verschwistern,
verb. (
vgl. geschwister 4,
th. 4, 1, 2,
sp. 4004, geschwistert
sp. 4008, schwistern
th. 9,
sp. 2721
und oben verschwestern).
das wort ist aus mitteld. quellen belegt. mhd. wb. 2, 2, 776
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 84;
es ist auffallend, dasz das wort, das seit dem 18.
jahrh. in der schriftsprache im eigentlichen und übertragnen sinne auszerordentlich häufig ist, aus älterer zeit sich nicht belegen läszt und auch in den älteren neuhochd. wörterbüchern nicht verzeichnet wird, erst Adelung
führt es auf. —
das wir es mit einer jungen bildung zu thun haben, ist schon wegen des stammvocals nicht anzunehmen, der einen alterthümlichen lautwechsel festhält (nest, nisten, recht, richten,
ahd. sedal,
nhd. siedeln);
dabei ist eine anlehnung an das alte collectivum geswistridi
und ähnliche bildungen sehr wahrscheinlich. zu geschwister
ist ein vergeschwistert
gebildet, das Campe
aus Herder
belegt; s. Schmeller 2, 652. zusammt anderen vergeschwisterten neigungen. Kant 7, 395. 11)
im Sachsenspiegel wird versüsteren
in einer bedeutung gebraucht, die zum nhd. verschwistern
gar keine beziehung hat: sven aver en erve versüsteret unde verbruderet (
für ein erbe weder ein bruder noch eine schwester als nächstberechtigt da ist), alle de sik gelike na to der sibbe gestuppen mogen, de nemet gelike dele dar an, it si man oder wif.
Sachsensp. 1, 171;
vgl. Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 469
a; versusteren ende verbroederen,
fratribus et sovoribus mortuis, hereditatem aliis cognatis deferre. Kilian (1777) 2, 729
b; ab sich eyn erbe vorswistert adir vorbrudirt.
Kulmer recht 4, 65
Leman; vgl. die unter verschwestern
aus Schottel
angeführte stelle. 22)
das nhd. verschwistern
kommt im eigentlichsten sinne nur im part. perf. vor. sie sind verschwistert,
sie sind schwestern oder sie sind bruder und schwester. denn im gegensatz zu verschwestern
denkt man bei verschwistert
eher an geschwister
als an schwester.
das empfindet auch Campe,
wenn er das wort etwas freier fassend sagt: sich verschwistern, '
gleichsam zu geschwistern werden, in verhältnisse der geschwister mit einander treten; wie, sich verbrüdern, verschwestern,
für welches letzte Ad. unrichtig verschwistern,
welches doch von weiterem umfang ist, anführte.' Adelung
verzeichnet nämlich verschwistern
nicht. 33)
in freierer anwendung, eng verbinden, oft mit der vorstellung innerer verwandtschaft, zugehörigkeit, verschwistern
und besonders sich verschwistern,
auf personen und unpersönliches bezogen; in folgender stelle von zwei männern: er drückte Albanos augen zu und sagte neu-verschwistert: bruder! J. Paul
Titan 2, 142 (
Albano liebt Karls schwester, verschwistert
hier also in der ausgesonnenen bedeutung '
durch die schwester verbunden'); denn da mein bruder dich, als eine schwester ehret, so glaub îch, dasz auch wir genau verschwistert sind. Gottsched
ged. 1, 506 (1751).
für die weite bedeutung des verbums charakteristisch ist folgende stelle: denn mit gespenstern sind die diebe nah verschwistert. Göthe
die mitschuldigen 3, 1 (9, 77
Weim. ausg.); Franken und Schwaben! ihr seid nun verschwisterter als jemals.
Götz von Berlichingen 1 (8, 47); verschwistern, '
aufs genaueste mit einander verbinden, welches bei dingen, die gleicher oder ähnlicher art sind, am ersten geschehen kann, daher auch der nebenbegriff groszer ähnlichkeit zwischen den genau verbundenen oder zu verbindenden dingen dabei stattfindet.' Campe; verschwisterte tugenden. Adelung; meine seele sehnet sich nach einer verschwisterten seele. Zimmermann
bei Adelung; sie hatten immer ein sonderbares vergnügen daran gefunden, sich einzubilden, dasz wenigstens ihre seelen einander verschwistert seyen (
nun entdecken sie, dasz sie wirklich geschwister sind). Wieland 3, 238 (
Agathon 13, 2); diesen baum zu fällen, mit dem mein leben verschwistert ist. Musäus 4, 74
Hempel; verschwiegenheit hat unzertrennlich verschwisterte tugenden. Lichtenberg 4, 68 (1844); welche beide (
pantheismus und spinozismus) mit dem uralten emanationssystem aller menschenseelen aus der gottheit (und ihrer endlichen resorption in ebendieselbe) nahe verschwistert sind. Kant 6, 403; das wohl befinden während dieser erregung, weil es sich mit (obgleich übelgedeuteten) ideen des wahns verschwistert. 10, 305; dasz alles so glücklich ist, durch den geist des friedens alles so verschwistert! — die ganze welt eine familie. Schiller
räuber 3, 2
schauspiel; das mit der stiftung verschwisterte krankenhaus. Göthe 34, 1, 136
Weim. ausg.; etwas anders gewendet: ja selbst was wir überliefern von glaubens- und sittenbekenntnisz, wird auf dem wege des gesanges mitgetheilt; andere vortheile zu selbsthätigen zwecken verschwistern sich sogleich (
schlieszen sich sogleich an).
Wilhelm Meisters wanderjahre 2, 1 (24, 235); ob kein wind die lieberklärung als einen verschwisterten wind fortgetrieben. J. Paul
Hesperus 3, 26; in einem reichen sprachgeschlecht steht ein dialekt ferner als der andre, bis der name einer verschwisterten sprache der eigentlichere wird. Niebuhr
röm. gesch. 1, 62 (1828); dann mischt er (
der poet) tag und nacht, verschwistert licht und schatten. Gottsched
ged. 1, 404 (1751); wo fleisz, wo nutz und lust sich stets verschwistert findet. Brockes 1, 129 (1739); ich höre, wie du manchen schertz ihr sinnreich in die ohren flüsterst und ihn mit einem kusz verschwisterst.
Damons freundsch. lieder 13 (1745); den scherz mit küssen zu verschwistern, und, fern vom neid, den langen abend zu verflistern, ist's itzo zeit. C. E. v. Kleist 1, 22 (1760); sie sehn sich staunend an und fühlen sich verschwistert. Wieland 17, 298 (
Idris und Zenide 5, 79); und wähle keine andre zur vertrauten, als welche gleicher sinn für das, was gut und schön und edel ist, mit dir verschwistert.
suppl. 4, 17 (
erinnerungen an eine freundin); wenn, mit zärtlichkeit verschwistert, freude, die im busen wohnt, bald aus deinen lippen flüstert, bald auf deiner lippe thront. Gotter
ged. 1, 164 (1787); und die seelen und engel ihre jubel verschwisterten. Hölty 77
Halm; verschwistert durch harmonie der meinung und der jahre. Schiller
don Karlos 3, 3; die ernte sich vrrschwistert mit den lenzen. Immermann 15, 102
Boxberger mit jener lichten engelschaar verschwistert nur der glaube. Platen 53
a (1839); wenn auch natur ... mir geisteskraft gab, ihr verschwisternd eine bewegliche, weiche seele. 111
b; pöbel und zwingherrschaft sind innig verschwistert. 136
b.