weiblichkeit,
f. spätmhd. wîplicheit Lexer 3, 924
aus Brack (1487).
lex. spärlich neben älterem weibheit (
s. d.): Stieler 2471; Hederich 2619;
von Adelung 1786
als selten bez., 1801
diese bem. gestrichen; R.
M. Meyer
vierh. schlagw. nr. 87; Feldmann
z. f. d. wortf. 6, 344.
nirgends in den mundarten. lit. vor den classikern nur ganz verstreut. 11)
eine älteste bed. '
charakter, eigenschaft als frau'
hält sich vom 15.
bis ins 19.
jahrh.: wann wir das gemuot, die wypphait (
ausg. B
von 1479: weiplichkeit), die gestalt der baider sach bedenken wöllen, zwyfelt mir nit, von aim gelychen richter werde Busa vil höher gelobet Stainhöwel
cl. mul. 225
Drescher; hat mannszkleyder anlegen thon, verbarg also ir weybligkeit unter köngklichem mannes-kleid Sachs 8, 695
Keller; die ascetischen jungfrauen schämten sich ihrer weiblichkeit Zimmermann
einsamk. 1, 151; die gewiszheit der zweifelhaften weiblichkeit ... darthun Archenholz
Engl. u. It. 1 ii 297; das weib ist sonach schon durch ihre weiblichkeit vorzüglich praktisch Fichte 3, 352. 22)
als verhüllender ausdruck für '
weibliche geschlechtstheile'
nur in den wb.: Stieler 2471; Adelung 5, 124; Campe 5, 634; Sanders 2 ii 1524.
wie weiblichkeit
zum glimpfwort geworden sein kann, zeigt: die clericalen blödsinns- und zotenlieder ... welche von der milch der Maria und anderen weiblichkeiten handeln Kürnberger
siegelr. 279. 33) '
weibliche schwäche'
bed. weiblichkeit
namentlich bei Nord- und Mitteldeutschen der vorclass. zeit: fürchtet sie sich vor allem, so ist es weiblichkeit Cramer
nord. aufs. 1 (1758) 409; (
ein mann der weint, würde) sich an seinem eigenen geschlecht vergreifen und so mit seiner weiblichkeit dem schwächeren theil nicht zum schutze dienen Kant 10, 291; die feinste dirn unter gottes lieber sonne, der auch nicht 'n fünkchen weiblichkeit anklebte Mylius
märlein 399; eine alberne weiblichkeit Hermes
Sophiens reise 2, 634;
entspr. Gerstenberg
d. lit.-denkm. 128, 84; Gökingk 2, 186.
in dieser bed. allein spielt der plur. eine gröszere rolle: die weiblichkeiten heiszen schwächen Kant 10, 340; hierauf beschrieb er meine eigenen weiblichkeiten, wie er sie nannte, als früchte eines feurigen genie S. v. Laroche
frl. v. Sternh. 2, 187; kleine halbgebrochene seufzerchen abzudrücken und zwanzig andre solche weiblichkeiten mehr Wieland
t. Mercur 1775 iii 19; bei mir bist du vor den zwei häszlichsten weiblichkeiten, der eifersucht und der rachsucht, sicher 22, 230; vor einigen tagen sagte er so recht weise, wir frauenzimmer hätten gemeiniglich weit weniger liebe ... und das wegen unsrer weiblichkeiten ... weiblichkeiten! denk doch! er sagte es so, und sah so aus, als fühlte er etwas dabei, das ich noch keinem meiner liebhaber abgemerkt hab Klinger
sturm u. drang 1, 3.
auch '
angelegenheiten der frauen'
bedeutet der plur.: mein herr, sie kommen just, da über den katun und flor, den ich gekauft, kurz über weiblichkeiten, wir laut, das geb ich zu, doch just nicht hitzig streiten Müllner
dram. 5, 20. 44)
zu seiner hauptbed. '
wesensart der frau'
oder, wie sie Hübner
gut bestimmt: die natur des weibes als eines solchen, sowohl die körperliche als auch die gemüthliche und geistige; der inbegriff alles dessen, was das weib zum weibe macht
zeitungslex. 4 (1828) 892
a,
gelangt weiblichkeit
um 1766
durch den einflusz des engl. womanhood: dieser schönen ... welche doch in diesem augenblick, da schrecken und zagheit ihnen die weiblichkeit (wenn es erlaubt ist, dieses wort einem groszen dichter abzuborgen) wieder gegeben hatte, selbst dem sittsamen Agathon so verführerisch vorkamen Wieland
Agathon 1, 12;
der klammersatz fehlt in späteren ausgaben, der grosze dichter ist Milton. 4@aa)
der sinn kann neutral sein, so wenn Fr. Schlegel 1794
die studie, die werke 4 (1822) 66 'über die darstellung der weiblichen charaktere in den griechischen dichtern'
heiszt, überschreibt: über die darstellung der weiblichkeit in den
gr. dichtern;
entspr. weiterhin in wiss. prosa: wie also zuerst der gegensatz von männlichkeit und weiblichkeit unüberwunden in den organismus fiel Hegel 7 i 691; Rousseaus philosophemen sind überhaupt weibliche philosophie oder theorie der weiblichkeit Novalis 2, 272
Minor; dann schlingt sich das gespräch anmuthig weiter ... am liebsten bei dem gegensatz der männlichkeit und weiblichkeit verweilend Schelling 1 iii 498; Hestia ... und hetären ... machten gleichsam zwei pole aus ... pole der weiblichkeit Welcker
a. denkm. 5, 11,
doch auch bei den dichtern: ein weib soll ihre weiblichkeit nicht ausziehen wollen Göthe IV 7, 98
Weim.; Burleigh! der denkt allein auf deinen staatsvortheil; auch deine weiblichkeit hat ihre rechte Schiller 12, 485. 4@bb)
der entwicklung eines guten sinnes war schon das englische vorbild günstig, die ernsthafte begründung des begriffs menschlichkeit
in der classischen zeit muszte zugleich den der weiblichkeit
mit bestimmterem und edlerem inhalt füllen, eine neue steigerung brachte die romantik mit der geistigen emancipation der frau. so zeigt sich die bed. '
gute weibliche wesensart'
reich entwickelt: das weib soll nicht mann seyn, und wehe derjenigen, die es will. mit dem verlust ihrer weiblichkeit sind ihre mächtigsten reize verschwunden, ihre vorzüglichsten rechte J. G. Jacobi
Iris 6 (1776) 330; weit mehr ihm (
Homer) allein eigen ist die zartheit, mit der er oft die feinsten eigenthümlichkeiten der weiblichkeit ergriffen Fr. Schlegel 4 (1822) 71; dem geist der weiblichkeit sind wir die schöne kunst des lebens ... schuldig Herder 22, 136; so gestaltete sich das ideal der weiblichkeit als das höchste und anbetungswürdigste Steffens
was ich erlebte 4, 395; alle zauber der weiblichkeit Schreyvogel 1, 30.
neben menschheit, menschlichkeit
und männlichkeit
tritt der begriff noch klarer zu tage: eines der liebenswürdigsten und herrlichsten gemische von menschheit, weiblichkeit und fürstlichkeit Wieland
br. an Merck 142
Wagner; von dem ästhetischen eindruck der sophokleischen darstellung der weiblichkeit schöpft er (
Fr. Schlegel) den satz ab, dasz die weiblichkeit wie die männlichkeit zu höherer menschlichkeit gereinigt, das geschlecht, ohne es zu vertilgen, der gattung untergeordnet werden müsse Haym
rom. schule 185; ich glaube an die unendliche menschheit, die da war, ehe sie die hülle der männlichkeit annahm Schleiermacher
Athenäum 1 ii 110.
hier überall wird der gute sinn durch die umgebung im satze gestützt. weiterhin gilt er auch ohne stütze: alles was reichthum ... vermag, gegen Aspasiens weiblichkeit aufzubieten Meissner
Alcib. 1, 264; glaubten sie im ernst mich aller weiblichkeit entbunden Schiller 5, 389; weiblichkeit ist die axe der erde und die milchstrasze am himmel Börne 7, 306;
entspr. H. v. Kleist 5, 45; Jahn
volksth. 405; Holtei 4, 54; Fontane
Cecile 175.
neben dieses allg. lob treten sonderungen. es kann dem körperlichen gelten: zweck der natur bei einrichtung der weiblichkeit war ... erhaltung der art, die cultur der gesellschaft und verfeinerung derselben durch die weiblichkeit Kant 10, 342; was verschönert die weiblichkeit nicht? Göthe
gespr. 2, 256
Biedermann, oder allg. ästhetisch sein: grazie der weiblichkeit Herder 3, 294; Waitz
Caroline 41.
meist ist es sittlich bestimmt: wenn die frauen den ehrgeiz der ... weiblichkeit hintenan setzen ... so endet die sache oftmals Keller 7, 337. 4@cc)
günstige attr. verstärken den guten sinn. die gangbarsten sind: edel J. A. Schlegel
verm. ged. 2, 384; Gutzkow
ritter v. geist 1, 290; Hebbel
br. 1, 361; Freytag 4, 45; schön W. v. Humboldt
an Göthe 30.
mai 1800; Hebbel I 9, 267; sanft Schubart
ged. 2, 191; G. Forster 3, 81; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 138; zart Matthisson 3, 354; Meisl
quodl. 5, 188; echt Schubart
br. 8; Fontane I 4, 42; rein Seume 104; Brentano 5, 288; Hauff 3, 55; Vischer
ästh. 3 iii 643; Hebbel
tageb. 1, 117.
selten mehr ernst gemeint ist hold (
s. d). 4@dd)
tadelnder sinn muszte sich schon darum einstellen, weil weiblichkeit
zugleich für das wenig entwickelte subst. zu weibisch
eintritt. er wird erreicht, wenn frauen die engen grenzen ihrer eigenart beklagen: des tages, wo mir zum ersten male recht tief im busen die durchdringende überzeugung von meiner schwachen hilflosen weiblichkeit wurde Immermann 5, 102;
wenn am manne züge festgestellt werden, die nur der frau anstehen: (
Platen) schonte nicht einmal Houwald, diese gute seele, sanft wie ein mädchen — ach, vielleicht eben dieser holden weiblichkeit wegen haszt ihn Platen Heine 3, 365
Elster, oder indem gar zu häufiger gebrauch und zu flache auffassung der weiblichkeit
den spott herausforderte: du holdes bild der weiblichkeit zogst auch mit ihm von hier Hoffmann v. Fallersleben 1, 288.
so ist nam. ironischer gebrauch gut entwickelt: dies ce qui plaît aux dames, die schöne süsze weiblichkeit, singen ja alle romanhelden, ritter und weiberdichter Herder 7, 67; Mariens charakter war so liebenswürdig, — aber — er war sehr, sehr weiblich! jeder zug so ins allgemeine verschwemmt, jede eigenthümlichkeit so geflissentlich verdeckt, dasz jeder philister des mädchens 'ächte weiblichkeit' preisen konnte Riehl
Eisele u. Beisele 132
f.; wenn aber vornehme weiblichkeit ihr zumutet, in ohnmacht zu fallen, so laszt sie liegen Raupach
ernste dram. 2, 50; die annäherung an höhere weiblichkeit blieb für mich ohne bedeutung und hörte mit den tanzstunden auf Freytag 1, 79; selbst die edle weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewuszten weibchen so viel zu gut thaten, handhabten sie eher als würzkrämer, denn als weiber Keller 4, 40. 55)
die collective bed. '
frauenwelt'
konnte aus der hauptbed. '
weibliche wesensart'
hervorgehen in fällen wie: in meiner jugend erschien mir die weiblichkeit von einer sanften gloria umgeben J. G. Jacobi 6, 229.
sie ist seit ende des 18.
jahrh. nicht selten: opfer die man der schönheit bringt, schmeicheln stets der weiblichkeit Wolf
Ph. Dulder 68; über die stellung (
der mediceischen Venus) sind alle künstler ... einig, dasz es die gewöhnlichste ist, in welche sich die weiblichkeit setzt, sobald das letzte stückchen gewand fällt Seume 170; das ... fehlbetragen der weiblichkeit im hause einer gebährerin Jean Paul
Levana (1814) 678; was übrigens die biederzarte ästhetische weiblichkeit (die ich eine cartoffelpastete nennen möchte) nach Paris verpflanzt für resultate giebt, davon stellen uns Helmina v. Hastfer ... und fräulein Winkel schauderhafte beyspiele dar
Z. Werner
schr. d. Götheges. 14, 30; wenn ihm die ganze hier anwesende weiblichkeit zured't, so betreibt er meine angelegenheit Nestroy 5, 28; aus der tirolischen weiblichkeit Steub
drei sommer 1, 298.
im wortspiel mit der hauptbed.: es fehlt ... bei den festen im orient ... das volkslied und das weibliche element; was an weiblichkeit vorhanden, gehört nicht mehr zur weiblichkeit H. Stephan
das heutige Ägypten 465. 66)
die zuletzt erreichte bed. '
weibliche persönlichkeit'
nähert sich der ältesten und ist doch erst nach allen zwischenstufen möglich: reinlichkeit und wohlausgesuchte form meiner kleider lassen meine ganze weiblichkeit zufrieden vom spiegel gehen S. v. Laroche
frl. v. Sternheim 2, 81; was sagst du zu dieser durchs verkleinern und ausschneiden noch unendlich verrenkten weiblichkeit? Göthe IV 3, 100
Weim. hier ist dann auch wider ein plur. möglich: fast jeder der anwesenden weiblichkeiten sah man das vorangegangene studium an Gutzkow 2, 48; den zauberkreis, den unermeszlich weiten von vielfach reizend schönen weiblichkeiten möcht ich durchziehn im sturme des genusses Lenau 697
Barthel.