling Claudius
Asmus 1/2, 108; er war ... für ein rohes volk viel zu empfindsam und weichherzig
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 437; das gemisch von härte und weichherziger liebenswürdigkeit verletzte nicht mehr Grimm
Michelangelo 2, 344.
zwischen lob und tadel spielen die oxymora der romantik: den doctor aus seinem weichherzigen ernst zu bringen Jean Paul 7/10, 326
Hempel; es sammelte sich viel weichherzige wut gegen ... Voss Heine 5, 245
Elster.