grämeln,
vb. ,
älter auch grämmeln,
iterativbildung zu grämen,
vb. (
s. d.),
anscheinend bereits im 17.
jh. in Schlesien aufkommend (
s. u. 1 a),
sprachläufig und literarisch aber wohl erst seit dem letzten drittel des 18.
jhs.; bis in jungen gebrauch mehr md. und nd. als obd. verbreitet; lexikalisch verzeichnet seit Adelung
versuch 22 (1796) 773.
mit dem beisinn des kleinlichen wie grämlich
und, gleich diesem wort, mit den beiden bedeutungselementen '
unfreundlich'
und '
unfroh'
in einer mittelstellung zwischen gram,
adj. und gram,
m., deren gehalt und gewicht dem wort grämeln
aber nicht erreichbar sind. 11) '
unfroh, unfreundlich, mürrisch, kleinlich sein',
auch die neigung dahin umschreibend. 1@aa)
seltener als bei grämlich
von einem inneren dauerzustand. als grundzug des charakters, wesenszug; so vielleicht schon in dem frühesten, an sich mehrdeutigen beleg des wortes, der aber angesichts des beim gleichen und einem nahestehenden autor bezeugten grämler (
s. d.)
am ersten hierher zu stellen ist: (
du bürschlein) komm eylends her zu mir vnd höre fleissig an was ich dir bringe für; du wirst kein grämmeln, noch Catonis ernst verspüren, der sich mit worten wöll in traurigkeit verführen. gieb dich in meine schul ... (
dann wirst du ruhm und lob ernten) W. Scherffer
grobianer (1640) 1;
vgl. P. Drechsler
W. Scherffer u. d. spr. d. Schlesier (1895) 122; Kohlenau mit dem grämelnden herrn ... war hinter ihm versunken W. Raabe
hungerpastor (1864) 2, 44; jener grämelnde historikus und kalumniator (
Tacitus)
ders., s. w. I 6, 6
Klemm; vgl. 5, 436.
von einem gemütszustand, der für eine bestimmte lebensstufe bezeichnend oder an eine bestimmte lebensart gebunden ist: die kopfhänger, die grämelnden alten, die allzu vorsichtigen und genauen überzähler und berechner eines vermögens
hannov. magazin (1788) 881; unten wohnte sonst der alte, grämelnde wirth Tieck
ges. nov. (1854) 10, 33; von der schönen welt verlassen grämelte sie manches jahr Langbein
s. schr. (1835) 2, 52. 1@bb)
häufiger von einer vorübergehenden gemütsverfassung, einer stimmung, laune, soviel wie '
miszmutig, verdrieszlich, abweisend sein, schmollen': es fror mich, ich gähnte, mein kammermädchen grämelte, die leute murreten (1769) J. Möser
s. w. 1, 359
Abeken; und wahrhaftig, ich verlange, wenn ich grämle, oft nicht mehr, als noch einen grämler um mich her Blumauer
ged. (1782) 166; deine Beate wird dir schon ... wackre schnurren erzählen, dasz du lachen muszt, und nicht zeit hast zu grämeln Meissner
Adolph d. kühne (1792) 1, 122; gieb die hand mir, sei nicht bö
s. wer wird noch grämeln, wenn der streit vorbei ist Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 24; zuletzt machte ich meinem miszmut in einem unhöflichen gähnen luft, stand auf und ging in den wald, wo ich mich grämelnd ... niederwarf J. Scherr
Michel 1, 98
Hesse. in alliterierender bindung: musze zum grübeln und grämeln habe ich genug Gutzkow
an Dingelstedt (1877)
in: dt. rundschau 160, 101; Eb. König
Thedel v. Wallmoden (1926) 136.
ungewöhnlich mit abhängigem dativ, soviel wie '
sich einer sache verschlieszen': stralt auch der menschheit morgen auf; er (
der gute) grämelt nie dem neuen lauf (
dem fortschritt) J. H. Voss
s. ged. (1802) 5, 69.
vereinzelt kann sich der sinnakzent des kleinlichen zurückziehen, so dasz die zu gram,
m. gehörige bedeutung echter, begründeter trauer naherückt: überseh ich nun von hier aus mein freilich einfaches leben, so müszte ich grämeln, dasz nicht mehr, und wundere mich, dasz doch manches geschehen Zelter in:
briefw. zw. Goethe und Zelter 6, 133
Riemer. vgl. dazu kärnt. grâm
.ln '
leidend sein' Lexer 120. 22)
ein aussehen oder ein sich äuszern bezeichnend, die einer grämlichen verfassung entspringen, der anwendung grämlich B 3
gemäsz. 2@aa)
auf blick und gesichtsausdruck bezogen, als part. präs.: das fräulein hatte mit der gewöhnlichen grämelnden, süszlichen miene die begleitung angenommen W. Raabe
schüdderump (1870) 1, 163; die augen stieren bei den jungen leuten gierig, bei den alten gedankenlos, melancholisch oder grämelnd und abgespannt in die schüssel B. Goltz
zur physiognomie (1859) 92. 2@bb)
besonders in prägnanter anwendung für ein bestimmtes sich äuszern und reden, in dem das moment des grämlichen bald mehr im krittelnden, mäkelnden inhalt der äuszerung, bald mehr in ihrem als miszmutig, verdrieszlich wahrnehmbaren ton beschlossen liegt: lassen sie den herrn gemahl immerhin ein bischen darüber grämeln, dasz ihm die öftern veränderungen der moden zu viel kosten Möser
s. w. 3, 6
Abeken; immer muszte ich alles nur mit verdrusz hinunter würgen, so wurde gezankt, gegrämelt, gebrummt Tieck
schr. (1828) 5, 188; ohne das mürrische grämeln einer verwitterten duenna, das lästige hofmeistern des hauskaplans ... anhören zu müssen Gaudy
s. w. (1844) 14, 79; 'dir ist man dankbar für das vergnügen ... und du sitzest hier und grämelst.' 'man grämelt ja nicht, wenn man über die dinge, auf welche die unterredung führt, gerade heraus spricht' Immermann
w. 20, 112
Hempel. ähnlich wie bei brummen, knurren
u. a. kann hier von grämeln
in der vertretung eines verbum dicendi die direkte rede abhängig sein: warum verführt ihr (
vernunft, geschäftigkeit) den lieben menschen! grämelt der alte Phantasus, ihr werdet ihn matt und todt noch machen Tieck
schr. (1828) 16, 369; 'schlechter markt', grämelte Alowis Schmied von Zaumberg P. Dörfler
d. notwender (1934) 114.
so auch in unpersönlicher konstruktion: und wie ein mürrischwehrend raunen grämelts durch diese reihen: weg mit jeder plebs Liliencron
s. w. (1896) 9, 23.
vereinzelt sogar mit abhängigem akkusativobjekt: eine fast grunzende, mürrische stimme grämelte irgend etwas dagegen, was man nicht verstehen konnte Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 4, 381.
vereinzelt reflex. sich in den schlaf grämeln '
sich in den schlaf quengeln': gegen morgen ... grämelte sich Gramsalbus (
über ein seinem esel angetanes unrecht) in den schlaf (
nachdem seine zornigen klagerufe an lautstärke eingebüszt hatten) Veit Weber
holzschnitte (1793) 1, 375. 33)
mundartlich, wenn wirklich hierher, auch als intensivum zu grämen,
vb. (
s. d. B)
in schles. grammeln: das ding grammelt mich Weinhold
schles. 29
a.
dazu: grämelgrille, f., '
laune, grille': herr und frau die haben grämmelgrillen W. Scherffer
in: P. Drechsler W.
Scherffer u. d. spr. d. Schlesier (1895) 122. —