verzeihlich,
adj. ,
verbaladjektiv zu verzeihen C.
selten von einem persönlichen verhalten: der küng ain milt, verzichlich man was J. v. Watt
hist. schr. 1, 241
G.; fEadsāiliΧ
gern verzeihend Schöner
Eschenrod 84.
meist jedoch in hinsicht auf das, was zu verzeihen ist, vgl. unverzeihlich
teil 11, 3, 2132. 11)
zur bezeichnung einer schuld, die verziehen, vergeben werden kann; in diesem sinne vergeblich 2 d (
s. o. sp. 392)
entsprechend; peccatum veniale ablessig, licht, taglich, verzichlich sunde (
variloquus 15.
jh.)
bei Diefenbach
gl. 418
b; eine leicht verzeihliche sünde
peccato veniale Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1437
b: souil din gmüt dapferer ist, souil verzychlicher (
ignoscentior) sy, das miner torheit din gerechtikeit etwas hilf sy
Terenz deutsch (1499) 78
a; er überantwortet auch das heilige kleid, aber gezwungen ausz forcht, daher es auch bei den seinen eine verzeiliche missethat war Lautenbach
Egesippus (1575) 110
a; der gedancke aber, darinn der mensch ein wenig verwillige, ... bringe nur ein verzeihliche sünde Nigrinus
v. zäuberern (1592) 445; aber es giebt doch auch verzeihliche verbrechen C.
F. Weisse
lustsp. (1783) 2, 83; sieh ein verzeihliches vergehn mit andern augen an Schiller 15, 1, 70
G.; brenn' kirch' und kloster nieder: du thust verzeihlichere sünde, als in der gewalt so harter beschuldigung der reinsten unschuld maler Müller
w. (1811) 2, 52. 22)
seit der 2.
hälfte des 18.
jhs. häufig in zusammenhängen, in denen die beziehung auf eine schuld mehr und mehr in den hintergrund tritt, vgl. verzeihen C 2 b
u. 3 c.
das wort zielt hier mehr auf ein nach allgemeinverbindlichkeit strebendes urteil über das, was in der menschlichen gesellschaft für zulässig und noch tragbar gehalten wird. die schon bei verzeihen C
begegnenden motive des verstehens (2 b)
und der rechtfertigung (3 e)
treten hier in den vordergrund; so kann verzeihlich
schlieszlich das bezeichnen, was verziehen werden sollte oder müszte, vgl.: dergleichen ... halte ich bey einem manne, der einmal in der laufbahn ist, für sehr erlaubt, verzeylich, und sogar nothwendig Knigge
roman m. lebens (1781) 2, 153; wie bey diesen umständen jeder die unvollständigkeit der benutzten quellen natürlich und verzeihlich finden musz Savigny
gesch. d. röm. rechts (1815) 1, XII
vorr.; die schwärmerei einiger philosophen ist ebenso natürlich als verzeihlich, wenn sie den zusammenhang des ganzen weltgebäudes durch eine grosze allgemeine liebe erklären wollten Tieck
schr. (1828) 14, 191; und was ist es denn, was ich getan habe? was sich erklärt, ist auch verzeihlich Fontane
ges. w. (1905) I 4, 436. 2@aa)
auf eine verfehlte auffassung, falsche einstellung, eine irrige ansicht und dgl. bezogen, '
verständlich, erklärlich'
; vgl. verzeihen C 2 b
α: diese art der abgötterey scheint ... die früheste ... und die verzeihlichste zu seyn
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 44; bey solcher glückseligkeit ist es doch wol ... ein sehr verzeihlicher irthum der imagination, wenn uns die menschen von der gewöhnlichen art nicht mehr gnüge thun Zimmermann
üb. d. einsamkeit (1784) 3, 130; der glaube an gespenster und an andre dinge dieser art ist wohl der verzeihlichste in solchem geheimen wahnregister Herder 17, 227
S.; in Lear und Macbeth und Hamlet, und allen stücken ist die veränderung des orts ..., gewisz nicht blos fehler, nicht blos zulässig und verzeihlich
ebda 5, 242; ein fehler, der beim beginnen jeder wissenschaft unvermeidlich, bei dieser aber sehr verzeihlich ist Göthe II 8, 24
W.; so, so, sprach er, als ich ihn aus diesem leicht verzeihlichen irrtum zog, wirklich kein frauenzimmer H. Heine
s. w. 3, 310
Elster; verzeihlicher wird in unseren augen diese verirrung, wenn die andacht sich auf bergspitzen erstreckt Peschel
völkerkde (1874) 260; vor einem vierteljahrhundert ... war ein solcher irrtum (
vom nomadentum der Germanen) verzeihlich Hoops
waldbäume u. kulturpfl. (1905) 498. 2@bb)
in hinsicht auf einen menschlichen fehler, einen mangel, eine schwäche u. dgl., '
entschuldbar, begreiflich'
; vgl. verzeihen C 2 b
β: fälle verzeihlicher ungeselligkeit Zimmermann
üb. d. einsamkeit (1784) 1, XXII; sein fehler war ... derjenige, der bey einem privatmann der verzeihlichste ist, nehmlich zu grosse güte
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 459; die hauptursache von dieser sehr verzeihlichen schwäche des groszen mannes Jung-Stilling
w. (1835) 3, 8; des lauschers fürsorge, dasz ... eine verzeihliche schwäche des alternden herrn ihn nicht zum gegenstande frivolen gespöttes machen möge, ging in eifersüchtige zweifel über Holtei
erz. schr. (1861) 8, 102; ... da er für seinen eigenen namen, den er so zierlich geschmiedet, eine verzeihliche vorliebe hegte G. Keller
ges. w. (1889) 5, 81; und dann kommt noch die verzeihliche eitelkeit hinzu Fr. L. Jahn
w. (1884) 2, 403; auch ihre schwächen blieben weiblich und darum verzeihlich Treitschke
dt. gesch. (1897) 4, 418; ich habe mir wohl den vorwurf eines schwer verzeihlichen mangels an geduld und rücksicht zu machen, wenn ich so gleich bei ihnen eindringe Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 54; und wenn sie (
die menschen) in verzeihlichem leichtsinn, jugendlicher ungebundenheit, sich lieber gedankenlos treiben lassen, ... müssen sie es sich gefallen lassen, schmerzhaft zurechtgewiesen zu werden A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 121. 2@cc)
ein verhalten, eine eigenart oder andersartigkeit des gegenübers betreffend '
verständlich, erträglich',
vgl. verzeihen C 2 b
γ: das talent würde einen erdrücken, wenn es ihre anmuth nicht verzeihlich machte Göthe IV 37, 176
W.; er, ... dessen grosses talent das streben nach glänzendem glück so verzeihlich macht Iffland
theatr. w. (1827) 4, 95; ich kann ihn, seit ich dieses weisz, nie ohne sorge ansehn, und seine eigenheiten scheinen mir verzeihlicher sowie seine innere frische ... bewundernswerther als zuvor A. v. Droste-Hülshoff
br. (1893) 75; nur dasjenige gefühl der freudigen behaglichkeit laszt uns in schutz nehmen, was bei dem dichter ... etwas erträgliches, verzeihliches, ja mehr als das — etwas rein menschliches ist Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 178.
unmittelbar auf die person bezogen: es ist von jeher für eine wahrheit geachtet worden, dasz das schöne geschlecht in der jugend verzeihlicher als im alter Hertzberg
Till Eulenspiegel (1779) 1, 57.
mit besonderer betonung der umstände, die etwas verständlich und begreiflich machen: sein irrthum war allemahl in rücksicht auf sein zeitalter verzeihlich Lichtenberg
verm. schr. (1800) 6, 101; schon zum dritten male müsse der bursche die paletten unverrichteter dinge abends wieder absetzen, und unter solchen umständen sei es wohl verzeihlich, dass er nicht gern ins atelier hinübergehe G. Keller
ges. w. (1889) 2, 145; räumten ein, dasz in der jugendzeit lieben menschlich sei, sogar verzeihlich Gaudy
s. w. (1844) 1, 148; sie hat sich in den sehr poetischen schwung geworfen, und nichts ist wohl verzeihlicher, da sie so jung ist (1783) Caroline 1, 70
Waitz-Schmidt. 2@dd)
vom eigenen verhalten, mehr als erklärende rechtfertigung denn als entschuldigung, vgl. verzeihen C 3 d
u. e: warum so früh, o gott! warum? zu kühn ist zwar schon diese frage, und nur der unersetzliche verlust macht sie verzeihlich Goekingk
ged. (1780) 3, 249; sie sagen der beschreibung so vollkommen zu ..., dasz mein irrthum verzeihlich ist Schiller 14, 153
G.; ohne dasz ich jedoch aus verzeihlichem unglauben und daran geknüpftem eigensinn die vorstellung hätte ansagen und entscheiden wollen Göthe I 36, 4
W.; es handelt sich selbstverständlich nur um mich, der ich den sehr verzeihlichen wunsch habe, mich von einem häszlichen verdachte zu reinigen Spielhagen
s. w. (1872) 2, 480; wenn ich nicht mit eben so viel enthusiasmus von Shakespeares vortrefflichkeiten sprach, ... so geschah das blosz aus der verzeihlichen ursache ... Ayrenhoff
w. (1814) 2, 94; ich schwieg aus verzeihlicher schonung für mich und meinen mann Holtei
erz. schr. (1861) 3, 220; ew. durchlaucht, es war verzeihliche unvorsicht, wenn ich ... Grabbe
w. 3, 176
Bl.; es war wirklich verzeihlich, wenn ich nur noch flüchtig auf plakate achtete Klemperer
l. t. i. (1949) 93.