lebensgeist,
m. 11)
spiritus vitalis. Stieler 639,
das in den belebten geschöpfen das leben wirkende und unterhaltende: dem sonnenkörper ist die fliege vorzuziehen, denn ihr, nicht jenem ward ein lebensgeist verliehen. Hagedorn 2, 23;
in der ermattung schlaff, durch labung gehoben: und als er ihn (
den becher) auf einen zug geleert, ists ihm, als ob mit wollustvoller hitze ein neuer lebensgeist durch alle adern blitze. Wieland 22, 83 (
Oberon 2, 47); es war nur wasser — doch, dem halb erstorbnen sinn scheint lebensgeist den gaum hinab zu flieszen. 23, 40 (
Oberon 7, 60); wem schaft nicht gottes edler wein aus düsterm nebel sonnenschein, durchglüht mit lebensgeist das blut, und giebt zur arbeit kraft und mut? Voss 4, 59. 22)
der plural lebensgeister
beruht auf einer älteren medizinischen vorstellung: da es bisher unmöglich war, in die oekonomie des unsichtbaren einzudringen, so hat man die unbekannte mechanik durch die bekannte zu erklären gesucht und den nerven als einen kanal betrachtet, der ein äuszerst feines flüchtiges und wirksames fluidum führet, das an geschwindigkeit und feinheit aether und elektrische materie übertreffen soll, und hat dieses als das principium der empfindlichkeit und beweglichkeit angesehen, und ihm daher den namen der lebensgeister gegeben. Schiller 689;
seit dem 17.
jahrh. sehr häufig begegnend: (
einer der dem tode nahe gewesen, erzählt) die lebensgeister stunden in den thüren ihrer wohnungen und gaben nunmehr gute nacht, dasz ich keinen verstand noch sinn mehr hatte.
polit. stockf. 185; der wein stärkt die lebens-geisterlein. Butschky
Patm. 199; ach, sprach sie, des himmels liebe nimmt mit einem süszen triebe meine lebensgeister ein. Chr. Weise
kl. leute 356; die kräfte selbst, wodurch sie (
die seele) seiner (
des körpers) meister, erkennet ihre schwachheit nicht, die immer-rege lebensgeister, sind ihr so gut als unbekannt. Brockes 3, 655; dem elend (
der todespein) wuszte nun bei uns der weise schöpfer vorzubeugen durch krankheit, die sich insgemein vorher vor unserm tode zeigen, wodurch sich unsre lebensgeister erschöpfen, sich gemach verlieren, als die die quellen unsers fühlens, durch die wir eigentlich nur spüren. 9, 602; der zustand, in dem er sich jetzt befindet, treibt seine lebensgeister alle in empörung. Fr. Müller 2, 135; dann hemmte der heftige krampf einer gewaltsamen eifersucht auf einmal den lauf seiner lebensgeister und seiner ideen. Göthe 18, 214; nur wenig stunden schlaf bedurfte er dieszmal; seine lebensgeister waren früh aufgeregt. 22, 37; wenn wein und geselligkeit die lebensgeister erhöhten. 26, 313; bei dieser traurigen beschäftigung sanken die lebensgeister .. nun habe ich mich wieder aufgerafft. Niebuhr
leb. 3, 255; sicher war er wieder betrunken, aber seine fieberische angst hatte seine lebensgeister alarmirt und für den augenblick die wirkung des branntweins aufgehoben. Freytag
soll u. haben 2, 340; allein ihr kalter grusz schlägt gleich beim ersten blick ihm alle lebensgeister nieder. Wieland 18, 208; wenn seine kraft ihn schier verlassen will, ruft die entflohnen lebensgeister Amandens bild zurück. 23, 62 (
Oberon 7, 99). 33)
auch pflanzen und weltkörpern wird der lebensgeist
beigelegt: ihr (
der sonne) wundervoller lebensgeist, der aus dem tiefen meer des ewgen lichtes fleuszt, erfüllet unsre welt mit leben, wärm und wonne. Brockes 1, 463; hierüber zog mein geist sich, samt dem blick, zusammen, die kleinen röhren (
im stengel der erdbeeren) anzusehn, wodurch in ihrem blut die lebensgeister gehn. 96. 44)
bildlich: in der häuslichen glückseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen wänden vorgetriebnen bequemen freuden nur der zufälligste bestandtheil: ihr nerven- und lebensgeist sind die lodernden feuerquellen der liebe, die aus den verwandten herzen in einander springen. J. Paul
Hesp. 1, 112; dasz in der chemischen retorte des kritikers eben das kostbarste, der flüchtige lebensgeist eines gedichtes verdunstet. A. W. Schlegel
werke 6, 335; der schöpfung seel ist ewger frieden, ihr lebensgeist ein steter krieg. Rückert
liebesfrühling (1872) 16. 55) lebensgeist,
in persönlichem sinne: der dichter Hebel läszt alle kindlichmilden natur- und lebensgeister um uns spielen; er zeigt die welt in dem bilderkasten idyllischer bescheidenheit und glaubensinnigkeit. Gersdorfs
repert. 1845,
heft 34
s. 280. 66) lebensgeist,
vom leben verleihenden geiste gottes: dein lebensgeist durchathme mild luft, erde, feur und fluten! Matthisson
ged. (1794) 44. 77) lebensgeist,
ein gebranntes wasser, der das leben anregt, lebensessenz: den schrecklichsten der tode soll er sterben, zu längrer qual mit lebensgeist bethaut. Wieland 17, 167 (
Idris 3, 66).