verlügen,
verb. durch lügen, falsche darstellung unrichtig darstellen. die alte form ist verliegen,
so mhd. wo es häufig nachgewiesen ist, selten dagegen ahd. vgl. Graff 2, 131,
ags. forleógan.
es ist oben schon 6, 1272
nachgewiesen, dasz der stamm zwar ein u-
stamm ist, dasz aber durch die wirkung des a
der endung und analogiebildung meist das u
durch brechung sich milderte. mit so geänderter erster person des präsens heiszt das präsens verliege, verleugst, verleugt, verliegen.
aber das wort die lüge,
der lügner,
ferner die zweiten und dritten personen drücken die erste person und den infinitiv bald nieder. das präteritum ist mhd. verlouc,
plur. verlugen.
dieser plural bildet sich wol im ausgehenden 15.
jahrh. in einen verlogen
um, nach art des particips. nach dieser pluralform bildet sich wieder der singular des prät. und so musz denn, obwol nicht an beispielen genau nachweisbar, zu anfang der nhd. periode das verbum gelautet haben präs. ich verliege,
prät. ich verlog, wir verlogen. 11) einen verlügen,
einen in falschem lichte darstellen. absolut: man halt in nit für ein redlich man wer eynen wil zuoruck an gan und schlagen ee dan ers jm sag so er sich nicht gewören mag, aber verlyegen hynder ruck, das sol yetz syn eyn meysterstuck. Brant
narrensch. 101,
s. 96
Zarncke. mit acc. der person: mhd. zeter sî über sie geschrît die mich unt den guoten man alsô lesterlîchen hân mit ir valschen list verlogen und lugenlîch betrogen gein dem lieben herren mîn, dem künige. H. v. Friberg
Tristan 3479;
nhd. hastu im schaden getan mit deinem mul, du hast in verlogen, so thu im einen widerruf. Keisersberg
herr kunig 88
b; du wirst mich verlogen han, aber ich wil auch inhe, und wen ich vernim, wie du mich verlogen hast, so wil ich dier geschir machen und anzeigen, wie du ein mammaluck bist. Th. Platter 85
Fechter; kompt zu im ein bube, der hies Siba, verwesschet und verleuget seinen herrn Mephiboseth. Luther 4, 153; will er jhr abkommen, er musz wol etwas liegen, dasz er sie mög verlü
gen. Fischart
groszm. 12 (1623); du must deinem nechstem, ja deinem bruder freundlich zusprechen, doch ihn heimlich einhauen, verunglimpffen, verliegen. Philander 1, 514; du hast mich verhaitlichen verlogen und umb die schuoch betrogen.
fastn. sp. 507, 9; die böszwichter .. welche nur land und leut bescheiszen, welche uns biszher habn betrogen, mit irer phantasey verlogen. H. Sachs 3, 1, 144 (11, 32, 24
Keller); wer einen im trunck und spil darff betriegen, darff auch eyn statt verrhaten und seine eltern verliegen,
Garg. 194 (1590); meinstu es bleib all weg verschwiegen, weil du dein mitknecht kanst verliegen? Kirchhof
wendunm. 4, 255
Österley. mit accus. der sache, verleugnen: welcher zucht, scham und erbarkeit, zween alte männer schon bereit nachstellen, sie gar zu betriegen und hernach fälschlich zu verliegen.
Susanne 227; ach! lasz doch nicht den menschen zu die uberhand zu kriegen, und dein wort (unsern trost und ruh) vertilgend zu verliegen. Weckherlin 34; ja (frech) darf er got und sein reich verliegen, lästern und verrahten. 35. verlügen
mit angabe desjenigen, an den die anschuldigung gerichtet ist, mitunter reflexivum: das (
büchlein von der babylonischen gefengnis) hat die papisten unsinnig gemacht und haben sich drüber verlogen und verhasset. Luther 2, 145
b; oder .. uns vileicht ein hinderruck verlügender geist und vergifft schandmaul durch dückische verblendung .. bei dir vertragen hette.
Garg. 420 (1590); dencke doch, lieber Christ, erstlich wie der bapst, cardinal, bischove und alle geistlichen, die welt mit dem verlogn ablas erfüllet und betrogen haben. Luther
Hans Worst 54
neudruck. aus obigen belegen ergibt sich, dasz die hauptblütezeit des zeitwortes bis in den anfang des 17.
jahrh. reicht. dann findet es sich zwar hier und da in manirierter, das alterthum nachahmender schreibung, jedoch ist es nicht mehr lebendig. so z. b. der seine .. jugend so schmachvoll zurecht gemacht und verlogen hat.
hall. jahrb. (1840) 527.
bei Stieler
finden wir verlügen
nicht mehr als im gebrauche, es heiszt ausdrücklich: sic etiam verlügen
non invenitur, sed verlogen
mentitus, ementitus 1149,
während Maaler verliegen
criminare 424
a geläufig ist. die wörterbücher des 18.
jahrh. haben nur noch verlogen Krahmer 2, 242
c. Steinbach (1724) 109. Frisch 1, 627
c ('verliegen
ist veraltet'). 22)
erhalten aber hat sich aus dem alten verlügen
das part. präs.: verlügender geist und vergifft schandmaul. Fischart
Garg. 420 (1590),
und ganz besonders das part. prät. verlogen,
ursprünglich part. prät., dann ganz und gar adjectiv. die bedeutung ist eine active, eigentlich der viel gelogen hat,
d. h. der viel zu lügen pflegt.
so schon ahd., wo firlogener
levis Graff 2, 131
aus Wiener glossen nachgewiesen. ebenso mhd. 2@aa) verlogen,
von menschen gesagt: und wil hiemit euch beiden geantwort haben, das jr alle beide vater und son seid verzweivelte ehrlose verlogene bösewichter, da jr sagt, ich habe meinen gnedigesten herrn Hans Worst genennet. Luther
wider Hans Worst 5
neudr.; wo er einmal strauchelt oder feilete, das er darumb solt ein bösewicht oder ein verlogener man gescholten werden. 6, 20
b; schilt mich vor dem herzog einen verlogenen mann. Schweinichen 2, 147; als ich nach meines vaters seeligen tod in diese welt kam, da war ich einfältig und rein .. bin aber bald boszhafftig, falsch, verlogen, hoffärtig, unruhig und überall gantz gottlosz worden.
Simpl. 2, 109, 13
Kurz; ach allerliebstes hertz! antwortete das verlogen rabenaas. 4, 60, 15
Kurz; du magst wol ein verlogener kund seyn, ein mann, ders geld giebt! ein schindhund, ders geld nimmt, das bist du! 1, 125, 22; verlogene leute stecken dahinter, miszgönner mit butz, neid und praktika. Göthe 42, 333; sie war ebenso mitleidig als neidisch oder verlogen und die aufrichtigsten thränen entflossen ihr so leicht wie die falschesten worte. J. Paul 17, 71; ihr seid alle verlogene schelme. Keller
gr. Heinrich 2, 218; solcher bubenstücke vil mer hat der leichtfertig verlogn man andern leuten wol mer gethan. Schade
sat. u. pasqu. 1, 50, 69; du bist sonst ein verlogner mann. P. Rebhuhn
klag des arm. manns 10; was? ihr miszbilliget den kräftigen sturm des übermuths, verlogne pfaffen! Göthe 5, 112.
mit näherer bezeichnung: wer in seinen worten verlogen ist. Butschky
Pathmos 157; wen sie hat mich gen leuten verlogen.
fastn. sp. 701, 11; bist warlich gantz verlogen. Spee
güld. tug. 186; 'auff den verlogenen Varillum'.
überschrift zu Logau 2, 76, 88 (292
Eitner). 2@bb)
von sachen gebraucht: (
wir) haben zwar mit unserm schaden erfahren und ersehen und sehen noch augenscheinlich, was es thuot, sich auff menschen kunst ... verlassen, und unser hail, so einer verlognen art .. vertrauen. S. Franck
Erasmus lob d. thorh. 116
b; ihm auff seine verlogene red antwort gab.
Galmy 248; diejenigen, welche jederman mit ihren gifftigen, verlogenen zungen anstechen. Schuppius 310; eine verlogene zunge macht die allerbesten freunde uneinig.
ebenda; den er heimlich und öffentlich mit verlogenen worten und bösen werken beleidigt habe. 313; in diesen verlogenen zeiten. 570; wenn die unverschämten aufwiegler allerhand verlogne bücher drucken lassen. C. Weise
kl. leute 132; was ich in dreyszig jarn nie kund zu wegen bringn, diese zwitracht hast in eim tag zu wegen bracht, das fromb ehvolck zu hader zwungn mit deinr verlogen giffting zungn. H. Sachs 2, 4, 11 (9, 43, 31
Keller); die zunge, dein schädliches glied, du falscher verlogener mund, thut manchen gefährlichen schnitt. P. Gerhardt 5, 2, 9
Gödeke; doch fahret immer fort, laszt andre sich itzt schlagen, ihr kriegt mit guter ruh. dürfft euren leib nicht wagen in das verlogne glück, in einen glatten streit. P. Fleming 155; o ihr gantz verlognen träume, ist euch unser leid denn lust? 489; der in der Dardaner verlognen stadt gewohnt. J. E. Schlegel 1, 96.